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Interview mit einem Feuerwehrkameramann

„Kino-Krüger“: Mit der Filmkamera im Einsatz

Von Jan van Dieken

Das Leben von Ehrenbrandmeister Werner Krüger (22. Juni 1901 bis 12. Oktober 1992) war durch zwei Steckenpferde geprägt: Die Liebe zum Film und zur Feuerwehr. In beiden Metiers hat er viel erlebt. 1922 erhielt er seine erste 16mm-Kamera. Er volontierte bei den VERA-Filmwerken an der Alsterkrugchaussee und fuhr wenig später mit seiner Kamera Ernemann C 35 durch Niedersachsen, Schleswig-Holstein sowie Hamburg und drehte Dokumentarfilme für die Wochenschau oder das Kinovorprogramm – wie z.B. „Eine Wochenendefahrt in die Holsteinische Schweiz“, „Von Stettin bis Saßnitz – eine Reise durch Vorpommern bis zur Insel Rügen“ (beide 1928). Als professioneller Kameramann machte sich „Kino-Krüger“, wie er von den Kollegen bald liebevoll genannt wurde, rasch einen Namen und gewann mit seinen Kulturfilmen auch einige Preise. 1924 bestand er offiziell die Kinovorführer-Prüfung. Seitdem liefen auch zig Tausende Meter Film durch seine Hände. 1938 schließlich eröffnete er ein Fachgeschäft, in dem er 16mm-Projektoren, Filmmaterial und Leinwände an die Industrie verkaufte. Im Zweiten Weltkrieg wurde er ausgebombt und zog aufs Land, drei Kilometer von Glückstadt entfernt. Zwischendurch arbeitete er auch als Kameramann für den NWDR, drehte Lehrfilme und dokumentierte Großeinsätze und Brandübungen in Hamburg. Als er 1962 wegen nachlassender Nachfrage sein Geschäft schließen musste, wechselte er die Seiten und trat auch verstärkt als Komparse und Kleindarsteller in unzähligen Fernseh- und Kinofilmen auf. 1970 erschienen seine Erinnerungen „Der Film und ich – Kleine Geschichte einer großen Liebe“ als gedrucktes Manuskript im Selbstverlag, und 1983 schließlich „Film und Feuerwehr – Mit der Kamera im Einsatz“, indem er seine Erlebnisse als Feuerwehr-Filmer schilderte. Am 16. August 1990, kurz vor seinem 90. Geburtstag, befragte ihn der Filmkritiker und Historiker Jan van Dieken im Rahmen einer Zeitzeugen-Befragung für das Museum der Arbeit, Barmbek, zu den wichtigsten Stationen seines Lebens.

Sie haben den Brand der Hamburger Michaeliskirche
im Jahre 1906 als Kind selbst miterlebt?

Das konnte man vom Dachfenster meines Elternhauses sehen, wir hatten einen Druckereibetrieb in der Katharinenstraße, der war ungefähr einen Kilometer Luftlinie entfernt. Mein Vater hat mich auf den Arm genommen, ich war damals fünf Jahre alt - und wir haben durch das Dachfenster alles miterlebt. Ich sehe es noch so wie heute, als der kritische Moment kam, da fingen die vier Säulen, die die Kuppel trugen, an zu zittern, fielen nach innen in den Turm hinein, und die Kuppel drehte sich um 90 Grad, hielt sich noch wie ein Luftschiff ungefähr noch zwei Sekunden in der Luft und stürzte denn unten auf die Englische Planke, so heißt die Straße jetzt.

Wissen Sie noch, ob es damals Opfer gab?

Das weiß ich nur aus den Erzählungen. Auf jeden Fall der Mann, der Brandwache im Turm hatte, Herr Beuerle. Der hatte den Rückzug nicht geschafft, den hatte ihm das Feuer abgeschnitten. Die Klempner, die das alles durch ihre Lötlampe verursacht hatten, weil sie die Dachpappe auf dem Holzbalken in Brand gesetzt hatten, konnten sich hingegen retten.

Wie sind sie überhaupt auf den Film gekommen?

Also die „Kineritis“, wenn man so sagen darf, die bekam ich schon mit 9 Jahren. Das war Weihnachten 1910, als ich eine Laterna magica, zu deutsch: Zauberlaterne, geschenkt bekam. Das war ein Lampenhaus, vorne ein Objektiv, genau wie bei den heutigen Diaprojektoren und seitlich war ein Schlitz, da konnte man Filmstreifen durch schieben, so serienmäßig, vierfarbige Motivserien. Das konnte man, wenn keine Leinwand hatte, auch auf einem Rollo oder einem Betttuch vorführen. Und die Verwandten und die Bekannten saßen dabei und haben sich dann königlich amüsiert. Das alles hat mich dermaßen verzaubert, dass ich von nun an nur noch die Projektion und die Filmgeschichte im Kopf hatte. Auf dem Boden über der Druckerei meiner Eltern habe ich Vorführungen gemacht, mit einem Schild „Eintritt: 1 Pfennig“. Ja und nach einiger Zeit wollte ich dann einen richtigen Kinematographen haben, mit lebendigen Bildern. Den bekam ich dann auch. Da nahm ich dann bereits 2 Pfennig Eintritt, dafür waren dass dann aber auch schon richtige Filme, zum Beispiel 20 Meter „Leben auf der Geflügelfarm“.

Und wie begann ihr Berufsleben?

Ich besuchte zunächst die Lehrerbildungsanstalt Uetersen. Schon damals war die Lage genauso schlimm wie heute, da hatte man eigentlich kaum eine Aussicht auf eine feste Anstellung. In vier Jahren, also acht Semestern, schloss ich die Ausbildung ab. Meine anderen Kollegen gingen gleich zu den diversen Banken und Sparkassen, weil die mit den Billionen und den Nullen förmlich jonglierten und es da noch Einstellungschancen gab. Ich bin dann auf eigene Faust los und habe versucht, mich als Kameramann ausbilden zu lassen.

Wann war das?

Um 1920. Ich bin ins Kaufmannshaus Große Bleichen gegangen. Dort war ein riesenhafter Lichthof in der Mitte, der als Atelier von einer Filmgesellschaft genutzt wurde. Aber die Gesellschaft „Kohinoor-Film-Company“ war leider schon pleite, bevor sie richtig anfing. Mich hatten sie noch als Volontär angestellt, zur Ausbildung von Aufnahmeoperateuren. Doch meinem Vater passte das nicht und ich musste in seine Firma eintreten. Um mich nun seelisch im Gleichgewicht zu halten – nur hatte ich ja gar kein Interesse als Schriftsetzer zu arbeiten. Mein Vater sah ja in mir immer nur den Nachfolger, weil wir keine Geschwister hatten. Immerhin hatte er 1891 als kleiner Handwerker die Druckerei praktisch aus dem Nichts aufgebaut. Nun wollte er ja, dass ich sie auch weiterführte; aber daran hatte ich wirklich kein Interesse. Schließlich suchte ich mir etwas auf eigene Faust: Dank Tante Lene, der das „Elite“-Lichtspieltheater am Steindamm gehörte, konnten wir in dem Kino ein- und ausgehen und hatten sogar Ehrenkarten. Da habe ich mich mit dem Filmvorführer angefreundet, mit Walter Mamero. Der wies mich in alles ein - und schließlich, als er einmal plötzlich wegen akuter Zahnschmerzen mitten in der Vorstellung ausfiel, konnte ich zusammen mit der Platzanweiserin den Betrieb voll aufrechterhalten.

Der Mamero war ein ausgebildeter Vorführer?

Ja. Jedenfalls kam bald auch für mich die staatliche Prüfung - eine sehr strenge Angelegenheit, weil doch der Nitrofilm so gefährlich war. Und nachher hieß es dann: Behördlich oder staatlich geprüfter Filmvorführer. Die Prüfung habe ich allerdings nicht im „Elite“, sondern im knapp 600 Plätze umfassenden „Central-Theater“ in Eimsbüttel gemacht, bei Carl Timm, so hieß der Besitzer. Da war ein großes Aufgebot, insgesamt waren wir drei Mann und es dauerte schließlich auch alles in allem drei volle Stunden

Wer war alles dabei?

Da gab es neben dem geprüften Vorführer noch einen. Mann von den Elektrizitätswerken und einen Berater von der Feuerwehr. Der Sicherheitsbeamte, ein Polizeirat, hatte die Aufgabe, die Kinos zu kontrollieren, ob alles feuerwehrtechnisch in Ordnung war. Der war sehr zufrieden mit mir und meinte: „Na, der Herr Krüger wusste ja allerhand“.

Warum war denn ein Mitarbeiter der Elektrizitätswerke dabei?

Keine Ahnung, vielleicht weil wir noch mit den dicken Kohlenstiften gearbeitet haben und mit den Gleichrichtern. Da ussten wir ja alles genau kennen. Zunächst haben sie so ein paar allgemeine Fragen gestellt, was die Sicherheit anbetrifft. Dann musste ich natürlich auch einmal einen Film einlegen. Da habe ich gemerkt, dass die Kohlelampe ganz gewaltig zischte - und sie hörte auch nicht auf zu zischen. Weil ich ja schon meine Erfahrungen aus der Praxis hatte, habe ich gemerkt, dass die Prüfungskommission die beiden Pole – Plus und Minus – einfach vertauscht hatten. Dieses habe ich auch sofort kundgetan, was sie furchtbar beeindruckt hat. Obwohl die uns, wie man so schön sagt, förmlich ein Loch in den Hintern gefragt haben - haben doch alle Drei zum Schluss auch bestanden.

Sie mussten also auch praktisch etwas vorführen?

Ja, den eingelegten Film musste ich dann auch vorführen - und die Kommissionsmitglieder haben genau geschaut, ob ich das richtig gemacht habe. Die von mir umgepolte Lampe brannte dann auch richtig. Es gab ja noch keine Spiegellampen, stattdessen hatten wir daumendicke Kohlestifte. Als später die besagten Spiegellampen kamen, waren die langen Kohlestifte nur noch so dünn wie ein kleiner Finger, weil ja nun der große Hohlspiegel das Licht fächerte.

Welche Fragen hatten sie denn so bei der Prüfung zu beantworten?

Zuerst einmal musste ich natürlich erklären, wie gefährlich der Nitrofilm ist. Dass er eine hohe Gefahrenklasse hat, denn er besteht ja aus Zelluloid - und Zelluloid ist bekanntlich reine Schießbaumwolle, der nur ein wenig Kampfer beigemischt wurde, damit man mit ihr umgehen kann - sonst wäre sie noch gefährlicher. Aus dieser Schießbaumwolle mit Kampfer bestand damals der ganze 35mm-Kinofilm. Bis dann 1935 oder 1937 endlich der Sicherheitsfilm kam – mitten in der Nazi-Zeit.

Gab es eigentlich besondere Vorbedingungen, wenn man Filmvorführer werden wollte?

Eigentlich sollten laut Vorschrift alle Bewerber gelernte Elektriker sein. Gelegentlich wurden natürlich auch Ausnahmen gemacht, ich war ja bekanntlich gelernter Schriftsetzer – oder wenn sie so wollen, Autodidakt. Einer der besten, patentesten Vorführer, den ich kannte, war übrigens ursprünglich gelernter Friseur. Leider habe ich aber inzwischen vergessen, wie er hieß und wo er genau als Vorführer gearbeitet hat, aber er war ungefähr gleichaltrig.

Also gab es in dem Sinne keine Ausbildungsstätte für Filmvorführer?

Nein. Wenn sie den Beruf ergreifen wollten, mussten sie schon einen aktiven Vorführer finden, der gewillt war, sie auszubilden. Und die meisten haben gesagt: Wie komme ich dazu, meine eigene Konkurrenz auszubilden? Die Ausbildung dauerte ein halbes Jahr, bis man dann eine Prüfung abzulegen hatte. Dies galt allerdings nur bis zur Einführung des Sicherheitsfilmes Mitte der 1930er Jahre. Ab diesem Zeitpunkt brauchte man auch keine staatliche Prüfung mehr abzulegen, da konnte im Prinzip jeder Hanswurst Vorführer werden.

Hatten Sie denn im Kino auch auf andere Sachen zu achten - zum Beispiel auf die richtige Klavierbegleitung?

Natürlich gab es in der Stummfilmzeit fast immer jemanden, der Klavier spielte. Bei Beerdigungen war ein Harmonium
da – und die größeren Theater hatten ja auch noch Cello, und Geige und Bass – also richtig große Orchester. Da es keinen Orchestergraben gab, saßen die Musiker vor der Leinwand. Genauer gesagt: Unterhalb der Leinwand - denn dann konnten die Musiker ja auch gleich das Bild mit sehen – wenngleich vermutlich auch ziemlich verzerrt. Die Orchester sind übrigens eigentlich erst nach dem ersten Weltkrieg aufgekommen, so um 1920 nach meiner Erinnerung.

Zeitweilig gab es zur Stummfilmzeit sogar einen Einsprecher, eine Art „Filmerklärer“?

Das muss man sich so vorstellen: Da stand ein zumeist älterer Mann auf einem Podest – und sie sitzen im Kino zum Beispiel links von der Leinwand. Der gab nun den ganzen Salat, den sie sowieso auf der Leinwand sehen konnten, zum Besten. Ich habe das einmal 1912 oder 1913 im „Reform“-Kino erlebt - da wurde eine Filmszene vorgeführt, bei der zwei Menschen, Arm in Arm eingehakt in den Wald hineingingen. Ich erinnere mich noch, wie er mit seiner dramatischen Stimme sagte „... und sie gingen immer tieeefer in deen Waald hinein!“ Aber das sah man doch alles selber auf der Leinwand - und deshalb war es ein Quatsch, das alles noch einmal zu erzählen. Und auch seine Stilblüten waren unübertrefflich, nur fällt mir im Moment natürlich keine mehr ein. Ab 1907 kamen die Zwischentitel in Mode und so verschwanden die Erklärer langsam in den 1910er Jahren.

Erinnern Sie sich noch an ein besonders schönes Kino?

Ja, an den „Emelka“-Palast in Eimsbüttel, an der Ecke Heußweg/Osterstraße. Der brannte ja leider im Krieg aus, den kannte ich noch in seiner ganzen ursprünglichen Pracht. Der wurde übrigens bereits nach dem Krieg viele Jahre von der TELDEC-Schallplattenfabrik als Musikstudio genutzt. Als eine meiner ersten Kompositionen, ein Feuerwehrmarsch, dort vor einiger Zeit mit der Berufsfeuerwehrkapelle Hannover auf Platte aufgenommen wurde, hatte ich plötzlich die verräucherten und ausgebrannten Logen wieder vor Augen. Das tat mir sehr weh, denn anlässlich der Errichtung des „Emelka“-Palastes hatte ich bereits 1928/29 einen Baufilm gedreht – von der Ausschachtung über die Wasserrohrverlegung bis hin zur Inneneinrichtung. Dieser Baufilm wurde später in der „Schauburg St. Pauli“ als Beiprogramm uraufgeführt, leider ist die einzige Kopie im Krieg verloren gegangen. Bei der Filmpremiere waren meine Eltern in einer Loge dabei - und, als meine Aufnahmen mit dem Vorspann „von Werner Krüger“ auf der großen Leinwand zu sehen waren, hatte ich eine stolz geschwellte Brust. Da hat auch mein Vater wohl endlich gemerkt, dass er mich gewähren lassen musste, denn ich schien ja auf diesem Gebiete doch talentiert zu sein. Ach ja – und im „Emelka-Palast“ lief ja bekanntlich 1929 in Hamburg mit „The Singing Fool“ mit Al Jolson, auch der erste Tonfilm – noch auf Nadelton natürlich.

Wie sah dieses Verfahren in der Praxis aus?

Die Projektionsmaschine hatte hinter dem Lampenhaus einen Sockel, auf dem eine große Platte ganz langsam ablief. Der Abnehmer, die Nadeln, tasteten die Platte ab und der Ton ging über einen Verstärker und wurde synchron abgespielt. Da musste man schon sehr aufpassen, dass alles wirklich synchron blieb. Wenn man zu früh aufsetzte oder der Film lief bereits, dann konnte das unfreiwillig komisch wirken.

Wie sahen die typischen Kinobesucher jener Zeit aus?

Überwiegend ging der bessere, der gehobene Mittelstand ins Kino. Natürlich gab es auch reiche Leute und auch mal Penner, die da hingingen. Es war ja doch ein relativ billiges Vergnügen. 10 Pfennig kostete ein Platz an der Seite, 20 Pfennig das Mittelparkett - und Loge 30 Pfennig. Das konnte sich nahezu jeder erlauben. Obwohl 30 Pfennig für die Loge aus heutiger Sicht schon fast eine Art Luxus war.

Auf jeden Fall war es zu jener Zeit nicht mehr das anrüchige Jahrmarkt-Kino der Jahrhundertwende.

Anfänglich ist das Kino sicherlich von vielen als minderwertige Vergnügung für das Volk betrachtet worden. Die Intellektuellen standen weit darüber – die gingen höchstens ins Theater. Das Kino hatte manchmal noch etwas Abfälliges, wie ich häufig noch zu hören bekam. Das dauerte solange, bis die Großlichtspielhäuser kamen, die Schauburgen zum Beispiel. Die prachtvollen Paläste in St. Pauli und Hamm - da sagte man nicht mehr, das Kino ist nur etwas für das breite Volk und rümpfte womöglich die Nase.

Haben sie auch gelegentlich in den Innenstadt-Kinos gearbeitet?

Ja, ich kannte die „Passage“ – der damalige Betreiber, Hans Struckmeyer, hat mich sehr gefördert, weil er sofort erkannte, dass ich unheilbar an der „Kineritis“ erkrankt war. Jedenfalls, das „Passage“-Theater gibt es ja noch heute und Karel Frank, ein guter Bekannter, der für sehr viele Bühnenvorhänge verantwortlich zeichnete, arbeitete da ganz in der Nähe als Innendekorateur. Sie trauern also den Filmpalästen jener Zeit nach? Ja – wo gibt es heute noch Kinos mit 1.000 oder mehr Plätzen wie in dem ebenfalls 1929 eröffneten UFA-Palast am Valentinskamp. Ich arbeitete damals Anfang der 1930er Jahre gerade im Hansa-Theater, als eine größere Anzahl von Beleuchtern von dort zum UFA-Palast wechselte, weil man da mehr verdienen konnten. Und es war etwas Neues für alle Hamburger. Da fing es mit den Großkinos an, mit den großen Schauburgen in Hamm und St. Georg – und hier in der Schauburg Barmbek habe ich in jener Zeit als Ersatzvorführer selber noch vorgeführt. Sie lag hinter der Eisenbahnbrücke in der Straße Dehnhaide 91/95.

Wie kamen Sie zu ihren Ruf als Experte für den Theaterbrandschutz?

Nun mit diesem Polizeirat, Friedrich Wilhelm Palm, der mich damals geprüft hatte, ergab sich eine Art Freundschaft. Obwohl er als so streng und gefürchtet galt, auch von den Theaterbesitzern, und er hat mich beispielsweise immer mitgenommen,wenn hier ins Wandsbeker Stadttheater mal eine Sicherheitsbegehung durchführte. So kam ich auch zu meinem Anschauungsmaterial für den Vortrag „Moderner Feuerschutz in Bühnenhäusern mit Rückblick auf Theaterbrände einst und jetzt“ – das war mein spezielles Steckenpferd! Da arbeite ich heute noch dran – gerade bin ich dabei, das „Magdeburger Theater“ in Sachen Feuerschutz zu beraten. Ja, so wurde der Polizeirat mein bester Lehrmeister. Durch ihn habe ich gemerkt, worauf es bei der Sicherheit ankommt. Und er freute sich wohl, dass ich so großes Interesse an seiner Arbeit zeigte. Was meinen Sie, wie er geschimpft hat, als er mal ein paar Kippen im Wandsbeker Stadttheater hinter den Kulissen fand.

Eine ihrer Dokumentationen für die Feuerwehr trägt den Titel „Eisenbahnunglück Berliner Tor am 18. September 1952“. Wie entstanden die spektakulären Aufnahmen?

Das kam so: Da war ich schon diverse Jahre Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr und wusste, dass der Schmalfilm auch gerade als Unterrichtsmittel für die Feuerwehr unbedingt wichtig war. Den Film selbst habe ich ganz per Zufall gedreht. Ich am gerade mit dem Auto am Berliner Tor vorbei und sah einen Schlauch vom Brückengeländer auf die Gleise herunterhängen. Da dachte ich: ‚Was ist denn da los?’ Na, und dann sah ich auch schon die traurige Bescherung. Es war morgens um 8 Uhr; ein einziges Trümmerfeld mit 8 Toten und 35 Verletzten, alles aufgrund eines Schienenbruchs. Da habe ich sofort die Kamera aus der Wache geholt und mir auch die Uniform angezogen, denn sonst hätte es Schwierigkeiten beim Durchkommen mit der Polizei gegeben. Ja und so entstand dieser Kurzfilm.

Sie fungierten da gleichsam auch als aktueller Reporter?

Ja – und es machte mir Spaß. So entstand auch eine Dokumentation über eine Großübung der Bramfelder Feuerwehr, meiner eigenen Brandbekämpfungs-Truppe, in einem Industriegebiet. Keiner meiner Kameraden wusste vorher von der Übung, außer mir, denn ich musste ja schon bereit stehen und sofort alles auf 8mm-Film festhalten. Da habe ich dokumentiert, wie meine Kameraden mit dem Drägerschen Atemluftgerät ausgerüstet in die Qualmwolken gingen, heute arbeitet man ja inzwischen fast nur noch mit Pressluft, die einen unabhängig von der Außenluft macht.

Sie haben auch die Anfänge des NWDR-Fernsehens in den 1950er Jahren hier in Hamburg aktiv miterlebt?

Ja, ich habe mich einfach beworben und als wir dann in Lokstedt die ersten größeren Schritte machten, war ich als freier Kameramann mit dabei. Überwiegend für das Nachmittagsprogramm, für Berufsbildungssendungen, für Kaleidoskope und so weiter. Und dann wurden schließlich sogar sechs Jahre daraus, die ich für das Fernsehen gedreht habe.

Wie waren denn damals die Arbeitsbedingungen beim Fernsehen?

Nun ja – überbezahlt wurden wir ja nie, das ist klar. Aber es war manchmal sehr lustig. Einmal sollte ich für den NWDR ein Stück vom alten Gängeviertel filmen und da hörte ich auf einmal ein Rauschen, wie ich gerade da durch meine neue Kamera, eine Bolex, schaute, ein Rauschen also – ja, und wie ich da nach oben schaute, sah ich eine alte Frau, die gerade ihren Nachttopf leerte. Wenn ich da nur zwei Meter weiter links gestanden hätte, wäre es um meine neue Kamera geschehen gewesen.

Wie betrachten Sie den Niedergang des Kinos aus heutiger Sicht?

Nun, die Zeit der Schauburgen mit diesen großen amerikanischen Kinoorgeln war nach dem Kriege endgültig vorbei. Dann kam das Fernsehen – und in die notleidenden Kinos kommen heute noch weniger Leute, weil diese Schachteln, diese Mini-Stuben, einfach furchtbar sind - da kann ich ja gleich ganz zu Hause bleiben. Schließlich war es ja das Schöne, das Besondere, wenn man in die alten Kinos hineinkam und die beeindruckende Architektur der Säle sah, die riesige Leinwand mit den großen Kinoorgel-Pfeifen rechts und links und die Plüschvorhänge. Da kam eine richtige festliche Stimmung auf – das war alles so, wie ich sonst eigentlich nur empfinde, wenn ich die Staatsoper betrete. Dann bin ich plötzlich in einer ganz anderen Welt. Und bin immer noch ganz verzaubert. Deshalb finde ich die heutige Situation sehr bedauerlich. Eigentlich gibt es noch soviel aus der Vergangenheit zu erzählen, da muss ein wenig Wehmut schon erlaubt sein.

 


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