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Kodak killt den Amateurfilm

Franka Potente und Hans Weisgartner protestieren zusammen mit 10.000 Schmalflimmern weltweit

Von Jürgen Lossau

Unauffällig verpackt in eine Meldung zum 40-jährigen Jubiläum des Super-8-Films kündigt Kodak das Ende seines legendären Kodachrome 40 an. Filmer in aller Welt schließen sich zusammen, um gegen diese Entscheidung zu protestieren. Rund 10.000 Unterschriften von aktiven Nutzern haben Kodak schon erreicht. Doch der einstmals gelbe Riese aus Rochester (USA) zeigt sich unnachgiebig. „Die Entscheidung ist endgültig“, meint Bob Mayson, stellvertretender Leiter der internationalen Abteilung Kinefilm bei Kodak.

 

Diesem Film ist sogar ein Hit gewidmet. „Mama, don’t take my Kodachrome away“, sang Paul Simon bereits 1973. Steven Spielberg, Roland Emmerich, Gus van Sant oder Spike Lee – viele international bekannte Filmemacher starteten ihre Karriere auf Kodachrome im Super-8-Format. Der für seine leuchtenden Farben und sein geringes Korn bekannte Farbumkehrfilm eroberte ab 1965 auf Super-8 die Welt. 1980 verkauften sich allein in Deutschland pro Jahr 20 Millionen Super-8-Filme. Heute sind es weltweit noch rund 200.000. Super-8-Insider meinen, der Markt sei noch groß genug, um das unnachahmliche Produkt am Leben zu erhalten. Die Zeitschrift schmalfilm (Fachverlag Schiele & Schön, Berlin) hat deshalb eine Petition gegen den Produktionsstopp ins Leben gerufen, weil mit dem Kodachrome 40 der letzte Amateurfilm im Super-8-Format verschwinden würde. Mehr als 1.500 Unterzeichner gibt es bereits, die zusagen, jährlich über 16.200 Kodak-Filme kaufen zu wollen Unter den Protestlern ist auch die Schauspielerin Franka Potente. Sie hat gerade ihren ersten eigenen Film komplett auf Super-8 gedreht – fürs Fernsehen. Auch der Regisseur Hans Weingartner, der im letzten Jahr mit seinem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ Deutschland in Cannes vertreten hat, schwört auf den Kodachrome 40: „Ich habe damit viele großartige Familien-, Reise- und später erste Experimentalfilme gedreht“, sagt der 35-Jährige.

 

Millionen Schmalfilmer vertrauten dem Super-8-Film in der gelben Packung und drehten vom Weihnachtsfest bis zum Badeurlaub alle Erinnerungen mit 18 Bildern in der Sekunde. „Die Qualität und die Haltbarkeit sind großartig“, sagt Filmhändler Daniel Wittner aus Hamburg. „Kodak geht von 100-jähriger Lagerungsfähigkeit aus, ohne dass sich die Farben verändern. Welche VHS-Kassette oder DVD kann da schon mithalten?“

 

Der Kodak-Konzern, der fürs erste Quartal 2005 rote Zahlen melden mußte, scheint nun all das über Bord zu werfen, was ihn einst bekannt und berühmt machte. Auch das Fotopapier für Schwarzweiß-Bilder stellt der Hersteller ein. Man trennt sich immer mehr von allem, was mit der chemischen Fotografie zu tun hat. Von den zur Zeit noch 60.000 Mitarbeitern des Unternehmens werden 40% bis 2007 entlassen. Zwölf Fabrikgebäude im Kodak-Park, Rochester, sind schon dem Bagger zum Oper gefallen. Damit kippt man legendäre Materialien von unnachahmlicher Qualität über Bord. Der Kodachrome hat einen hohen emotionalen Wert. Andere Hersteller wären froh, solche Produkte mit legendärem Ruf im Programm zu haben.

 

Der Kodachrome 40 ist vor allem deshalb für den Hersteller zum Sorgenkind geworden, weil er in einem komplizierten Verfahren in 14 Bädern entwickelt werden muß. Das macht man weltweit für alle Filme nur noch an einer Stelle: im Schweizer Kodak-Labor nahe Lausanne. Dort soll spätestens Ende 2006 die Arbeit mit Super-8-Film eingestellt werden. Rund 100.000 Rollen zu je 15 Meter sind hier nach Schätzung des Laborleiters René Agassis jährlich in der Entwicklung.

 

Kodak hat den Film erfunden und damit über Jahrzehnte viel Geld verdient. Jetzt läßt man die rund 5.000 deutschen Filmamateure im Stich. Eine amerikanische Petition im Internet weist weitere 5.000 Unterschriften auf. In Norwegen hat ein Internet-Forum weit über 1.000 Proteste erbracht. Auch aus Frankreich melden Filmclubs 300 Unterschriften.

 

Kodak liefert zwar mit dem Ektachrome 64T einen neuen Film in der Super-8-Kassette. Dieser wird aber ohne Entwicklung verkauft und kann in 75% aller Kameras nicht verwendet werden, weil diese Geräte die Filmempfindlichkeit des neuen Materials nicht lesen können. Erste Tests haben ergeben, dass der Film viel zu grobkörnig ist und sich damit nicht zur Projektion eignet.

 

Die Entscheidung von Kodak stößt in der Schmalfilmszene auf wütenden Protest. The New York Times, auch als Beilage des Daily Telegraph in London und der Süddeutschen Zeitung in München, die Welt, der Tagesspiegel und die taz aus Berlin, die Nürnberger Nachrichten und die Berliner Morgenpost haben ausführlich über das bevorstehende Ende berichtet. Auch der Bayerische Rundfunk, Radio Mephisto 97,6 in Leipzig und Radio France International kritisierten die Entscheidung von Kodak und wiesen auf das „einmalige Material, das man im Grunde zum Weltkulturerbe zählen müßte“, hin. Der zuständige Kodak-Manager Bob Mayson habe den Film fahrlässig geopfert, obwohl kein adäquates Alternativmaterial zur Verfügung stehe, heißt es. Die Schmalfilmer kritisieren auch die ihrer Meinung nach dilettantische Öffentlichkeitsarbeit. In Österreich gibt Kodak die Auskunft, das Schweizer Labor schließe Mitte 2006, in der Schweiz spricht man vom Mai und in Deutschland von Ende 2006. Keiner weiß Bescheid. Die übereilte Entscheidung bringt Chaos in den Konzern.

 

Konkurrent Fuji, noch immer mit dem ebenfalls 1965 vorgestellten Single-8-Film am Markt, gibt hingegen ab dem Zeitpunkt, zu dem dieser Schmalfilm eines Tages nicht mehr hergestellt werden würde, eine fünfjährige Entwicklungsgarantie. Da aber die hauptsächlich in Japan und den Niederlanden gebräuchlichen Single-8-Kassetten nicht in Super-8-Kameras passen, können deutsche Schmalfilmer nicht darauf zurückgreifen. Sie wünschen sich deshalb von Kodak eine ähnlich kulante Einstellung, denn noch sind Hunderttausende Filme im Umlauf. Wenn aber das Labor in Lausanne geschlossen wird, dürfte auch die dafür nötige, von Kodak angebotene Chemie weltweit nicht mehr zu bekommen sein.

 

Gerade in den letzten Jahren hatten sich wieder vermehrt junge Leute dem Medium Schmalfilm zugewandt. Sie lieben den eigenwilligen Charme der Bilder, die Farben und das Filmkorn. Doch ganz aufgeben will die Schmalfilmszene den Kodachrome 40 noch nicht. Nun soll versucht werden, Kodak dazu zu bewegen, wenigstens den Film weiter zu fertigen und ein privates Labor zu finden. Schweizer Filmamateure haben schon vorgeschlagen, für ein solches Labor tief in die Tasche zu greifen und Geld zu sammeln.

 


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