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Der Kameramann Jan Thilo Haux:

Am Ende stets ein gesprochener Witz

Für ihn galt seit jeher: Am Anfang war das Bild. Ob gemalt oder gefilmt – es waren die beiden Leidenschaften des Jan Thilo Haux. Am 15. April 2001 starb der 81-Jährige, der das Fernsehen der Anfangsjahre als Kameramann in Hamburg entscheidend mitgeprägt hat. Filme von Max H. Rehbein, Thilo Koch oder Rüdiger Proske sind von ihm ins Bild gesetzt worden. Auch die legendäre „Familie Schölermann“ hat Haux abgelichtet, blieb aber eher dem Aktuellen und der Dokumentation treu. Als Chefkameramann des NDR hat er sich aber nicht nur Freunde gemacht; trat er doch vehement für den zügigen Wechsel von Film auf Video ein. Schnelligkeit, Flexibilität und unkomplizierte Handhabung hatten ihn früh für diesen „Systemwechsel“ begeistert. Und gleichzeitig war er der einzige Kameramann, der es in Deutschland gewagt hat, ganze Fernsehreihen auf dem Amateurfilmformat Super-8 zu drehen. Vor einem Jahr führte Jürgen Lossau ein ausführliches Gespräch mit Jan Thilo Haux.



Herr Haux, Bilder haben Sie schon immer gefesselt?

Ich habe mit der Malerei angefangen, Expressionismus hat mich gereizt. Nach dem Krieg brachte ich von Mai bis Weihnachten die Zeit auf einer österreichischen Berghütte zu. Dort habe ich an Amerikaner und Einheimische meine Bilder verkauft. 10.000 Dollar habe ich mir damals „zusammengemalt“. Schon in meiner Jugendzeit in Berlin und Potsdam hatte ich mit meinem Freund Rudolf Kipp das Geld für eine Kamera erspart. Ich bin mit Kipp zusammen ins Gymnasium gegangen, wir haben alles gemeinsam gemacht. Damals haben wir vereinbart: jedem gehört die Pathex-Kamera jeweils zwei Monate, aber in dieser Zeit muß der andere alles vor der Kamera machen, was nötig ist.

Schon 1942 haben sie zusammen mit Rudolf Kipp und Heinrich Klemme die „Herstellungsgruppe Atlantis“ gegründet.

Ich habe zum Beispiel mit Kipp auf Rügen einen Kulturfilm für die UFA gedreht. Das hat sich nach dem Krieg über die „Deutsche Dokumentarfilm“ fortgesetzt. Bis Ende 1952 war ich dann bei „Welt im Film“. Nachdem das Fernsehen 1950 mit einem Versuchsprogramm startete, wurde die Arbeit für „Welt im Film“ immer weniger. 1953 kam der Leiter der Tagesschau, Martin S. Svoboda, zu mir und fragte: „Willst du nicht zu uns kommen?“ So wurde ich erster Chefkameramann der Tagesschau. Bis 1954 haben wir sogar noch auf 35mm gedreht. Dann sind wir auf 16mm umgestiegen. Das Material wurde stets bei Geyer in Rahlstedt entwickelt und von unserem Fahrer abgeholt, in die Heilwigstraße gebracht, wo der Schnitt stand. Dort saß die „Neue Deutsche Wochenschau“, mit der die Tagesschau einen Vertrag hatte. Viel Material kam damals direkt von der Wochenschau.

Damals ist man als Kameramann im Aktuellen noch viel in ganz Deutschland unterwegs gewesen, selbst im Ausland.

Ja, zum Beispiel 1961 bei Nehru in Indien, der so interessiert war, dass er mit meiner Kamera selbst einige Szenen drehen wollte. Häufig haben wir auch Adenauer begleitet, so zum Beispiel beim Staatsbesuch in Wien. Doch es kam dann später immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Kollegen, die mit großem, sperrigem Equipment protzen wollten. Für mich sollte die Kamera so klein wie möglich sein. Also bin ich aus dem aktuellen Bereich rausgegangen. Ich wurde Redakteur in der Redaktionsgruppe „Weiterbildung“ mit Kameraund Regieverpflichtungen. Allerdings war ich 1972 bei den Olympischen Spielen in München nochmals als Chefkameramann tätig.

Was war in dieser frühen Zeit des Fernsehens das Besondere daran, Kameramann zu sein?

Wir hatten das große Glück, dass wir in ein Medium hineinwuchsen, das es noch nicht gab, das wir nach unseren Vorstellungen aufbauen konnten. Das Glück der frühen Geburt. Was mußten wir nicht alles improvisieren, weil das Geld oder die technischen Möglichkeiten fehlte! So haben wir zum Beispiel Überblendungen mit der 35mm-Kamera gemacht, nicht etwa hinterher im Kopierwerk. Eine Szene wurde manuell abgeblendet, die Filmrolle gewechselt und an einem anderen Motiv, teilweise Tage später und Hunderte von Kilometern entfernt, wieder eingelegt und aufgeblendet. So reisten wir mit 20, 30 Rollen Film durch die Gegend und mußten stets genau beachten, wann soll welche Szene auf welcher Rolle überblendet werden. Noch ein Beispiel: Der damalige Intendant Dr. Werner Pleister gab mir die Aufgabe, ein Feuerwerk aufzunehmen, bei dem unbedingt der Schriftzug „Phoenix-Reifen“ zu sehen sein sollte, weil die Firma die Kosten des Feuerwerks übernommen hatte. So standen wir am Alsterufer, doch als der Schriftzug aufleuchtete, hatte der Wind gedreht. Vor lauter Qualm sahen wir gar nichts mehr. Aber der Intendant bestand hinterher noch immer darauf, „Phoenix-Reifen“ zu zeigen. Da habe ich mir von der Abteilung Grafik die Buchstaben „Phoenix- Reifen“ ausschneiden lassen, habe dahinter Pergament- Papier geklebt, habe mir Mangnesium- Fackeln genommen, bin nach Poppenbüttel gefahren und in die Alster gestiegen. Auf einer kleinen Sandbank haben wir die Buchstaben aufgestellt, dahinter einen Graben für die Fackeln geschaffen und haben alles über dem Wasser gedreht, damit sich das Ganze auch spiegelte. Später wurde die Szene ins Feuerwerk eingeschnitten.

1967 hatte Ihre Fernsehreihe für Amateurfilmer, „Film als Hobby“, Premiere.

Damals kam der Berliner Max Rendez, begeisterter Amateurfilmer, mit einem Kameramann zum NDR und schlug einen Schmalfilmkurs vor. Die ersten Folgen, die in der Unterhaltung entstanden, überzeugten den damaligen Leiter Henri Regnier nicht. Martin Svoboda von der „Tagesschau“ sagte dann auf einer Abteilungsleiterkonferenz: da müßt ihr den Haux dransetzen. Mit Max Rendez habe ich das Konzept entwickelt und wir beide haben die Reihe moderiert. Jeden Monat gab es eine halbstündige Folge, zunächst im Ersten Programm, später dann im Dritten. Das lief bis 1974. Parallel sind viele Bücher für Schmalfilmer von uns erschienen. Rendez wurde dann ja auch Redaktionsleiter der Zeitschrift „Schmalfilm“ in Berlin. Danach habe ich ein Jahr lang die Reihe „Foto als Hobby“ produziert. Später, als ich pensioniert war, habe ich versucht, den NDR für eine Reihe „Video als Hobby“ zu begeistern. Das wurde aber nichts. So haben wir dies nach 1987 als Video-Kaufkassette herausgebracht und bislang über 15.000 mal abgesetzt.

1973 begannen Sie mit einer Garten-Reihe, die fürs Fernsehen komplett auf Super-8 gedreht wurde.

Zusammen mit dem Baden-Badener Redakteur Hanisch habe ich diese Reihe umgesetzt und auch die Zwischenmoderationen gesprochen. Das lief bis zu meiner Pensionierung 1984, dann noch bis 1987 als freier Mitarbeiter des NDR.

Von Ihnen sind im NDR ja zahllose Witze überliefert. Wie kam es dazu?

Als wir mit 16mm anfingen, wurde der Ton auf einem Tonband aufgezeichnet, das mit Pilotton zur Synchronisation ausgerüstet war. Dieses Bandmaterial mußte man später auf Cord überspielen. Und ich wollte immer gern, dass meine Aufnahmen zuerst kopiert werden, deshalb hatte ich mir angewöhnt, am Ende der Aufnahmen einen Witz zu sprechen. Es hieß dann immer: ist ein Band von Haux dabei? Dann nimm mal das zuerst. Später stellte sich heraus, dass der NDR-Kollege Jensen alle Witze aufgezeichnet und daraus ein Witzband zusammengestellt hat. Das erfreute sich großer Beliebtheit unter dem technischen Personal.

Sie gelten als Verfechter von Video, der dem chemischen Film nicht nachtrauert. Wieso?

Ich erzähle Ihnen, warum. 1955 fuhren wir nach Moskau, um ein Fußballspiel auf 16mm zu filmen. Wir hatten zwei Kameras. Eine lief immer dann los, wenn die Filmrolle in der anderen nahezu voll war. Der damalige Intendant, Dr. Werner Pleister, hatte den Zuschauern versprochen: das ganze Spiel wird am Dienstag gesendet. Am Sonntag fand das Match statt, am Montag sollte das Material in Hamburg entwickelt und bearbeitet werden. Ich flog also mit all den Filmrollen in einem grünen Sack, den man gut beobachten konnte, zurück. Zunächst nach Helsinki. Doch in die Kabine durfte ich das Material nicht mitnehmen. Beim Umsteigen in die SAS nach Stockholm sah ich den Sack nochmal auf dem Rollfeld. Aber in Stockholm stellte sich heraus, dass das Gepäck nur bis Helsinki abgefertigt worden war. Nun wurden die Filme in ein Flugzeug verfrachtet, das von Helsinki aus über Stockholm nach Kopenhagen flog. Dr. Pleister versuchte derweil, eine Nachtfluggenehmigung zu bekommen, um mich in Kopenhagen abholen zu lassen. Das wurde ihm verwehrt. So hat er seinen Fahrer losgeschickt – bis nach Flensburg. Mir hat er dann ab Kopenhagen eine Taxe bestellt, die mich vom Flughafen nach Flensburg brachte. Am Zoll sprang plötzlich der Wagen nicht mehr an, den mußten wir über die Grenze schieben, um umladen zu können. Und dann schnell in die Kopieranstalt. Als schließlich die erste Halbzeit Dienstag abend lief, arbeiteten wir im Labor noch an der zweiten. Solche Geschehnisse haben dazu geführt, dass ich gesagt habe, Video finde ich prima. Es ist überhaupt kein Unterschied, es ist nur ein anderer Bildträger, aber man kann es eben gleich sehen. Da gab es viele Auseinandersetzungen im Haus; man sagte, man müsse das Material anfassen können.

An welche Ihrer Produktionen erinnern Sie sich heute noch?

„Ein kaltes Land und eine heiße Sonne“ über die Sahara, zusammen mit Max H. Rehbein. Und natürlich „Die Reise zu den Schimären“ über Vulkane in Italien. Ein Film von Ernst Schnabel. „Der Schritt ins Dunkel“, alles über Weltraumfahrt, ebenfalls gemeinsam mit Max H. Rehbein. Da sind wir morgens am Strand bei Cape Canaveral mit den Astronauten gejoggt, die dann später bei ihrer Mission verbrannt sind. Und nicht zu vergessen: „Auf Wiedersehen Amerika“, der Film, mit dem sich Thilo Koch als NDR-Korrespondent aus den USA verabschiedete.

Wenn Sie heute Dokumentationen und Reportagen im Fernsehen sehen – was hat sich verändert?

Manches ist besser recherchiert als wir das früher konnten, aber einiges ist auch oberflächlicher. Gut gefallen mir die Doku-Dramen, in denen Geschehnisse durch Spielhandlung aufgearbeitet werden.

Nun arbeiten Sie ja auch in der „Arbeitsgruppe Sammlung Technik“ (AST) des NDR mit. Was ist da Ihr Ziel?

Wir würden gern eine Ausstellung machen zum Thema „50 Jahre Fernsehen“ im Jahr 2002. Von vielen verstorbenen Kollegen haben wir den Nachlaß übernommen. Auch Hans-Joachim Bunnenberg vom Studio Hamburg hat eine Menge alter Kameras gesammelt. Aber uns fehlen geeignete Räume; wir sind doch recht notdürftig auf dem NDRGelände untergebracht. Vielleicht sollten sich die AST-Gruppe und der Verein Film- und Fernsehmuseum Hamburg für dieses Projekt zusammentun.

 

Insgesamt 106 Folgen der Reihe „Film als Hobby“ wurden zwischen 1967 und 1984 produziert. Bei der Recherche zu diesem Beitrag stellte sich heraus, dass der NDR die 85 Folgen, die bis 1975 hergestellt wurden, bereits unwiederbringlich gelöscht hat. Nur die ab 1980 realisierten Sendungen sind noch im Archiv vorhanden.

 


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