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Exotik und Tourismus:

Die Reisefilme der Hapag

Von Michael Töteberg

 

„Die Hamburg-Amerika-Linie, aus der Katastrophe von 1918 schnell wieder emporblühend, befördert auf ihren Touristendampfern jetzt wieder Reisende aller Nationen in alle Welt und um die Welt und macht im eigenem Filmdienst jetzt in moderner Weise für ihre Dampferfahrten Propaganda", meldete der „Film-Kurier" am 1. Dezember 1927. Besprochen wurde der Film AUS DER TROPISCHEN HEIMAT DES GOLFSTROMS, und der Rezensent sparte nicht im Lob: „Ein Reisefilm, den man fast einen Kulturfilm nennen könnte, ist von der Hapag hergestellt, um die Länder um das Antillenmeer, hauptsächlich die Nordküste von Südamerika und das südliche Mittelamerika uns näher zu bringen, die tropischen Länder, aus denen der Golfstrom zu uns strömt, die uns Bananen, Kakao, Kokosnüsse, Tabak, Asphalt, Phosphate und andere wertvolle Erzeugnisse liefern und unserer wirtschaftlichen Betätigung noch ein weites Feld bieten."

„Mein Feld ist die Welt" lautete der selbstbewusste Leitsatz von Albert Ballin, Generaldirektor der 1847 gegründeten „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt Actiengesellschaft", kurz Hapag. Der ideenreiche Unternehmer erkannte, daß sich nicht nur mit Auswanderern und Frachtpassagen Geld verdienen ließ, sondern auch mit Touristen, die keineswegs rasch ein Ziel erreichen wollten: Die Hapag veranstaltete die ersten Kreuzfahrten, Vergnügungsreisen auf Luxusdampfern, wobei die Bordzeitung zu den speziellen Serviceleistungen gehörte. 1912 wurde das erste Bordkino auf der neugebauten „Imperator" eingerichtet. Taufpate des Schiffes war Wilhelm II. Der jüdische Kaufmann Ballin war Freund und Berater des Kaisers, dessen Flottenpolitik mit dem Expansionsstreben des Unternehmens aufs schönste harmonisierte. Beide Männer träumten von der Vorherrschaft Deutschlands auf der See: Beim Monarchen nahm die Marine- Begeisterung teilweise groteske Formen an, während die Geschäftspolitik des Reeders tatsächlich zu einer ökonomischen Weltmacht führte. Sichtbarster Ausdruck waren die dicksten Pötte der „lmperator"-Klasse: 280 m lang, 30 m breit, vier Schrauben, 24 Knoten und 4000 Passagiere, so die stolzen Eckdaten. Die „Imperator" hatte 52.000 BRT, die „Vaterland" 49.000, die „Bismarck" gar 56.000 BRT. Doch das letzte Schiff der „Imperator-Klasse war noch nicht vom Stapel gelaufen, als der Krieg begann, an dessen Ende die Hapag kaum noch über eine nennenswerte Flotte verfügte. Vergeblich hatte Ballin den Kaiser vor der abenteuerlichen Großmachtspolitik gewarnt; er nahm sich am 8. November 1918 das Leben.

 

Ende 1920 tauchte in der Rubrik „Volkswirtschaft" im „Film-Kurier" eine mysteriöse Nachricht auf: Die Meldung von der Bildung eines „Filmkonzerns der Hapag" sei verfrüht, obwohl seit geraumer Zeit Verhandlungen schweben würden. „Solange wir aber nicht mit Tatsachen rechnen können, sind alle Erörterungen über das Thema zwecklos und dem Aufbau der geplanten Sache nur hinderlich." Nie wieder hörte man von den großen Plänen – verwirklicht wurde, weit bescheidener dimensioniert, der Hapag-Filmdienst. Die ersten Arbeiten sind gewöhnliche Industriefilme, Einakter, 60 oder 70 Meter lang, mit Themen wie STAPELLAUF EINES RIESENDAMPFERS oder Titeln wie AUS DER  WIEDERERWACHENDEN DEUTSCHEN SEESCHIFFFAHRT. Oktober 1924 hatte der erste abendfüllende Hapag-Film MIT DER HAPAG VON HAMBURG NACH NEW YORK Premiere - und erntete in der Fachpresse Hohn und Spott: „Dieser Reisefilm ist keiner, sondern eine Aneinanderreihung von allen möglichen Dingen, interessanten und uninteressanten, ohne System und ohne Steigerung, einzig und allein vom Sinn für 'Busineß' getragen." Der Film sei „technisch absolut unzureichend", monierte der Rezensent. „Ich will beileibe nicht ungerecht oder auch nur ironisch sein, aber mit das beste Bild im ganzen Film ist die Großaufnahme eines Schweinekopfes, der zwar aus Argentinien stammt, den man ebenso gut - die Zoologen hätten es. Entschuldigt - in oder bei Hamburg hätte aufnehmen können." Fast alle Bilder seien verschwommen, Aufnahmetechnik und Montage entsprächen nicht dem heutigen Standard. „Aber man sollte auch nicht mehr bei jedem Bild Panorama drehen, und zwar in demselben Bilde nacheinander nach links und nach rechts, und man sollte auch vom Neigekopf,wenn es irgend geht und kein stichhaltiger Grund vorliegt, viel sparsamer Gebrauch machen. Das sind veraltete Methoden und diese ewige und unleidliche Unruhe nimmt auch einem filmunbefangenen Beschauer allmählich jede Lust am Hinsehen." Aus professioneller Sicht wurde über den branchenfremden Produzenten ein vernichtendes Urteil gefällt: „'Mein Feld ist die Welt - aber nicht der Film' möchte man nach dieser Uraufführung des Südamerikafilms zum Wahlspruch der Hapag und dem Debüt dieser Schiffahrtsgesellschaft auf dem Gebiet der Filmherstellung sagen ..."

 

Die Welt im Filmbild wurde trotz dieses Fehlstarts zum Nebenfeld, das die Hapag ebenso beackerte wie die Erzrivalen aus Bremen, der Norddeutsche Lloyd. In erster Linie war der Reisefilm ein Werbemittel. Selbst kleinere Konkurrenten erkannten, daß der Film Lust auf Fernreisen machte. EINE MITTELMEER- UND ORIENTREISE MIT DEM „PEER GYNT" besprach der „Film-Kurier" acht Monate später: „Auf der Heimfahrt erleben wir noch eine improvisierte Verlobung, sodaß schließlich die Reederei Schuppe sich für bequeme und romantische - mit der See als Hintergrund – Eheschließungen empfiehlt."

 

In der Geschichte des deutschen Kulturfilms stößt man immer wieder auf die Hamburger Großreederei: Der Hapagdampfer „Albert Ballin" bringt Colin Roß, der MIT DEM KURBELKASTEN UM DIE ERDE reist, nach New York, der Hapagdampfer „Bayern" die naturwisssenschaftliche Film-Expedition des Barons von Düngern und des Schriftstellers Waldemar Bonseis nach Rio und Para. Die in den Filmkritiken erwähnte „Unterstützung" der Firma dürfte sich in diesen Fällen (beide Beispiele stammen aus dem Jahr 1924) auf die Überlassung kostenloser Tickets beschränkt haben. Eine Art Sponsoring. Bei den von der Hapag selbst produzierten Filmen dagegen handelt sich nicht um reine Kulturfilme. Der strenge „Bildwart", der die Eignung des Films MIT DER HAPAG VON HAMBURG NACH NEW YORK 1924 für das Schulkino prüfte, fand „nichts Neues und Interessantes" an dem Film: der einleitende Vortrag über die Deutsche Seeschiffahrt - vom Segelschiff zur Imperator-Klasse -, ein paar Hafenbilder von Hamburg und New York vielleicht, „alles übrige am Film zu stark Reklame und Propaganda".

 

Andere Hapag-Filme eigneten sich durchaus für den Einsatz im Schulkino. Der eingangs erwähnte Film AUS DER TROPISCHEN HEIMAT DES GOLFSTROMES schilderte ausführlich, welche natürlichen Ressourcen die Dritte Welt für „unsere" wirtschaftliche Betätigung bereitstellt: Die Hapag verfolgte damit weniger pädagogische Ziele, sie wollte Kaufleute als Kunden gewinnen. Touristen, auch wenn sie geschäftlich unterwegs waren, konnte man damit allein nicht zur Buchung einer Schiffspassage verleiten. Hans Feld notierte nach der Sichtung des ersten Teils: „Während fremde Länder, seltsame Sitten gezeigt werden, fehlt der nachdrückliche Hinweis nicht, daß alle Herrlichkeiten dieser Welt am besten genossen werden durch die Benutzung der ebenso elegant wie behaglich eingerichteten Hapag-Dampfer. So werden Kunst und Geschäft miteinander in gutes Einvernehmen gebracht."

 

Dies setzt die Hapag-Filme von den Expeditionsfilmen ab: Die Reise in fremde Welten ist hier ein komfortables Abenteuer. Werden sonst Gefahren und Strapazen betont, kann der Tourist ungefährdet und umsorgt einen Blick aufs exotische Leben werfen. Er kann sogar schon an Bord des Luxusdampfers daran teilhaben. Die „Imperator" bot ihren Gästen z.B. das „einzige Schwimmbad zur See", und ein Pressevertreter geriet ins Schwärmen: „Drinnen im pompejanischen Schwimmbad sinken alle Zivilisationshüllen, und der Mensch wird zum spielenden, jauchzenden Südseeinsulaner." Anschließend kann er sich im Ritz-Carlton Restaurant der „Imperator" wieder ganz als europäischer Gourmet fühlen.

 

Der Tourist ist nicht Ethnologe. Ihm werden die Sehenswürdigkeiten der Welt vorgeführt - im Film, und wenn er ein Ticket erwirbt, auf einer Hapag-Reise. „Man sah das Leben an Bord, die gigantische Vision jener brausenden Stadt am Meere, Autos, Eisenbahnen, Wolkenkratzer, Erzgruben, Maisfelder, sehr viel Autos, Monumente, Häfen, Wasserfälle, Geisire, Filmateliers, noch mehr Autos, Felsen, Badeorte, Baumwollplantagen – ein Kind fragte: ist das Blumenkohl? - Schönheitskonkurrenzen, Fabriken ..." Einen „Ausflug nach Amerika mit der Hapag" unternahm Hans Fallada 1929 im Holstenpalast von Neumünster. Er war damals noch nicht der erfolgreiche Schriftsteller, sondern Annoncenwerber für den „Holsteinischen Courier" und verfaßte nebenbei Filmkritiken für das Lokalblatt. So sehr ihn die Aufnahmen von den Erntemaschinen auf den Maisfeldern oder die Erzverladeanlage auch faszinierte, er vermißte doch etwas: was all diesen Bildern gemeinsam ist: das Fehlen des Menschen. Gewiß, da und dort, am Badestrand, nach Feierabend bei Ford drängen sich Menschen. Aber sind es Menschen? Staffage ist es, Leute im besten Falle."

 

Fallada hat ein Stilelement der Hapag-Filme erkannt. Sie spiegeln das Reiseerlebnis des modernen Touristen: Er findet sich in einer großartigfremden Kulisse wieder, kommt mit den Menschen der anderen Wirklichkeit aber nicht in Kontakt. Bilder von einer Verbrüderung mit den Einheimischen, gar die schwülen Phantasien des exotischen Films sind hier nicht zu finden. Die neusachliche Attitüde findet man nicht bloß in dem Amerika-Film, wo schon das Sujet Modernität und Fortschritt vorgab, sondern auch in AUS DER TROPISCHEN HEIMAT DES GOLFSTROMES. Hans Feld in seiner Rezension: „Er bringt eine Fülle von Material. Sein größter Vorzug ist die Unabsichtlichkeit, mit der charakteristische Kleinigkeiten von der Kamera festgehalten wurden. Typen fremder Völker und kurze, moderne Frauenkleidung. Primitive Ranchos und gleich daneben Radio und elektrische Straßenbahn. Mit den verringerten Entfernungen wächst die Nivellierung. Die Welt entromantisiert sich im 100-Kilometer-Tempo."

 

MELODIE DER WELT

Mit Walter Ruttmanns Film MELODIE DER WELT, 1929 uraufgeführt, machte die Hapag Filmgeschichte. Angekündigt wurde „der erste große deutsche Tonfilm", eine Gemeinschaftsproduktion der Reederei mit der Tobis, dem Tonbild-Syndikat. Das Expose stand in der „B.Z.": „Sirene / Kommandos / Maschine in Gang / Man fährt / Die Bewegung vorwärtsdrängender Bugwelle, fliehenden Kielwassers leitet schnell über in / exotische Fernen."

 

Die Aufnahmen waren unter Leitung von Heinrich Mutzenbecher (Hapag) und Guido Bagier (Tobis)auf einer Weltreise des Hapagdampfers „Resolute" entstanden. Ruttmann, erst später hinzugezogen, hatte aus dem umfangreichen Material keinen üblichen, der Reiseroute folgenden Kulturfilm montiert, sondern er wollte zu seiner „Symphonie einer Großstadt" ein Gegenstück schaffen. In den Montagesequenzen wirbeln - ohne Erklärung – Bilder aus verschiedensten Welten durcheinander: Der Film bemüht sich, den Rhythmus unserer Wirklichkeit, aber auch den einer fremden Gegenwelt aufzunehmen: „ein paradiesischer Friede", der „in seltsamen Kontrast zu unserer, eben europäischen Reisejagd steht" - „die Sehnsucht unserer Zeit liegt darin beschlossen", heißt es im „Präludium" zum Film von Heinrich Mutzenbecher. Die Hapag als Financier des Experimentalfilms suchte Anschluß an den Zeitgeist. Der Film behauptete, daß das Leben auf diesem Planeten sich überall um dieselben Grundmotive drehte: Geburt, Kampf, Arbeit, Vergnügen, Krieg, Katastrophe - fremdartige Rituale, die verblüffende Ähnlichkeit mit europäischen Kulten haben, teilweise banale Verknüpfungen oder schlicht Täuschungen einer phämenologischen Oberflächenbetrachtung.

 

Bei der Uraufführung am 12. März 1929 war dem eigentlichen Film vorangestellt eine einleitende Tonfilmrede von Wilhelm Cuno, Reichskanzler a.D. und Generaldirektor der Hapag. „Es klang wie schlechtes Grammophon", war anderntags in der „Vossischen Zeitung" zu lesen. Ansonsten beschränkte sich der „erste deutsche Tonfilm" auf Geräusche und Musik (von Wolfgang Zeller); die Kritiken in der zeitgenössischen Presse waren durchaus gemischt. Die Uraufführung im Mozartsaal der „Terra"-Lichtspiele in Berlin war ein gesellschaftliches Ergebnis mit Prominenz aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Einen Tag später wurde der Film im „Passage"-Theater präsentiert, anschließend Empfang im Esplanade-Hotel. Hamburg erlebte „eine Autoanfahrt wie vor Berliner Theater-Premieren". Eigentlich sei man der Hapag böse gewesen, weil sie ihre Heimat Hamburg bei der Uraufführung vernachlässigt habe, doch: „Der Lokalpatriotismus dankt gern ab angesichts der Tatsache, daß die Hapag dem talentiertesten deutschen Regisseur Ruttmann die Möglichkeit gab, aus dem reichsten Material, aus einer Reise um die Welt, einen Weltfilm zu machen und keinen Reklamefilm. Damit hat ein Wirtschaftsunternehmen kulturelle Pflichten anerkannt und erfüllt." Die Besprechung schloß mit der Frage: „Und was sagt die deutsche Filmindustrie dazu, daß es einer Reederei vorbehalten blieb, eine Regiekraft produktiv zu machen, die für die Geltung des deutschen Films mehr bewirkt, als eine ganze Saison voll von Gesellschaftsstücken?"

 

In Deutschland wurde MELODIE DER WELT kein Kinoerfolg; in Frankreich dagegen erntete LA MELODIE DU MONDE begeisterte Kritiken. Noch 1950 empfahl Rene Clair den Film - „trotz einigem naiven Schwulst" - jungen Regisseuren als Beispiel für den vorbildhaften Gebrauch der Tonfilmmittel. Die noch am Tage der Uraufführung angekündigte Fortsetzung der Zusammenarbeit Hapag-Tobis fand jedoch nicht statt. Auch das Projekt „Dein ist die Welt", ein Spielfilm, den die Berliner Pegasus-Film mit der französischen Firma Productions Markus mit Hilfe eines Reparationskredits finanzieren und auf der Grundlage eines Skripts von Alfons Paquet drehen wollte, wurde offenbar nicht realisiert.

 

WASSER HAT BALKEN

Die Hapag arbeitete eng mit der Ufa zusammen: Die Ufa-Theater-Betriebsgesellschaft stattete die Bordkinos seit 1923 mit speziellen Vorführapparaten aus, zudem lieferte der Filmkonzern das gesamte Programm. Im November 1927 bot die Hapag ihre Kulturfilme der Ufa zum Verleih an: Der Erlös sollte im Verhältnis 60 (Ufa) zu 40 (Hapag) geteilt werden; eine Garantiezahlung wurde nicht verlangt, stattdessen mußte sich die Ufa verpflichten, den Film in mindestens 50 eigenen und 150 fremden Kinos zu zeigen. „Dieses Geschäft wird genehmigt", heißt es kurz und knapp im Ufa-Vorstandsprotokoll. Fünf Jahre später wird in der Vorstandsrunde ein Projekt der Ufa-Kulturfilm-Abteilung besprochen: „Herr Grieving legt ein Drehbuch über einen Kulturfilm vor, der die Einrichtungen der der Hapag gehörigen Dampfer und die zur Ausrüstung und Verproviantierung dieser Schiffe notwendigen Maßnahmen zeigen wird." Der Film ist kalkuliert auf RM 30.000, wovon die Hapag die Hälfte übernimmt. „Es wird beschlossen, diesen Film zur Durchführung zu bringen", lautet der Vorstandsbeschluß.

 

WASSER HAT BALKEN (Regie Willi Prager) führte zu einer politischen Auseinandersetzung, weil die II. Kammer für Filmwertung in seiner Sitzung am 5. Dezember 1933 dem Film das Prädikat „volksbildend" verweigerte. „Die Art dieses Films entspricht etwa dem Werbeprospekt eines großen internationalen Luxuskurortes. Er mag als Werbefilm für I.Klasse-Passagiere im Ausland sehr geeignet sein", heißt es im Gutachten. Eine Anerkennung als Volksbildung sei wegen der Betonung des Luxuslebens an Bord jedoch ausgeschlossen. Mit Rückendeckung des Bürgermeisters Krogmann wurde Peter Ernst Eiffe, der Hamburgische Vertreter beim Reich, vorstellig: Es entspreche keineswegs der „nationalsozialistischen Weltanschauung, wenn man dem schlimmsten deutschen Erbfehler, dem Brotneid, glaubt, Konzessionen machen zu müssen. Dies aber geschieht, wenn man glaubt, dass die Zuschauer an eleganten Toiletten, schön gedeckten Tischen und behaglichen Räumen 'Anstoß' nehmen könnten." Schon aus Gründen der internationalen Konkurrenz müsse der Luxus gezeigt werden. Der Hamburger Lobbyist machte sodann auf drei Seiten detaillierte Vorschläge, wie ohne große Kosten der Film gerettet werden könnte, etwa durch nochmaliges Einschneiden der Hakenkreuzflagge. Die Szene, wo Passagiere in der III. Klasse beim Frühstück gezeigt werden, sollte einen neuen Satz erhalten: „Aber auch dem kleinen Mann, dem deutschen Auswanderer, bietet das deutsche Schiff um wenig Geld liebevolle Aufnahme."

 

Vordergründig ging es in dem Konflikt um KdF-Gemeinschaftsreisen versus gehobenem Individualtourismus, im Hintergrund stand der Widerspruch zwischen ökonomischen und ideologischen Vorgaben. Fernweh und Weltoffenheit, die Sehnsucht nach dem Erlebnis der geheimnisvollen Fremde passten kaum zur propagierten Heimatliebe und Schollenverbundenheit.

 

Gemeinsam mit dem Norddeutschen Lloyd produzierte die Hapag um 1936 eine Reihe von Filmen für den amerikanischen Markt, die üblichen Reisefilme mit Bildern aus aller Welt, aber auch eine Einführung in die seltsamen Sitten und Gebräuche in Teutonien: Von WINTER SPORTS AT GARMISCHPARTENKIRCHEN über OBERAMMERGAU AND THE PASSION PLAYERS bis ZU FASTER AND FASTER ON GERMANY'S NEW MOTOR HIGHWAYS. Umgekehrt stellte bis Kriegsbeginn Amerika ein Traumland dar, das die Hapag gern nutzte, um Schiffspassagen zu verkaufen. Das „gespaltene Bewußtsein" (Hans Dieter Schäfer) in der Alltagskultur des Dritten Reiches spiegelt WIR FAHREN NACH AMERIKA (Regie Kurt Engel, Produktion Boehner-Film im Auftrag der Hapag, 1939): eine Hymne auf den american way of life, der den deutschen Volksgenossen als modern und praktisch gepriesen wird.

 

Als ein Musterbeispiel dafür, daß „im Dienste der Werbung hergestellte Filme sehr wohl künstlerische Kulturfilme sein können", wurde der im Hamburger Ufa-Palast uraufgeführte nicht nur in der Fachpresse gelobt. Die erste Station ist New York City - Verkehr in der Metropole, Drugstore, Wolkenkratzer, Broadway, Lichtreklame: die Ikonen des Konsums (Coca Cola, Ballantine's, Wrightly Speermint), Empire State Building, Blick über die Stadt: „Da liegt ein Hapag-Dampfer, die 'Hamburg'" -, dann eine Reise durch die Staaten inkl. Niagara-Falls, Detroit, Chicago, Pittsburgh, Atlantik City, Nationalparks und Washington. Erst ganz am Ende (offensichtlich konnte der Film auch ohne diesen Teil zum Einsatz kommen) eine Werbe-Sequenz für die Reederei: Abfahrt. Sonnen an Deck, Dinner mit kulinarischen Köstlichkeiten („Ich komme mir vor wie ein Millionär"), Vergnügungen, Spiele, Fitneßübungen. Das Leben an Bord: „Hier verlebten wir die schönsten Stunden unserer glücklichen Reise". In der Rahmenhandlung des Films holt der Protagonist die Bilder von seiner Amerikareise im Fotoladen ab und trifft dabei einen Freund, der angesichts des Erlebnisberichts zu dem Schluß kommt: „Beneidenswerter Volksgenosse!"

 


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