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Interview mit Gyula Trebitsch:

„Ich habe nie überlegt, Hamburg zu verlassen“

Professor Gyula Trebitsch war wesentlich am Aufbau einer neuen Filmindustrie im Nachkriegs-Hamburg beteiligt. Die zusammen mit seinem Kompagnon, Walter Koppel, 1947 gegründete REAL-Film produzierte bis 1960 zahlreiche Spielfilmerfolge. Auch nach seinem Ausscheiden als Vorsitzender der Vorstandes des Studio Hamburg ist der 80-jährige Filmpionier mit seiner Gyula Trebitsch Produktion & Consulting weiterhin tätig. Mit Gyula Trebitsch sprachen Till Heidenheim, Volker Reißmann und Eggert Woost.

 

Sie wuchsen in Budapest auf. Gingen Sie schon als Kind häufig ins Kino?

Ich glaube, das erste Mal war ich mit vierzehn- oder fünfzehn Jahren in einem Kino und einige Male in einem - wie man es damals nannte - Flohkino, das auch Stehplätze hatte. Der Eintritt kostete, wenn ich mich recht erinnere, um die 20 Pfennig.

 

Und was haben Sie sich angeschaut? Cowboyfilme?

Nein, ich schaute mir Charlie-Chaplin- Filme an. In andere Filme hätte der Kinobesitzer Kinder gar nicht hineingelassen.

 

Mit den 20 Pfennigen hat der Kinobesitzer vermutlich gut verdient, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen?

Das war die Zeit der Wirtschaftskrise in den zwanziger Jahren, die in Ungarn genauso zu spüren war wie in Deutschland. Es herrschte überall in Europa eine Massenarbeitslosigkeit mit katastrophalen Auswirkungen. Die Kinobesitzer hatten für die Arbeitslosen schon um acht Uhr morgens ihre Kinos geöffnet für 20 Pfennig Eintritt.

 

Wann haben Sie begonnen, sich für Film zu interessieren?

Sehr früh war mir klar, daß ich einmal etwas mit bewegten Bildern zu tun haben möchte. Mein Vater, der Beamter war, sagte immer: ihr könnt alles werden, nur keine Beamte und hat uns ermuntert, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen. Mein Bruder Otto wurde Leiter des Corvin- Filmtheaters in Budapest und mein Bruder Zoltan ein erfolgreicher Industriefotograf. Ich selbst habe am 1. Juli 1932 bei der UFA-Niederlassung als Volontär angefangen. An meinem ersten Arbeitsplatz mußte ich dem Chefportier assistieren. Ihm waren neben dem Empfang auch die Poststelle, die Telefonzentrale und das Archiv unterstellt. Als erste Tätigkeit wies er mir den Postversand zu. Damals gab es noch keine Frankiermaschinen, so daß wir nach einer genauen Dienstvorschrift jede Briefmarke einen Zentimeter vom oberen und rechten Rand aufzukleben hatten. Die Praktikanten bekamen bei der UFA eine gute, systematisch aufgebaute Ausbildung in allen Sparten der Filmindustrie. Das umfaßte neben dem Verleihgeschäft auch den Produktionsbereich und die kaufmännische Ausbildung zum Theaterleiter. Wir hatten auch die Aufgabe, jeden Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen in der UFA-Uniform - rote Jacke mit Goldpaspelierungen, schwarze Hose und weiße Handschuhe - die Kinobesucher zu ihren Plätzen zu führen. Bei den UFA-Produktionen kamen wir auch mit Stars in Kontakt. So habe ich Marika Rökk kennengelernt und u. a. für Willy Fritsch und Lilian Harvey Koffer getragen.

 

Vor ein paar Jahren haben Sie einmal gesagt, durch Ihre Tätigkeit als Platzanweiser hätten Sie die Gelegenheit gehabt, die Filme immer wieder zu sehen - haben Sie dadurch ein Gespür entwickelt, was beim Publikum ankommt und was nicht?

Da ich an verschiedenen UFA-Kinos in Budapest tätig war, habe ich mir, wenn meine Kollegen während der Vorstellung in den Umkleideräumen Karten spielten, einige Filme wiederholt angeschaut. Z.B. in dem - auch heute noch - schönen Urania-Palast, dem UFA-Kino beim Westbahnhof, oder in einem der Kinos im Außenbezirk. Dabei beobachtete ich, daß das Publikum in Nachmittagsvorstellungen anders reagiert als in Abendvorstellungen und in den Außenbezirken anders als in der Innenstadt. In dieser Zeit sammelte ich Erfahrungen, woraus auch das Wissen entstand, das ich bis zum heutigen Tag behalten habe: „Das einzige, was wir wissen, ist, daß wir eigentlich nichts wissen!“.

 

Das ist ja eine sonst eher unübliche Betrachtungsweise, wenn Sie von Anfang an auf die Publikumsreaktion geachtet haben.

Ich habe immer einen großen Respekt vor den Zuschauern gehabt. Mein Rezept war, an keinem Film mitzuwirken, der in irgend einer Form Schaden anrichten könnte. Es kann vorkommen, daß ein Film nicht so wird, wie man sich ihn vorgestellt hat, aber es darf keine Produktion sein, für die ich mich später schämen muß.

 

Sie gründeten damals Ihre erste eigene Firma.

Die Objectiv-Film, mit der ich am Anfang nur für die UFA in Budapest produzierte.

 

Sie haben ungarische Spielfilme für die UFA produziert?

Ja, und zwar für den UFA-Verleih in Budapest. Meine Idee, die auch von der UFA akzeptiert wurde, war, mit diesen Produktionen zu testen, ob ein Stoff auch für die deutsche Filmherstellung Erfolgschancen hat. Mein erster Film hieß: „Ich vertraue Dir meine Frau an“, der in späteren Jahren von der Terra in Deutschland mit Heinz Rühmann wiederverfilmt wurde - leider ohne mich.

 

Damit kommen wir zu der schlimmen Zeit der Verfolgung.

1938 wurde die Objectiv Film arisiert und ich selbst war von 1942 bis zu meiner Befreiung im Mai 1945 in verschiedenen Konzentrationslagern interniert. Aber, das ist Vergangenheit. Ich bin ein zukunftsorientierter Mensch, wobei man dabei jedoch die eigene Geschichte nicht vergessen kann.

 

Wie sind Sie gerade nach Hamburg gekommen?

Ich wurde von den Amerikanern aus dem KZ Wöbbelin befreit und über verschiedene Stationen in ein britisches Militärhospital nach Itzehoe gebracht. In Itzehoe habe ich nach meiner Genesung Ende 1945 zusammen mit Freunden zwei Kinos eröffnet. Doch nach Hamburg bin ich letztendlich aufgrund eines besonderen Umstandes gekommen: ich habe mich in eine Hamburgerin verliebt, die ich während der Vorbereitungen zu meinem ersten Film, „Arche Nora“, kennenlernte und dann geheiratet habe.

 

Der Gedanke mit den beiden Kinos - kam der Ihnen plötzlich?

Die Idee kam von George Desmond, der jetzt in Toronto lebt und damals als britischer Film-Offizier in Hamburg tätig war. Später wurde er Direktor von Canadian Broadcasting. Er empfahl mir, die Kinos, die damals für die englischen Truppen Filme gezeigt haben, für das deutsche Publikum zu eröffnen.

 

Gespielt haben Sie sicherlich zunächst nur Filme in englischer oder amerikanischer Sprache?

Nein, wir zeigten nur in Deutsch synchronisierte Filme.

 

Haben Sie nie überlegt, Hamburg mal wieder zu verlassen?

Nein - meine Familie lebt in Hamburg.

 

Ihren späteren Partner, Walter Koppel, lernten Sie ebenfalls zu dieser Zeit kennen?

Ja, auf einer Kulturveranstaltung, die hier auf dem Studio-Hamburg-Gelände in der alten Villa in einem Tanzsaal stattgefunden hat, der während des Krieges Teil des Offizierkasinos der Rahlstedter Kaserne war.

 

Der Kulturfilmproduzent Rudolf Kipp, der bei der Wochenschau anfing, hat einmal von einer Begegnung mit ihnen erzählt. Er hat gesagt, daß bei Dreharbeiten auf einmal ein Mann in einem Ledermantel ankam, der in etwas eigenartigem Deutsch mit Akzent vorschlug: „Ich habe die Idee, ihr habt die Geräte, laßt uns doch mal was zusammenmachen!“ Aber Kipp und den anderen kam das alles etwas merkwürdig vor und so lautete die Antwort. „Nein, wir bleiben bei der Wochenschau!“ Später hat Kipp dann gesagt: „Hätte ich doch damals zugeschlagen, dann hätte ich ja vielleicht andere Möglichkeiten gehabt!“

Ich trug damals allerdings keinen Ledermantel, sondern einen weißen Pelzcoat. Wir begegneten uns in den Alster-Filmstudios in Ohlstedt, wo auch die erste Tonaufnahmeanlage für die Synchronisation englischer Filme aufgebaut war. Helmut Käutner produzierte in dieser Zeit in Hamburg und Umgebung seinen Film „In jenen Tagen“. Doch im Nachkriegs-Deutschland haben wir mit „Arche Nora“ den ersten sogenannten „Atelierfilm“ mit aufgebauten Dekorationen in einem Tanzsaal in Ohlstedt gedreht.

 

Zurück zu Ihrer Begegnung mit Walter Koppel...

Die Begegnung mit Walter Koppel war für mich ein wichtiges Ereignis. Koppel, der hier in Hamburg wohnte und als Treuhänder das UFAVermögen verwaltet hat, war sehr interessiert an meinen Vorschlägen, eine Produktionsgesellschaft zu gründen. Wir taten uns sehr schnell zusammen und gründeten nach der Lizensierung im Februar 1947 die REAL-Film. Es war schon deshalb eine gute Zusammenarbeit, weil Koppel aufgrund seiner Hamburger Beziehungen die Finanzierung der Filme sichergestellt hat. Aufgrund seiner guten Bekanntschaft mit Heinz Schwone, der beim Herzog-Filmverleih Leiter für Norddeutschland war, konnte er unsere ersten Filme dort unterbringen.

 

Sollte der Name REAL-Film nicht auch Programm sein, ausdrücken, daß Sie wegwollten vom verlogenen Kitsch der Vorkriegsproduktionen, hin zu einem neuen Realismus?

Zunächst einmal hatte es praktische Gründe: Eigentlich wollten wir uns OBJECTIV Film nennen, doch dieser Name war schon im Handelsregister eingetragen und so haben wir uns für REAL-Film entschieden. „Objectiv“ und „Real“ - das liegt ja dicht beieinander.

 

Sie haben viele Produktionen in ganz unterschiedlichen Genres gemacht - Heimatfilme, Komödien, Revuefilme...

Das ist richtig, und ich bin stolz darauf, daß ein Kabarettist damals über unseren Film „Dritte von rechts“ gesagt hat: „Von Cziffra bis Trebitsch, alles nur ein Drehkitsch!“. Wir haben mit Geza von Cziffra als Regisseur und Autor erfolgreiche Unterhaltungsfilme hergestellt. Wir produzierten auch künstlerisch anspruchsvolle Filme, wie z. B. „Finale“, „Schicksal aus zweiter Hand“, „Des Teufels General“...

 

Für die Sie ja auch sehr gute Kritiken bekommen haben.

Das hat uns gefreut und wir haben die Kritiken auch sehr ernst genommen, weil die Meinungsäußerungen mancher Kritiker durchaus lehrreich waren.

 

Friedrich Luft ist da als Kritiker wahrscheinlich zu nennen?

Ja, aber auch Hass, Ramsegger, Eggebrecht, und nicht zu vergessen, Frau Klamroth vom Norddeutschen Rundfunk - eine sehr angesehene Kritikerin, deren Aussagen gefürchtet waren.

 

Aber es hat keine Filme gegeben, wo Sie gesagt haben, das mache ich, weil mir der Stoff wichtig erscheint, obwohl ich vermute, der Film wird beim Publikum gar nicht so gut ankommen?

Wir haben immer gehofft, daß das Publikum unsere Filme annimmt. Man darf dabei nicht vergessen, daß wir persönliche, selbstschuldnerische Bürgschaften für die Kredite geben mußten. Uns wurde nichts geschenkt. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die Verleiher und das Kinopublikum mit REALFilm- Produktionen sehr zufrieden waren. Das kann Ihnen jeder Kinobesitzer aus dieser Zeit bestätigen.

 

Eine besonders schöne Bestätigung war sicherlich für Sie die Oscar-Nominierung Ihres Films „Der Hauptmann von Köpenick“?

Es war eine Bestätigung für alle, die an diesem Film mitgewirkt haben. Wir reisten damals voller Erwartung nach Hollywood, denn nur zwei Filme waren für den Preis „Bester ausländischer Film“ nominiert worden: „Der Hauptmann von Köpenick“ und „La Strada“ - und unsere Chancen standen gut, die begehrte Trophäe zu gewinnen. Als dann „La Strada“ den Oscar bekam, waren wir natürlich traurig, aber trotzdem war es für die REAL- Film ein schöner Erfolg und gut, dabei gewesen zu sein.

 

Im Gegensatz zu Walter Koppel waren Sie von Anfang an für eine Kooperation mit dem Fernsehen.

Walter Koppel war damals Präsident der SPIO und hat dementsprechend die Meinung der Filmindustrie vertreten. Das war auch der Grund, warum ich mich Ende 1959 von der REAL-Film bzw. Walter Koppel trennte. Meiner Ansicht nach waren Film und Fernsehen keine feindlichen Brüder. Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Nachdem wir uns von der REAL-Film getrennt hatten, haben wir intensiv angefangen, Studio Hamburg auszubauen und konnten damit den Medienplatz Hamburg konsolidieren. Mit der Beteiligung und Hilfe von Studio Hamburg haben sich auch weitere Medienfirmen hier in Hamburg etablieren können.

 

Vielleicht noch einmal eine ganz persönliche Frage: Gehen Sie eigentlich heute noch ins Kino und gucken sich Filme an?

Ja, sehr oft. Also, ich würde sagen: einmal in der Woche bestimmt.

 

Und welcher Film hat Ihnen in letzter Zeit besonders gut gefallen?

(Herr Trebitsch überlegt ...) Es sind ja auch in letzter Zeit wieder gute deutsche Filme entstanden, wie z.B. „Stadtgespräch“.

 

Der ist ja sogar hier in den Ateliers von Studio Hamburg gedreht worden.

Ja, das ist richtig. Der Produzent war Dirk Düwel.

 

Sie waren beim letztjährigen Hamburger Filmfest zu Gast bei einigen Filmen der Ihnen gewidmeten Retrospektive. Was war das für ein Gefühl, nach so langer Zeit wieder einmal diese Filme zu sehen - Sie haben ja gemerkt, daß das Publikum auch heute noch bei Ihren Filmen mitgeht. Bei einem Film, der Studentenkomödie „Des Lebens Überfluß“ waren sehr viele junge Leute im Abaton, die herzlich gelacht haben.

Es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, daß ich mir diese Filme noch einmal auf der großen Leinwand im Beisein des Publikums anschauen konnte. Ich habe uns bestätigt gefunden, daß das Wesentliche eines Filmes das Erzählen einer guten Geschichte ist. Unsere Filme, ob „Arche Nora“ oder „Des Lebens Überfluß“, haben eine gute Geschichte und werden deshalb auch heute noch vom Publikum genauso gut angenommen wie früher.

 

Es gibt die Theorie, daß der Regisseur neben dem Autor praktisch für ein Werk verantwortlich ist. Man spricht ja vom Autorenfilm, wo der Regisseur praktisch die ganze Richtung des Films bestimmt.

Es ist keine unglückliche Situation, wenn der Autor und der Regisseur ein- und dieselbe Person sind. Es gibt aber nur wenige Regisseure, die zugleich auch gute Drehbuchautoren sind.

 

1980 gingen Sie ja nicht gleich in den Ruhestand, sondern vielmehr in den Unruhestand - Sie gründeten gleich eine neue Firma.

Am 29. Februar 1980 bin ich aus der Geschäftsführung von Studio Hamburg ausgeschieden.

 

... und drei Tage später ging es schon wieder los! Also ganz offensichtlich brauchen Sie das Metier Film?

Mein Beruf ist Filmproduzent und ich habe mich sehr gefreut, daß ich wieder aktiv Filme produzieren konnte.

Die Geschäftsführung des Studio Hamburg hat Martin Willich übernommen.
Ich freue mich sehr, daß es Martin Willich gelungen ist, mit seinen Mitarbeitern Studio Hamburg so weiterzuentwickeln, daß es heute zu den bedeutendsten Ateliergesellschaften in Europa gehört.

 

Martin Willich hat die Privatsender nach Hamburg geholt, wie SAT1, RTL2, RTL Nord-Live ...

Und nicht zu vergessen, den Pay-TV-Sender PREMIERE.

 

Sie sind ja auch noch in der Branche tätig, mit Ihrer „Gyula Trebitsch Produktion & Consulting KG“

Ich bin froh darüber, daß ich die Möglichkeit habe, in beratender Funktion noch arbeiten zu können.

Zum Abschluß dieses Interviews möchte ich die Gelegenheit nutzen, auch an dieser Stelle meinen Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu danken, daß sie mir geholfen haben, all das zu erreichen, worüber wir in diesem Interview gesprochen haben.

 


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