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Jene Tage

Von Eggert Woost

„Vom Hamburger Film sprechen, heißt, sich mit Glanz und Elend des neuen deutschen Films beschäftigen.“
Rolf Italiaander, 1950

 

Hamburg vor 50 Jahren: Nach Kriegsende hatten viele Filmleute aus den östlich gelegenen Gegenden, vor allem aus Berlin, im britisch besetzten Hamburg Unterschlupf gefunden. Alfred Merwig schrieb 1950: „So das Wetter einigermaßen hold ist, könnten einem Hilde Krahl, Irene von Meyendorf, Fita Benkhoff, Lil Dagover, Grethe Weiser ebenso über den Weg laufen wie Wolfgang Liebeneiner, Helmut Käutner, Ulrich Erfurth, Willy Fritsch, Harry Piel, Franz Schafheitlin“. Hamburg hatte zwar keine Filmateliers, war aber sonst chancenreicher Standort für den deutschen Film geworden: In Berlin-Babelsberg saßen die Russen und München-Geiselgasteig war zunächst von den Amerikanern beschlagnahmt. Nun war den Deutschen allerdings nach dem Gesetz 195 der Besatzungsmacht (schon während des Krieges 1944 erlassen) jegliche selbständige Betätigung mit dem Film untersagt. Das Verbot bezog sich auf alle Betätigungen: Herstellung, Vertrieb, Verkauf, Verleih und Vorführung von Filmen aller Art. Durch mehrere „Nachrichtenkontroll- Vorschriften“ wurden diese Verbote stufenweise gelockert.

 

Im September 1945 hatten in Hamburg bereits 10 Filmtheaterbesitzer eine Vorführlizenz erhalten, darunter auch Heinz B. Heisig für das WaterlooTheater in der Dammtorstraße. Als einige Filmtheater wieder bis „Curfew“, der von der britischen Besatzungsmacht festgesetzten Sperrstunde spielen durften, sah man als deutsche Erstaufführung im Waterloo Alexander Kordas „Rembrandt“ von 1937 mit Charles Laughton in der Hauptrolle, ein damals international bekannter Filmklassiker, im Deutschland der NS-Zeit aber natürlich nie aufgeführt. Der nächste Film, aus der Goebbelschen Konkursmasse, inzwischen entnazifiziert, erlebte in Hamburg seine Nachkriegsuraufführung: „Große Freiheit Nr. 7“ mit dem blonden und singenden Hans Albers. Das Waterloo sollte für viele Jahre Hamburgs bedeutendstes Premierenkino bleiben, obwohl später Esplanade, Urania, Barke und andere hinzukamen. Die meisten Kinogebäude jener Zeit waren freilich ausgebombt. Filme liefen häufig in sogenannten Notkinos (Turnhallen, Schulaulen, Versammlungsräume). Mancher ging nicht zuletzt in die beheizten Kinos, weil ihm zuhause die Kohlen fehlten.

 

Bis zum Anlaufen der deutschen Filmproduktion sahen die Hamburger englische und amerikanische, manchmal auch französische oder russische Filme, zunächst mit Originalton und deutschen Untertiteln. Im September 1945 mußten alle belichteten deutschen Filme aus der NS-Zeit (jedoch ohne Amateuraufnahmen) zur Zensur an die britische FilmSection im ehemaligen UFA-Haus, Rothenbaumchaussee 67/69, abgeliefert werden. Danach wurde entnazifizierten Deutschen die Filmbearbeitung (zunächst das Kopieren und das Synchronisieren) erlaubt. Bald zeigte das Hamburger Kinopublikum Unmut wegen der fremdsprachlichen Filme. Nach der Lizenzerteilung am 2.1.1946 fand deshalb der Synchronbetrieb ALSTERFILM, beheimatet im Gasthof „Ohlstedter Hof“, ein reiches Betätigungsfeld. Allerdings mußten die belichteten Filme zum Kopieren zunächst nach Berlin geschafft werden, bis im Laufe des Jahres 1946, ebenfalls in Ohlstedt, die ATLANTIK FILM als Kopierbetrieb gegründet wurde. Die RHYTHMOTON war ein anderer bedeutender und früh lizensierter Synchronbetrieb, der mit der Alster-Film eng zusammenarbeitete. Nach der Währungsreform gab es für die Branche Aufschwung: Im Jahre 1950 wurden in Hamburg 517 ausländische Filme synchronisiert.

 

Wer sich als Filmproduzent betätigen wollte, wurde auf politische Zuverlässigkeit, fachliche Eignung und wirtschaftliche Bonität überprüft. Im Fragebogen mußte also die ehemalige Zugehörigkeit zu NS-Organisationen offenbart werden. Da es allerdings nur wenige nicht organisierte Filmleute gegeben hatte, bekamen auch verschiedene „passive“ Parteimitgliedern ihre Lizenz.

 

Die erste Spielfilmlizenz in der britischen Zone erhielt 1946 die CAMERA-Filmproduktion. Mit ihr drehte Helmut Käutner ab August „In jenen Tagen“. Das Drehbuch verfaßten Helmut Käutner und Ernst Schnabel, an einer geliehenen Kamera stand Igor Oberberg, für die Ausstattung sorgte Herbert Kirchhoff. Der Film schildert die Geschichte eines Autos, dessen verschiedene Besitzer in der Zeit zwischen 1933 und 1945 viele brisante Situationen durchleben. Der Mangel an Ateliers, Apparaturen und Rohfilm machte das Unternehmen zu einem Wagnis. Man drehte bei bitterer Kälte, meist im Freien. Aber es gab Filmbesessene, die allen Schwierigkeiten zum Trotz ein Meisterwerk vollbrachten. Die Uraufführung fand am 13.6.1946 im Waterloo statt. Es war der erste nachkriegsdeutsche „Trümmerfilm“, dem andere folgten.

 

Im Januar 1947 erhielt Walter Koppel, der sich mit Gyula Trebitsch verband, die Produktionslizenz für eine Filmgesellschaft mit dem programmatischen Namen REAL-Film. Man begann im einem behelfsmäßig hergerichteten Ohlstedter Tanzsaal Anfang März mit Dreharbeiten zu dem Spielfilm „Arche Nora“. Die Uraufführung lief wiederum im Waterloo am 13.6.1947. Das „Hamburger Echo“ schreibt dazu: „Die Hamburger Realfilm kommt uns mit ihrem ersten Streifen, der „Arche Nora“, komödiantisch. Recht so! Warum sollen wir auch stets nur finster die wertlosen Abschnitte unseres zu Zuteilungsperioden bürokratisierten Lebens betrachten? Wir brauchen dringend etwas Optimismus.“

 

Bei der REAL stand am Anfang die praktische Filmherstellung, aus der heraus sich der ganze technische Betrieb (Ateliers, Produktionsstätten, Fundus) nach und nach entwickelte. 1949 versammelte man die verstreuten Aktivitäten in einem früheren Wehrmachtskasino an der Tonndorfer Hauptstraße. Die REAL-Film wurde für Synchronisation und Produktion führend in Norddeutschland und ist es als STUDIO HAMBURG bis heute geblieben.

 

Ab 1949 überwogen die Unterhaltungsfilme. Das Publikum wollte wohl Vergangenheit und Alltag vergessen und lieber leichte Kost genießen. Besonders erfolgreich wurde der REAL-Film „Die Dritte von rechts“, hergestellt im neuen Tonndorfer Atelier mit Wasserbecken, tropisiert mit Palmen und bei Hagenbeck ausgeliehenen Affen und anderem Getier. Zu den Kompositionen von Michael Jary sangen Bruce Low und Gerhard Wendland. „Wenn ich will stiehlt der Bill für mich Pferde. Nur damit ich glücklich werde.“

 

Vor dem Siegeszug des Fernsehens boten die Kinos vor dem Hauptfilm viele Jahre lang Wochenschauen und Kulturfilme. In der britischen und amerikanischen Zone lief nach jeweiliger Besatzungsfreigabe die in den Rahlstedter Kasernen produzierte Wochenschau „Welt im Film“ (in der französischen Zone sah man „Blick in die Welt“, in der sowjetischen ab 1950 „Der Augenzeuge“). Ende 1949 wurde in Hamburg, zunächst als Konkurrenzunternehmen und wieder unter deutscher Verantwortung, von Kuntze-Just und Wiers die „Neue Deutsche Wochenschau“ ins Leben gerufen. 1952 übernahm man die inzwischen privatisierte „Welt im Film“ und führte sie als „Welt im Bild“ weiter. 1956 entwickelte sich daraus die „UFA-Wochenschau“, später umbenannt in „Zeitlupe“.

 

Kulturfilme überwiegend feuilletonistischer Machart liefen schon seit 1945 wieder in den deutschen Kinos, zuerst aus ausländischer, bald aber auch aus deutscher Produktion. Viele kleine Produzenten in Hamburg verdienten sich auf diesem Gebiet ihr Brot und heimsten die für Kinos steuerbegünstigenden Prädikate „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ ein. Oder, wie z.B. Alfred Ehrhardt und andere Hamburger, auch den Deutschen Filmpreis und internationale Auszeichnungen.

 

Besonders erfolgreiche Kulturfilmhersteller waren in den 50er und 60er Jahren (um einige zu nennen, die Älteren noch bekannt sein dürften):
Adalbert Baltes, Charlotte Decker (Rhythmoton), Alfred Ehrhardt, Karl Hamrun, Wolf Hart, Rudolf Kipp, Erwin Kirchhoff, Werner Lütje, Bodo Menck, Richard Scheinpflug, Kurt Stordel, Armin Wick.

 

Drei ganz verschiedenartige Kultur-/Dokumentarfilme aus den Jahren 1948 und 1949, die jetzt in den 90ern mehrfach und erfolgreich wiederaufgeführt wurden, sollen an dieser Stelle hervorgehoben werden:

Mit „Ad dei honorem“ zeigt, oder besser: erschließt Alfred Ehrhardt Gesamtwerk und Details des Bordesholmer Schnitzaltars im Schleswiger Dom mit seiner unvergleichlich einfühlsamen Kameraführung; der Film wurde bei der Biennale 1948 als einer der ersten nachkriegsdeutschen Filme in Venedig begeistert aufgenommen und prämiert.

 

„01 greift ein“, von Bodo Menck noch für die REAL-Film gedreht: Ein außerordentlich spannender Film über Einsatz der „Peterwagen“ bei der Polizei, der viele Jahre als besonders gelungenes Beispiel für ideale Filmgestaltung durch Benutzung filmische Mittel in den Hamburger Schulen lief.
„Hamburg glaubt an seine Zukunft“, Rudolf W. Kipps eindrucksvolles filmisches Zeitdokument der ersten Nachkriegsjahre über den Wiederaufbau der Stadt Hamburg, im Herbst 1949 in 97 (!) Hamburger Kinos gezeigt.
Soweit unser kleiner Rückblick über die „Filmstadt Hamburg“ in den ersten Nachkriegsjahren.


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