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Alte Hamburger Lichtspielhäuser (8)

Das „CAPITOL": Ein Kino wie eine Kathedrale

Von Volker Reißmann

In den Erinnerungen der alten Eimsbüttlerin Herta Kempcke („Chronik Hoheluft", hrsg. von Helmut Müller, Freundeskreis Falkenried e.V. I989) heißt es über das Mitte der 1920er Jahre errichtete neue Filmtheater in der Hoheluftchaussee: „Zur Rechten des Gartens der Vergnügungsstätte .Colosseum' stand ein rotes Etagenhaus, in dem der bekannte Schlachter Louis Richter mit Familie ein erstklassiges Fleischereigeschäft betrieb, und darüber hatte Dr. Emil Dehn seine Arztpraxis. In die Lücke zwischen ,ColosseunV und Etagenhaus wurde I926 das schöne Lichtspielhaus ,Capitol' gebaut, mit bunten Glasfenstern in der Halle, die unter dem Vorführraum lag. Das ,Capitol' hatte Logenplätze und dann noch zwei Gruppen von Sitzreihen. Die Vorverkaufs-kasse hatte schon vormittags geöffnet. Am Abend drängte man sich vor den beiden Kassen, und manches Mal passierte es uns, dass wir nicht hineinkamen, da alles ausverkauft war. Im 2. Weltkrieg blieb das Lichtspielhaus weitgehend von den Zerstörungen der Bombenwürfe verschont.Als dann die ,PRO' das Gebäude übernahm, diente der Vorraum als kleine Cafeteria, die leider abgebrochen wurde, als die Hoheluftchaussee verbreitert wurde".

 

Das ,,Capitol" an der Hoheluftchaussee 52 war mit insgesamt I.258 Sitzplätzen nicht nur das größte Lichtspieltheater in Eimsbüttel, sondern zählte auch lange Zeit zu den größten der Hamburger Kinos überhaupt. Die expressionistische Fassade war mit Klinkern unter Verwendung von Terrakotten verkleidet; über dem Vestibül befand sich noch ein Stockwerk mit einem Büro und einer Wohnung. Große feuervergoldete Buchstaben signalisierten den Namen des Kinos. Der Architekt Rolf-Peter Baacke beschrieb die „sachlich puristische Kinoarchitektur" in seinem Buch „Lichtspielhausarchitektur in Deutschland" (Berlin, I982) wie folgt: ,,Der räumliche Eindruck in Vorhalle, Kassenhalle und Foyer wurde bestimmt von Materialien wie schlesischen Marmor; Terrakotten, dunkler Eiche, kaukasischem Nussbaum und Weiß- bzw. Goldmetall für Gitter und Beschläge." Programmatisch stand das Gebäude nach Baackes Ansicht für eine sachliche, einzig an der Filmvorführung, am Medium Film, orientierte Kinohausarchitektur.

 

Die gesamte Gestaltung hatte der damals junge Architekt Henry Schlote, Sohn eines Kirchenbaumeisters, übernommen, der selbst den Bau in einer zeitgenössischen Architekturzeitschrift wie folgt beschrieb: „In warmer Tönung abgestimmt nach Braun, Rot und Gold. Decke hell. Aufteilung der Decke durch zwei indirekte Lichtgesimse, welche die Decke nach der Mitte zu stark erheben scheinen. Holzwerke der Türen,Vertäfelungen, Logen in Ebenholz, Gestühl rot mit Gold, Gitter und Beschläge Gelbmetall. Vorhang rot. Bühnennische vor dem Vorhang Blattgold lasierend bemalt [Red. Anm.: Eigentlich war es ein Orchestergraben, da es bei der Kinoplanung noch keinen Tonfilm gab, sondern Musiker aufspielten]. Fußboden Holz, in den Gängen überall in schwarzer Fläche abgedeckt mit Teppichen in schwarzen, blauen, roten und grauen Farben. Die wesentlichen Raumwirkungen werden durch die Anordnung des Lichts bedingt," Die 2,5 x 8 Meter große Bühne konnte auch als Sprechpodium benutzt werden. Das ungewöhnlichste für einen Kinobau waren jedoch die zahlreichen Buntglasfenster; die sowohl den seitlichen Wandelgang im Foyer als auch beide Seiten des Kinosaals schmückten und dem Ganzen eine fast sakrale, kirchenschiffartige Atmosphäre verliehen. Der Architekt Henry Schlote, der sich später mit zahlreichen anderen Bauten in Hamburg und anderen Städten großes Ansehen erwarb und auch für die Däneckes noch ein Wohn- und Geschäftshaus in der Hamburger Straße entwarf, war im übrigen ein enger Freund der Kinobetreiberfamilie.

 

Die heute in Othmarschen lebende 82jährige Carla Heitmann, eine geborene Dänecke, schildert, wie alles begann: „Der am I.Januar I865 in Hamburg geborene Julius Carl Dänecke, mein Großvater; kaufte im Jahre 1925 ein Grundstück von einem Herrn Heeschen, der an der Hoheluftchaussee ein Gartenrestaurant hatte, um dort ein weiteres Lichtspieltheater zu errichten." Er besaß bereits in Barmbek den „Viktoriagarten", ursprünglich ein beliebtes Tanzlokal bzw. Ballhaus, dass aber aufgrund des Vorgartens und der Veranda auch Ausflugslokal war J.C. Dänecke betrieb es seit dem Kauf und der Umgestaltung am I I. August 1889. Als dieses dann nicht mehr so gut lief, beantragte er am 22. November 1923 in weiser Voraussicht in dem für Gewerbeanmeldungen zuständigen „Bezirksbureau Süd-Barmbeck" eine Umwandlung in einen Lichtspieltheaterbetrieb namens „Welt-Lichtspiele" (ein Kuriosum am Rande: Die für die Anmeldung zu entrichtende Gebühr betrug die unglaubliche Summe von 900 Milliarden Mark, da man sich gerade am Ende der galoppierenden Inflation befand). Als Dänecke und Heeschen am 19. Oktober 1926 im „Bezirksbureau Eppendorf' die handelsgerichtliche Eintragung ihres vier Tage zuvor eröffneten Betriebes vornahmen, betrug die Anmeldegebühr nur 20 Reichsmark. Das war noch zu Stummfilmzeiten. Bei der 1930/31 vorgenommenen Umstellung auf Tonfilm brauchten außer der Tontechnik nur kleinere Deckenveränderungen im „Capitol" vorgenommen zu werden, um die notwendige Akustik zu erzielen.

 

Carla Heitmann erinnert sich: „Eigentlich hatte mein Großvater geplant, dass das ,Capitol' sein ältester Sohn Carl bekommen sollte - und er selbst wollte die ,Welt-Lichtspiele' behalten. Doch das Schicksal entschied anders, denn der Sohn starb bereits 1931. Ich war 10 Jahre alt, als er starb - und ich glaube, diesen Schlag hat mein Großvater nie verwunden. Zu der Zeit hatten wir auch noch das Hotel ,Waldhaus Wohldorf in den Walddörfern. Dort erschien eines Tages im Jahre 1938 eine militärische Delegation, die sich den ganzen Komplex vom Keller bis zum Dachboden ansah. Dann als die Offiziere schon wieder in ihre Wagen steigen wollten, fragte mein Vater, was sie eigentlich wollten: .Eigentlich dürfen wir ihnen das gar nicht sagen', antwortete da ein Oberst, aber im Falle eines Krieges ist dieses Haus als Lazarett vorgesehen!'. Da hat mein Vater das Hotel sofort zum Verkauf angeboten und sich bei meinem Großvater eingekauft".

 

Von nun an hieß die Firma „Lichtspieltheatergesellschaft J. Carl Dänecke und Max Dänecke, Capitolund Welt-Lichtspiele". 1942 wurden die „Welt-Lichtspiele" nach einem Luftangriff völlig zerstört. Der Familie gehörten damals neben dem Grundstück in der Wohldorfer Straße in Barmbek, wo sich die „Welt-Lichtspiele" befanden, und dem angrenzenden Grundstück in derVolksdorfer Straße auch noch Etagenhäuser in der Hamburger Straße mit Wohnungen und Läden. Im Jahre 1938 kaufte dann offiziell Max Dänecke von seinem Vater den Kinobetrieb und übernahm die Geschäftsführung. „Wir waren ein Nachspieltheater; weil wir in Eppendorf etwas außerhalb lagen", erinnert sich Carla Heitmann, „und auf dem sehr breiten Fußgängerweg direkt vor unserem Kino stand eine wunderschöne Linde." Dort, wo der Baum gestanden hatte, wurde später eine quadratische Leuchtsäule (Obelisk) errichtet mit der von oben nach unten beidseitig angebrachten Schrift „CAPITOL".

 

In den 1930er Jahren zog die Familie Dänecke vorübergehend direkt ins „Capitol", wo sich eine Wohnung über der Vorhalle des Kinos befand und daneben ein Büro mit separater Tür und Treppenhaus. Der Beginn des 2. Weltkrieges im September 1939 brachte auch für die Familie Dänecke große Veränderungen mit sich: „Ich kam aus dem Arbeitsdienst in Polen, als mein Vater plötzlich zu mir sagte: ,lch kann mir ausmalen, dass ich bald zum Militär eingezogen werde!'", erinnert sich Carla Heitmann. „Daher befahl er mir; auf die Handelsschule zu gehen und wies unsere Buchhalterin an, mich in die Buchführung unseres Kinos einzuführen. Und ab 1942 hatte ich dann die Doppelbelastung: Ich ging in die Schule und war nachmittags immer in unserem Geschäftsbetrieb eingebunden. Mein Großvater, der 1945 starb, wollte, obwohl er die Treppen eigentlich nicht mehr so gut hochkam, öfter mal die Bücher sehen: Doch da habe ich zu ihm gesagt, dass ist gar nicht nötig, da stimmt alles, beim Kino kann man ja überhaupt nichts veruntreuen, denn das geht ja alles an die Steuer von jeder Karte der gleiche Anteil, so dass das Kino das einzige Gewerbe war, wo man wirklich keine Chance zum Mogeln hatte. Als wieder einmal so ein Besuch von meinem Großvater anstand, sagte mein Vater: ,Gib' mir mal den ganzen Salat!' - und dann hat er überall Haken gemacht. Dann kam mein Großvater einige Zeit später und fragte ungläubig: .Mein Sohn hat die Bücher schon geprüft?' Er sah überall die Zeichen und war sprachlos: Das war das erste Mal in seinem Leben, dass sein Sohn die Bücher geprüft hatte!"

 

Max Dänecke wurde im letzten Kriegsjahr in der Tat zum Kriegsdienst als Landesschütze verpflichtet. Und so kamen nach den Luftangriffen des öfteren Polizisten von der Wache an der Hoheluft, um nach dem Rechten zu sehen. Sie wollten - so gut es ging - helfen, denn sie hatten Max Dänecke versprochen, seiner erst 24-jährigen Tochter notfalls zur Seite zu stehen. An der Kasse des ,,Capitol" lernte Carla Heitmann dann auch kurz darauf ihren späteren Mann, Walter Heitmann, kennen, als er höflich nach einer Sitzmöglichkeit für seine Mutter fragte, die Wert auf besondere Beinfreiheit legte.

 

Unterstützung erfuhr Carla Heitmann damals nur durch die wenigen nicht im Kriegseinsatz befindlichen Angestellten, später auch durch ein paar polnische Arbeiter und den einbeinigen Vorführer Kuno, dessen Courage sie beeindruckte: ,,ln den Bombennächten spritzte er immer wieder das Kinodach nass, damit es beim Angriff kein Feuer fing - und er schaute regelmäßig, ob und wo schon wieder überall Brandbomben gefallen waren. In einer schrecklichen Nacht im Juli 1943 kam mein Mann gerade mit einem Kameraden aus Berlin und meine Schwiegereltern, die kurz zuvor gebadet hatten, waren in Pyjama und im Bademantel, als die Sirenen losgingen. Die ersten Bomben fielen gleich neben unserer damaligen Wohnung in der Neumünsterschen Straße - da war die Christuskirche, wo gleich ein Volltreffer reinging. Wir konnten Gott sei dank rechtzeitig in den Keller flüchten. Bei einem anderen Angriff fielen 18 Brandbomben auf unser Kino. Vater ging auf Hausschuhen runter in die Marmorhalle, unter der sich ein kleiner Kellerraum mit Etagenbetten befand, doch da flog ihm schon das Kellerfenster förmlich um die Ohren, glücklicherweise erlitt er nur leichte Gesichtsverletzungen. Da war mit dem Kino zunächst Schluss."

 

Bei diesem Chaos war erst einmal raus aus den Trümmern angesagt. Bei dem großen Bombardement brannte auch die über dem Eingang liegende Privatwohnung und das Büro völlig aus. Dank großzügiger Verwaltungsunterstützung durfte Familie Dänecke (nun als Mieter) ihre alte Wohnung im Waldhaus Wohldorf wieder beziehen. Das am 26. Juli 1943 beschädigte Kino konnte, nachdem vom Architekten Rover die nötigsten Reparaturen durchgeführt worden waren, bereits am 21. Januar 1944 wiedereröffnet werden. Insbesondere eine notdürftige Instandsetzung der stark in Mitleidenschaft gezogenen Hängegipsdecke des Saales mitVuten aus Stuck war durchgeführt worden. Carla Heitmann erinnert sich: „Ich hatte möglichst viele Angestellte behalten, damit sie nicht in die Rüstungsindustrie mussten. Darunter waren auch zwei Putzfrauen, die brachten von Zuhause große Eisentöpfe mit und kochten dann Kohlsuppe für die uns bei der Renovierung helfenden polnischen Arbeitskräfte. Die waren natürlich selig, dass sie etwas zu Essen bekamen, denn das war auf jeden Fall besser als die Verpflegung im Lager Später bekam ich für die Deckenrestaurierung feurige Italiener zugeteilt. Ich besitze noch heute als Andenken den Reichsfilmkammerausweis meines Großvaters, denn wenn man dort nicht Mitglied war, durfte man natürlich auch kein Kino betreiben. Da gab es bei der Entnazifizierung natürlich auch für meinen Vater Schwierigkeiten, der ebenfalls Mitglied gewesen war Aber er sagte dazu: ,Was hätte ich denn tun sollen? Man hätte mir sonst mein Kino weggenommen!'"

 

Eine besondere Spezialität des ,,Capitol"-Kinos waren von Anfang an die ebenso aufwändig wie liebevoll gestalteten Schaukastendekorationen und großen Werbeflächenmalereien, die nicht selten mehr Aufmerksamkeit als der eigentlich Film erhielten. Diese wurden stets von der befreundeten Malerfamilie Kippenberg geschaffen. Ein Onkel dieser Familie hatte schon für die „Welt-Lichtspiele" anlässlich der Premiere des Hans-Albers-Film „RRI antwortet nicht" 1932 zwei Flugzeuge aus grauer Pappe entworfen, sie silbern angemalt und an die Fassade gehängt. Ein Foto im Branchenorgan „Film-Echo" zeigte im Jahre 1948 die sich über die ganze Kinofront hinziehende Attrappe einer gotischen Basilika anlässlich des Filmstarts des „Glöckners von Notre Dame", die bereits von seinem Neffen geschaffen wurde.

 

An ihn kann sich Carla Heitmann noch gut erinnern: „Eines Tages sagte Hermann Kippenberg, der schon als 14-Jähriger immer mit seinem Onkel bei der Plakatmalerei in der „Welt-Lichtspiele" geholfen hatte und ein großer Künstler war; zu meinem Vater: Ich habe vom NWDR ein tolles Angebot bekommen - bei der REAL-Film wird ein Dekorationsmaler gesucht. Obwohl mein Vater einerseits seinen Weggang bedauerte, empfahl er ihm doch sofort, die Chance zu ergreifen. So ging er weg und landete schließlich beim ZDF, wo er später die ganzen Studiodekorationen geschaffen hat. Ich erinnere mich noch gut, dass er nur ein Foto von irgendeiner Person brauchte; dann benutzte er seinen Spritzapparat und ehe man sich versah, war das Bild auch schon fertig. Ich habe oft zugeguckt, da er immer in einem geräumigen Atelier hinten im Hof bei uns arbeitete.

 

Eine besonders freundschaftliche Verbindung gab es auch zu Hans Albers. Schon als das „Capitol"-Kino 1926 eröffnet wurde, war der beliebte Hamburger Schauspieler zusammen mit Hilde Körber einer der Ehrengäste bei der Eröffnungsparty in der großen Eingangshalle. Auch später riss der Kontakt nie ganz ab; stets wurden alle seine neuen Filme in diesem Kino gespielt und etliche Premierenfeiern abgehalten. Unvergessen ist Carla Heitmann besonders ein Galaabend im „Hotel Atlantic", bei der die Schwester von Hans Albers ihr spontan einen Tanz mit dem blonden Hans vermittelte: „Sie sagte zu mir: Tanzen sie doch einmal mit meinem Bruder!' Dabei hatte er schon ganz verschwiemelte Augen. Ich erinnere mich noch, dass der Friseur von Hans Albers, der auch zugleich Chauffeur war und sich um seinen Cognac kümmerte, eigentlich immer auf der Suche nach dem Schauspieler war - irgendwo hatte er sich immer verkrümelt! Nach der Premierenvorstellung musste er sich zudem Ja stets noch verbeugen und dann abgepudert werden - das war immer ein großer Aufwand, aber es war irgendwie auch sehr lustig. Ich kann ihnen sagen, mit Hänschen haben wir etwas erlebt."

 

Aber auch andere Prominenz ging gerne ins „Capitol". So kam Fita Benkhoff 1953 anlässch der Aufführung des Reinhold-Schünzel-Filmes „Amphitryon" und ließ sich auf der Bühne nach der Vorstellung vom Publikum feiern. Von einem aufregenden Chiffon-Abendkleid umweht, griff sie zum Mikrophon und sagte süffisant: „Wenn die Männer wüssten, wie die Frauen wirklich sind..." Auch die damals sehr bekannte Drehbuchautorin Thea von Harbou, die zeitweise mit Fritz Lang verheiratet und das Script zu ,Metropolis' geschrieben hatte, kam des öfteren zu Galapremieren ins „Capitol". Carla Heitmann erinnert sich: „Ich habe sie nur erlebt im schwarzen Kleid, straff hinten mit so einem schwarzweißen Knoten hochgesteckte Haare, ungeschminkt, mit Lidschatten, aus der Form gegangen - aber ihre Drehbücher waren stets große Klasse. Eine ihrer Schwestern war Jutta Freybe, verheiratet mit dem damals sehr beliebten Schauspieler Albert Matterstock, der sich gerade in Pommern ein großes Gut gekauft hatte. Er hatte ein Unglück mit seinem neuen Trecker, der auf ihn gefallen war Im Krankenhaus wurde er zum Morphinisten, weil er es vor Schmerzen nicht mehr aushielt. Als Matterstock zu uns kam, erinnere ich mich noch, wie er sich in unserem Privattrakt nach der Toilette erkundigte. Wenig später kam er zurück und meinte: ,ln ihrem Apothekerschrank ist ja noch nicht einmal eine Kopfschmerztablette'. Woraufhin ich sagte: „So was brauchen wir auch nicht.' Er sagte darauf hin: .Mein Gott, wie soll ich das da unten überstehen ohne Tabletten.' Und ich antwortete: Also von mir können sie keine bekommen.'. Und später ist er ja dann auch in derTat an seiner Morphiumsucht gestorben. Auch Sybille Schmitz kam häufig zu uns. Allerdings nicht als Premierengast, sondern ganz normal einmal die Woche zum Filmegucken, da sie eine Wohnung am Innocentiapark hatte und nur die Hoheluftchaussee ein Stück herunterzugehen brauchte. Sie trug immer so ein Tuch, damit man ihr Gesicht nicht sah und verschwand gleich in Loge 3."

 

Das „Capitol" gehörte aufgrund seiner relativ geringen Kriegsschäden zu den zehn Filmtheatern, die bereits am 27. Juli 1945 zur Unterhaltung für die deutsche Zivilbevölkerung von der britischen Militärregierung die Erlaubnis erhielten, wieder zu öffnen. „Nach dem Tode meines Großvaters 1945 haben mein Vater und ich das Kino weitergeführt", erinnert sich Carla Heitmann, „aber er hat sich später gerne etwas zurückgezogen und ist zur Jagd nach Schleswig-Holstein gegangen. Zumal das Geschäft immer komplizierter wurde und er sich förmlich ausrechnen konnte, wann wir aufgeben müssten. Die ersten Nachkriegsjahre lief es noch ganz gut, dann eröffnete ein Kino in der Nachbarschaft, dann noch welche in der Innenstadt, wo ja immer mehr Uraufführungen stattfanden. Schon seit 1943 wurden viele Premierenfilme direkt in der Innenstadt gespielt, wenngleich wir bis 1953 auch noch viele Erstaufführungen hatten. Aber dann machten die großen Kinos in der City wieder auf und auch der ,UFA-Palast'. Schon 1954, als meine Tochter geboren wurde, hatten wir die ersten größeren Rückgänge an Besucherzahlen. Trotzdem wollten wir das Geschäft solange wie möglich aufrechterhalten. Die großen US-Filmgesellschaften, wie die Universal oder die Metro-Goldwyn-Mayer hatten zu der Zeit alle Büros in Hamburg und einen Vorführraum. Wenn ein neuer Film kam, dann ging ich morgens hin und schaute ihn mir an. Wirkte er zu amerikanisch, dann war ich skeptisch, denn ich kannte ja den Geschmack meines Publikums und wusste in etwa, was laufen würde und was nicht. W i r waren eben ein ausgesprochenes Familienunternehmen - nicht nur wir; sondern auch das Publikum kam mit Kind und Kegel. Mit Töchter und Söhnen - da musste man schon ein bisschen Rücksicht nehmen, so ganz .verrückte' Filme konnten wir daher nicht zeigen. Also, wir haben natürlich auch amerikanische Filme gespielt, da ging ja kein Weg dran vorbei. Häufig ging ich auch mit meinen Mann ins ,Waterloo'-Kino in die Innenstadt, wo wir uns gerne auch einmal Slapstick-Filme angeschaut haben -- und wenn wir herzhaft darüber lachen konnten, haben wir sie auch nachgespielt. Ebenso nahmen wir gerne dramatische Werke wie „Wem die Stunde schlägt" ins Programm oder auch mal einen schwedischen Film - wenn beispielsweise mal ein Filmverleiher kam und sagte: .Wenn ich den Film nicht spiele, dann kriege ich überhaupt keine anderen mehr!'So lief es doch, gibst Du mir was, gebe ich Dir was. Da haben wir solche Sachen dann eben nur ein paar Tage gespielt."

 

Wenige Jahre nach Kriegsende übernahm der Inhaber Max Dänecke die Geschäftsführung wieder weitgehend in eigene Hand. Ihm halfen noch rund zehn Jahre lang sein Geschäftsführer Hellwig und der Ende 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Sohn Carl Heinz (der 1952 eine Filmkaufmannsprüfung abgelegt hatte) bis zur letzten Vorstellung.

 

1951 konnte das „Capitol" noch glanzvoll sein 25jähriges Jubiläum feiern. Doch die folgenden Jahre brachten einen immer stärkeren Besucherrückgang. Als direkt konkurrierende Kinos gab es in unmittelbarer Nähe nur die „Hochhaus-Lichtspiele" (das noch heute existierende ,,Holi" im Klinker) und die „Blumenburg". „Obwohl da immer richtige Knallbumm-Filme liefen", erinnert sich Carla Heitmann, „ging mein Mann jeden Dienstagabend mit Schulfreuden hin. Dann sahen sie immer Alan Ladd und Stewart Granger [beide betont deutsch ausgesprochen], wie sie gerne sagten. Einmal war auch mein Sohn mit, als er vielleicht sechs oder sieben Jahre alt war Da meinte er hinterher; als das Liebespaar sich im Filme küsste, hätten alle Besucher „Halbzeit" gerufen. Der Betreiber Hugo Steigerwald, gab schließlich als einer der ersten auf. Aus seinem Kino, der „Blumenburg", entstand schließlich der erste ,,Aldi"-Supermarkt in Eimsbüttel. Da lag das Kinogewerbe schon völlig danieder Es ging rasant den Berg hinab, in dieser Zeit. Da musste man wirklich schon sehr gute Nerven haben." Und auch das Fernsehen lieferte mit immer besserer Qualität Aktuelles und Filme in die Wohnungen.

 

Auch Investitionen in die CinemaScope-Technik brachten nicht den erhofften Umschwung. Anfang der 1960er Jahre schließlich war abzusehen, dass aufgrund der schlechten Auslastung das Kino nicht mehr rentabel zu betreiben sein würde. Schweren Herzens beschloss die Familie Dänecke, das Lichtspieltheater zur zweiten Jahreshälfte I 962 zu schließen. Im Kinoteil des „Hamburger Abendblattes" erschien am Donnerstag, den 19. Juli 1962, folgende Anzeige: „Unser vorletztes Programm: ein französisches Lustspiel der Spitzenklasse: 15.30, 18, 20.45 Uhr: ,Das französische Fräulein', m. Agnes Laurent i.d. Titelrolle. (...) Ab Fr geschlossen. Allen treuen Kunden unseres Hauses gilt nochmals unserer Dank." Nach kapp 37 Jahren schloss das Kino nun also endgültig seine Pforten. In den kommenden Wochen wurde das Gestühl ausgebaut und das Gebäude zu einem Supermarkt der „PRO" umgebaut (der später in „Basar" bzw. „Comet" umbenannt wurde). Im Zuge der Verbreiterung der Hoheluftchaussee Ende der 1960er Jahre verschwand auch die markante Klinkerfassade und nur ein Torso des ursprüngchen Gebäudes blieb noch bis zum endgültigen Abriss in den 1980er Jahren erhalten.

 


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