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Eine Barke auf großer Fahrt

Das Barkhof-Theater/Barke-Kino (1910-1987)

Von Volker Reismann

Alles begann 1910 mit dem Bau der neuen Mönckebergstraße. Entlang der mitten durch kleine Wohn- und Geschäftsgassen eines ehemaligen Gängeviertels geschlagenen Straßenschneise entstanden repräsentative neue Kontorhaus-Bauten, darunter auch der sogenannte Barkhof. Das 1912 eröffnete erste Teilstück der U-Bahntrasse, welche der Mönckebergstraße folgte, hatte sogar einen gleichnamigen Bahnhof („Barkhof“) der Ringlinie aufzuweisen, der heute allerdings zur U3 gehört und inzwischen in „Mönckebergstraße“ umbenannt wurde. Bereits am 31. August 1910 konnte das Fachorgan „Der Kinematograph“ aus Düsseldorf in seiner Rubrik „Aus der Praxis“ stolz verkünden: „Hamburg. Hier wird im Oktober ein neues Theater eröffnet. Mit den der Neuzeit entsprechenden Einrichtungen hat man bereits angefangen. Das ‚Barkhof-Kinematographen’-Theater dürfte eines der vornehmsten in Hamburg werden.“

 

Und nur knapp zwei Monate später, am 12. Oktober 1910, hieß es dann im selben Blatt: „Das ‚Barkhof-Theater’, eine vornehm eingerichtete Lichtbildbühne großen Stils, deren Darbietungen beinahe 1.000 Zuschauern gleichzeitig zugänglich gemacht werden können, ist eröffnet.“ Große Annoncen im „Hamburger Anzeiger“ und „Hamburger Fremdenblatt“ warben für das neue Kino und sein Eröffnungsprogramm. Wieder war es der „Kinematograph“, der in seiner Ausgabe Nr. 198 vom 12. Oktober in der Rubrik „Aus der Praxis“ wie folgt berichtete: „Neben dramatischen Szenen ernster und heiterer Art gab es eine sehr interessante Darstellung der Entwicklungsgeschichte Axelotis und eine durch ihre Kontraste überaus amüsante Vorführung der launischen Frauenmode in den letzten 50 Jahren, die bei dem sachverständigen Damenpublikum ebenso viel Beifall wie verständnisvolle lächelnde Kritik weckte. Insbesondere interessierte hier das Schlusstableau, das die berüchtigte Reifrockmode von 1859 der heutigen Tracht gegenüber stellte. Das tragikomische Geschick Piefke als Don Juan rief starke Heiterkeit hervor, und den Schicksalen der Schmugglertochter Pepita brachte man ebensoviel Interesse entgegen, wie den Erlebnissen John Stanleys, des reichen New Yorkers, in den südafrikanischen Goldfeldern. Alle Bilder sind von der diskreten Musik wirkungsvoll begleitet. Lauter Beifall folgte jeder Vorführung; namentlich erkannte man allseitig die greifbare Plastik der Bilder an.“

 

Inmitten der pulsierenden City befindlich, erfreute sich das „Barkhof-Theater“ bald großer Beliebtheit. Eine interessante Kooperation ging das „Barkhof-Theater“ im Januar 1911 ein: Ein Film über den Boxkampf zwischen Jim Jeffries und Jack Johnson um die Weltmeisterschaft in Reno aus dem vorangegangene Jahr, als „größtes Sportereignis der Welt“ in Zeitungsanzeigen gepriesen, wurde im Quartier des Circus Busch in St. Pauli aufgeführt mit dem Unterstützung und dem gesamten Equipment des „Barkhof-Theaters“. Hintergrund war die Tatsache, dass der Film bereits in München bei einer Aufführung so bedeutenden Zulauf gefunden hatte, dass dort der Zeltraum verlängert werden musste. So verlegte ihn der „Barkhof-Theater“-Betreiber gleich ganz in die riesige Zirkuskuppel.

 

Der erste Weltkrieg bedeutete auch für die Lichtspieltheater eine Zäsur. Doch F. Wilhelms Peters, der damalige Geschäftsführer, nutzte geschäftstüchtig auch diese Situation aus und setzte beispielsweise am Donnerstag, den 2. Dezember 1915 eine Sondervorstellung für Kriegsversehrte an, über die die „Hamburger Nachrichten“ in ihrer Morgen-Ausgabe am 4. Dezember 1915 berichtete: „Das ‚Barkhof Theater’ hatte am Donnerstag nachmittag mehrere hundert der Genesung entgegensehende Verwundete zu sich geladen, um ihnen einige Stunden der ablenkenden Unterhaltung und des erfrischenden Humors zu bereiten. Der weite Raum des Lichtspieltheaters war über die Hälfte mit unseren tapferen Feldgrauen besetzt, die gespannt die auf der weißen Leinwand sich abwickelnden Hergänge der Filmkunst folgten. Die packende Kraft der Handlung des inhaltsreichen Dramas ‚Der Mann ohne Gedächtnis’ fesselte die Zuschauer voll und ganz. Dann aber kam der Frohsinn so recht drastisch zu seinem Recht. Das köstliche Lustspiel ‚Karlas Tante’ löste unter den ernsten Soldaten herzerquickendes Lachen aus, das bewies, dass der grause Kampf im Schützengraben unseren Soldaten den goldigen Humor nicht hat rauben können. Sie nahmen so lebendigen Anteil an dem ulkigen Spiel, dass die Spaßvögel unter ihnen es sich nicht verkneifen konnten, aktuell mitzuwirken. Schallendes Gelächter brauste durch den weiten Raum, als eine auf herrlicher Wiesenaue grasende Rinder- und Schafherde mit frohlockenden Muh und Möh begrüßt wurde. Die Nachahmung der Tierstimmen bezeugte damit, dass sie die Stimmen der Natur, in der sie monatelang zu leben gezwungen gewesen waren, vollkommen naturgetreu abgelauscht hatten. Mit kritischem Interesse wurden die Manöver von Schneeschuhläufern und die neusten Berichte von den Kriegsschauplätzen entgegengenommen, unter denen wieder die Minenkämpfe besonders scharf einer begutachtenden Betrachtung unterzogen wurden. Die Schar der Feldgrauen verließ hochbefriedigt und mit stark gehobenem Frohsinn die Vorstellung.“

 

Der Pächter F. Wilhelm Peters wurde schließlich selbst zum Heeresdienst einberufen, was die Kontorhausgesellschaft Barkhof GmbH zur Weiterpachtung an ein anderes Unternehmen veranlasste. Darüber zeigte sich Peters in einer von ihm geschalteten Anzeige im Hamburgischen Correspondenten am 22. September 1920 vollauf empört: „Infolge der Schließung des Barkhof-Theaters, Mönckebergstr. 8, nahe Hauptbahnhof. Da die Kontorhausgesellschaft Barkhof G.m.b.H. das zwischen derselben und mir bestehende Mieteverhältnis, mir während der Zeit meiner Einberufung zum Heeresdienst, infolge Ausmietung seitens eines Konkurrenz-Unternehmens, ohne mir eine Weitervermietung anheim zu stellen, aufkündigte und mich daher zwingt, mein vor 10 Jahren gegründetes Theater am 30. September 1920 zu schließen, bin ich nur noch wenige Tage in der Lage, den kolossalen Erfolg gehabten großen historischen Prunkfilm ‚Die Tänzerin Barberina’ in 7 Abteilungen nach dem Roman von Adolf Raul aus dem Zeitalter Friedrichs des Großen zu verlängern – F. Wilhelm Peters, Inhaber des Barkhof-Theaters.“

 

Doch die Kontorhausgesellschaft ließ nicht mit sich reden und übergab das Kino der „Schauburg“-Kette. Die ließ es umbauen und im Mai 1929 mit einer modernen Tonfilmanlage ausstatten. Zwei erhaltene historische Aufnahmen zeigen eine relativ schmucklose Innengestaltung, die auch einen kleinen, umlaufenden Rang aufwies sowie die zeittypische recht quadratische Leinwand; die Saaldecke zierte eine große runde, nach innen gewölbte Glaskuppel mit starker Lichtquelle.

 

Die „Schauburg am Hauptbahnhof“ wurde nach der „Arisierung“ des Theaterkonzerns von James Henschel ab 1937 von den Theaterbetreibern Romahn & Schümann betrieben und brannte in Folge der Bombenangriffe 1943 vollständig aus. Wie unwürdig die Enteignung der jüdischen Besitzer vonstatten ging und die betrübliche Tatsache, dass – von allgemeinen Entschädigungszahlungen einmal abgesehen – keine Rückgabe nach dem Krieg an den Pächter James Henschel (bzw. seine Nachkommen) erfolgte, bedürfte eigentlich einmal einer umfassenden, eigenständigen Aufarbeitung.

 

Auf jeden Fall ließ die Ruine des Kinos die Gemüter nach dem Krieg nicht ruhen. Bereits von Mai 1949 datiert ein Antrag des Kinobetreibers Hans G. Jentzsch, der in Reinbek am Landhausplatz auch das „Sachsenwald-Theater“ betrieb, an den Wirtschaftsverband der Filmtheaterbetreiber in der britischen Besatzungszone, indem er um Zustimmung für die Errichtung eines 1.350 Plätze-Kinos am Standort der alten Schauburg in der Mönckebergstraße 8 bittet. Der Theaterrohbau sollte von der Barkhof GmbH übernommen werden, der Antragsteller selbst wollte das Kino als Pächter übernehmen. „Mit den Herren Romahn & Schümann hat sich der Antragsteller auseinandergesetzt, so dass diese keinen Einspruch gegen die Errichtung des Filmtheaters haben“, hieß es abschließend in dem Antrag, der dann auch umgehend bewilligt wurde (zuvor bereits gestellte Neubauanträge der Alteigentümer auf Wiederaufbau eines 860-Plätze-Kinos waren damit hinfällig worden). 1950/51 fanden die aufwendigen Bauarbeiten statt und bereits am 15. November 1951 begann mit einem Schreiben der neuen Theaterleitung an die Staatliche Pressestelle die Öffentlichkeitsarbeit.

 

Am Donnerstag, dem 29. November berichtete dann auch der „Hamburger Anzeiger“, dass Ende Januar 1952 „Die Barke“ ihre Reise „ins Traumland des Films“ antrete. Es wurde berichtet, dass der Name durch eine Filmbühne in Form einer „mächtigen, unter dem Sternenhimmel dahinfahrenden Barke“ unterstrichen werde und mit einer automatischen Klimaanlage ausgerüstet sei, die eine „stetig leicht anheimelnde, keim- und staubfreie Belüftung“ gewähre. 1000 Sitzplätze in Parkett und weitere 400 auf dem Balkon sollten eine allseits gute Sicht zur 35 Quadratmeter großen Leinwand bieten. Selbst an Raucherlogen und Schwerhörigenanlagen sei gedacht worden; Salons im Schiffstil, Garderobenräume, ein Erfrischungsraum, ein Aufenthaltsraum für Kinder und sogar ein Hundezwinger für tierfreundliche Filmbesucher würden das Angebot abrunden. Architekt des sowohl von der Spitaler- als auch von der Mönckebergstraße begehbaren Gesamtkomplexes war Hans Cornehl; als Innenarchitekt wurde der Bühnenbildner Heinz Hoffmann genannt, die Bauausführung oblag der Firma Paul Dose. Auch das Branchenorgan „Film-Echo“ berichtete zur gleichen Zeit, dass die "Barke" als eines der „modernsten Filmtheater der Bundesrepublik“ nunmehr der Vollendung entgegen gehe und gab als Betreiber neben Hans G. Jentzsch auch die beiden alten Schauburg-Inhaber Gustav Schümann (zu der Zeit Vorstandsmitglied des Wirtschaftsverbandes der Filmbetreiber in Hamburg) und Paul Rohmann an. Feierlich eröffnet wurde das Kino mit der Gala-Premiere der „Heidelberger Romanze“ am 12. Februar 1952. Das Hamburger Abendblatt berichtete einen Tag später: „Von den Helgen (für: Dock) der alten Schauburg ist „Die Barke“ mit dem frischen Wind des größten und modernsten Hamburger Kinos zu ihrer Jungfernreise nach romantischen Gefilden gestartet. Das schöne Schiff, das nach Heinz Hoffmanns dekorativen Entwürfen den Sternhimmel samt Auf- und Untergang der Gestirne an Bord hat, wird zweifellos auch mit der „Heidelberger Romanze“ flotte Fahrt machen. Obwohl die Farben der Erinnerung (in Agfacolor) mit ziemlich dickem Pinsel aufgetragen sind, werden unter der Übermalung durch das clevere Drehbuch von Clever und Gillmann immer wieder die ursprünglichen Konturen des für unsterblich gehaltenen Rührstückes ‚Alt-Heidelberg’ sichtbar. Film und ‚Barke’ erhielten reichlichen Premierenbeifall.“

 

Eines der ersten großen Events war eine Sondervorstellung von „Das doppelte Lottchen“ (1950), zu dem man Hamburger Zwillinge eingeladen hatte, die zusammen mit den damals sehr populären Hauptdarstellern Isa und Jutta Günther den Film sehen durften. Bald fanden auch Uraufführungen statt, so erlebte hier 1953 das Filmdrama „Ave Maria“ mit Zarah Leander und Marianne Hold seine Premiere; auch „Der letzte Walzer“ mit Curd Jürgens und seiner Ehefrau Eva Bartok wurde hier uraufgeführt; nach der Premierenfeier flogen zwischen den beiden die Fetzen, wie Augenzeugen und die Presse zu berichteten wusste. Aber auch weniger spektakuläre Werke gelangten zur Aufführung, wie die Filmkomödie „Der Tag vor der Hochzeit“, die am 16. Januar 1953 hier in Hamburg erstmals gezeigt wurde (wie eine erhalten gebliebene persönliche Einladung des Schorcht-Filmverleihs im Bestand des Filmmuseums belegt).

 

Am 3. November fand dann im Barke-Kino die erste Vorführung eines Breitleinwand-Films in Hamburg statt. Der Redakteur Ludwig Schubert berichtete darüber einen Tag später im Hamburger Anzeiger: „An der Mönckebergstraße sahen wir gestern das Kino der Zukunft: Mit einer Leinwand so breit wie der Zuschauerraum, Geräuschen und Musik aus drei verschiedenen Richtungen und riesenhaften Großaufnahmen. Nach dieser ersten Demonstration vor der Fachwelt sollen noch im Laufe des Winters die ersten Spielfilme nach dem neuen Cinemascope-Verfahren in Hamburg anlaufen. Gestern morgen in der Barke: Gedämpfte Spannung. Nach dem 3-D-Rummel (das ist die Sache mit der Brille auf der Nase und den harten Gegenständen, die aus der Leinwand ‚plastisch’ auf den Zuschauer fliegen) blieben auch begeisterungsfähige Gemüter zurückhaltend. ‚Keine Angst’, beruhigte der Vertreter der Fox-Filmgesellschaft.’ Es springen Ihnen weder Löwen noch Elefanten ins Gesicht!’ Dennoch wurde es beunruhigend kolossal. Der Vorhang tat sich auf – noch und noch, immer weiter bis zur respektablen Breite von über zwölf Metern. Statt eines Films im üblichen Format leuchtete ein weites Panorama auf, zweieinhalbmal so breit wie hoch, als hätte eine Zauberhand die Stirnwand des Kinos fortgenommen, während draußen... Nun ‚draußen’ legten sich überdimensionale Rennautos in die Kurve und marschierte Queen Elisabeths Krönungszug vorbei. Man sah die farbenprächtigen Kolonnen rechts aus dem Hintergrund heranparodieren und langsam nach links über die ganze Breite der leicht nach innen gekrümmten Riesenleinwand ziehen, die Kamera blieb unbeweglich. Statt dessen musste – wie auf einem Tribünenplatz – das Auge spazieren gehen. Der Ton marschierte mit: Von einem der drei Lautsprecher hinter der Leinwand zum nächsten, je nachdem wo sich auf der Bildfläche die Kapelle befand. Der ‚Raumton’ hilft dem Auge, sich in dem Panorama zu orientieren. Sonst blickt es womöglich gerade nach links, wenn rechts hüftschwingend Marilyn Monroe herangeträllert kommt. Letztere war nach dem Krönungszug mehrfach in Ausschnitten aus den ersten Spielfilmen nach dem Cinemascope-System zu sehen. Das neue Verfahren ist nicht etwa ‚plastisch’. Es vermittelt jedoch durch die ungemeine Breite des Bildes (die anders als beim herkömmlichen Film den gesamten Gesichtswinkel des Betrachters ausfüllt) und den stereophonischen Ton eine unmittelbare ‚räumliche’ Illusion. Vor allem bei Kultur- und Dokumentarfilmen wird sich diese Illusion sicherlich bewähren. Was die Spielfilmszenen anbelangt, so waren mir die Damen Monroe und Grable etwas unhandlich groß. ‚Man hätte die Schönen an den Nylons zupfen können’, schrieb eine Frankfurter Zeitung hingerissen. Das möchte ich im Kino gar nicht. Für Massenszenen ist Cinemascope natürlich ein Geschenk des Himmels.“

 

Die feierliche Hamburg-Aufführung der Gyula-Trebitsch-Farbfilm-Produktion „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann am 7. Februar 1957 war die letzte größere Feier vor einer grundlegenden Renovierung. Denn obwohl die Betreiber hohe Ansprüche an die Barke als Erstaufführungstheater in bester Lage stellten, war man offensichtlich mit dem Innenambiente nicht vollständig zufrieden. So wurde nach nur knapp fünf Jahren Spielbetrieb bereits der gesamte Zuschauerraum mit insgesamt 1118 Plätzen einer Komplett-Renovierung unterzogen. Das Film-Echo berichtete in Heft 44/1957, die Wände seien von den Architekten Hans Cornehl und Tim Schümann jr. mit einem shantunartigen hellblauen Stoff (ähnlich der Wildseide) bespannt worden, wobei der Effekt darin liegen sollte, dass die Bespannung strahlenförmige Lichtwirkungen und unterlegte Sterne zeigen sollte: „Die Raffungen wurden so gewählt, dass, ungeachtet der Verschiedenheit der Anordnungen, ein gewisses Gleichgewicht verblieben ist. An den Wänden angebrachte Beleuchtungskörper sind aus Plexiglas und erscheinen in ihrer Form wie unregelmäßige, wolkenartige Gebilde. Die Sockel der Wände sowie die Logen erhielten abgesteppte Kunstwildleberbezüge mit einer 3 cm starken Glaswollemattenunterlage. Der Ton der Bezüge selbst ist taubenblau. Die Decke ist in lichtem Blau mit Binderfarbe gestrichen; der Sonnenkranz innerhalb der Decke durch Anordnung einer indirekten Beleuchtung erhellt. Besonders geschickt ist die Kontrastierung der Farben Blau und Rot, wie überhaupt die Farbenkompositionen des renovierten Hauses sehr glücklich gewählt wurden. Zur technischen Vervollkommnung sind zehn zusätzliche Lautsprecher für Raumton im Zuschauerraum verteilt worden“.

 

Die Barke eröffnete Ende 1957 wieder. Nun fanden in dem sehr dekorativen Haus auch wieder glanzvolle Galapremieren statt, die zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt wurden – zu einer Zeit, als Premieren noch mit viel Glamour und Straßensperren gefeiert wurden. O.W. Fischer präsentierte seinen „El Hakim“ und auch das Karl May-Spektakel „Der Schut“ erlebte hier seine Uraufführung – allerdings ohne Lex Barker, dafür aber mit Ralf Wolter, Chris Howland und Produzent Artur Brauner.

 

In den 1960er Jahren liefen Agententhriller wie „CIA an Malta: Diese Frau ist gefährlich“ mit Mark Burns und William Dexter in täglich vier Vorstellungen (13.15, 15,45, 18.15 und 20.45 Uhr). Beliebt waren auch die Programme der sonntäglichen Matineen. Ein Schild über dem Eingang an der Mönckebergstraße wies ausdrücklich auf die leistungsfähige Klimaanlage hin; nur der anfangs rund 30 Meter breite Eingang an der Spitalerstraße wurde in den folgenden Jahren immer mehr verkleinert – zugunsten benachbarter Geschäfte. In der Broschüre „Filmtheater-Übersicht von 1969/70“ ist die noch komplette, effektvoll beleuchtete Fassade zur Spitalerstraße mit der Werbung für den Film „Hochzeitsnacht im Paradies“ mit Waltraut Haas auf einem Foto abgebildet, etwas versteckt rechts oben ist auch bereits deutlich die Leuchtreklame für die „Barkerole“, zunächst eine Bar für den „Drink danach“ und später zum kleinen Kinosaal umgebaut, zu erkennen.

 

Keine Frage, die schwierigen 1960er und 1970er Jahre gingen auch an dem durch den attraktiven Standort gekennzeichneten Erstaufführungstheater nicht spurlos vorüber – im Gegenteil, Gegenteil, die gute Lage des Kinos sollte sich sogar bald als existenzbedrohend erweisen, da die Mieten für Innenstadtgeschäfte in ungeahnte Höhen stiegen. So überraschte die Schlagzeile der Hamburg-Ausgabe der BILD-Zeitung am 18. August 1975 wohl auch niemanden mehr besonders, als unter der Überschrift „Hamburgs größtes Kino zieht in den Keller“ in einem Artikel berichtet wurde, dass beim Bezirksamt Hamburg-Mitte ein Bauantrag vorläge, demzufolge das bis dahin auf zwei Stockwerke verteilte Kino mit über 1000 Sitzplätzen in den Kellerbereich verlagert und auf nur noch 263 Sitzplätze reduziert werden sollte. Es hieß, in der Kinobetreiberszene wäre schon länger über derartige Veränderung spekuliert worden; auch der damalige Bezirksamtsleiter Karl Kalffs äußerte sich dem Zeitungsbericht zufolge sehr überrascht, da das Kino ja offenbar gut laufen würde. Doch die durch Bekleidungsgeschäfte zu erzielenden Mieteinkünfte waren so verlockend, dass der Gebäudebesitzer, die Barkhof GmbH, einen Umbau in Ladenverkaufsflächen den Vorzug gab und dem Pächter Schümann als Option den Bau eines neuen Saals im Untergeschoss in Aussicht stellte. Ende Januar 1976 erlebte hier das deutsche Filmdrama „Jeder stirbt für sich alleine“ mit Hildegard Knef und Carl Raddatz noch seine Hamburg-Premiere; dann lief am 27. März 1976 mit der Spätvorstellung des Burt-Reynolds-Thrillers „Straßen der Nacht“ der letzte Film in der alten Bark“. Danach gingen im seinerzeit mit 1118 Plätzen großen Kino für immer die Lichter aus. Bereits am 23. Januar 1976 hatte Geschäftsführer Tim Schümann jr. Gegenüber der BILD-Zeitung in einem Interview den Umbau gerechtfertigt: „Das Ding ist nun fast ein Vierteljahrhundert alt und muss umgebaut werden. Wir werden im Herbst neu eröffnen. Kann sein, dass wir dann sogar zwei – allerdings kleinere – Kinos anbieten werden. Allen Gerüchten zum Trotz sage ich: Die Lage war noch nie so gut! Sonst würde ich als Mitinhaber der Barke für die Modernisierung keine Mark ausgeben!“.

 

Ein knappes halbes Jahr, am 19. November 1976, später konnte die BILD-Zeitung von der Wiedereröffnung berichten. Mit der neuen "Barke", die knapp 200 Plätze hatte, und der kleineren„Barkerole mit 100 Plätzen, eröffneten die beiden Kellerkinos mit nunmehr braungemusterten Sitzen vor freihängenden Leinwänden. Zum Neustart liefen die „Elixiere des Teufels“ und „Oklahoma Crude“, die zwar laut Eigenwerbung als „Streifen für Liebhaber anspruchsvoller Abenteuerfilme“ gepriesen wurden, aber schon den Trend von eher durchschnittlichen Mainstream-Filmen in den kommenden Jahren andeuteten.

BILD-Redakteur Wolfgang Ehrich befragte anlässlich der Wiedereröffnung Tim Schümann, ob mit den Kinos Nr. 74 und 75 jetzt der Markt nicht schon gesättigt sei. Schümann antwortete: „Wir haben uns auf den Geschmack des Publikums eingestellt: Kleine Theater mit gemütlicher Atmosphäre. Wenn man dann – wie wir – gute Filme zeigt, kann gar nichts schief gehen!“. In der Tat sollte sich in den nächsten zehn Jahren der Betrieb nur recht mühsam über die Runden schleppen; auch Katastrophenfilme wie „Flammendes Inferno“ brachten nur selten die gewünschten Zuschauerzahlen. Bereits am 30. April 1987 berichtete die Hamburger Rundschau unter Überschrift „Klamotten statt Kino – macht die Barke bald dicht?“ über eine bevorstehende Schließung. Schümann habe das Kino bereits verkauft. Interesse an dem Kino hatte dem Bericht zufolge schon vor längerer Zeit Hans-Joachim Flebbe gezeigt, der zu jener Zeit mit dem Broadway, Holi und dem Neuem Cinema bereits drei Lichtspieltheater in Hamburg betrieb. Warum es zu einer Übernahme dann doch nicht kam, konnte auch die Zeitung nicht klären und spekulierte: „Der ungünstige Standort in der Spitalerstraße mag ein Grund gewesen sein, aber vielleicht sind auch die Finanzen daran schuld. Denn ein Gerücht besagt, dass nun ein größeres, kapitalstarkes Bekleidungskaufhaus die Kinoräume übernehmen wird.“

 

Am 7. Mai 1987 verkündete die Hamburger Morgenpost: „Letzte Vorstellung! Nachruf auf ein Kino: In der Barke gingen die Lichter aus!“. Mit den letzten Vorstellungen von den Filmen „Gottes vergessene Kinder“ und „Briefe eines Toten“ endete der Kinobetrieb an der Spitalerstraße. Besitzer Tim Schümann gab dem Zeitungsbericht zufolge offiziell aus gesundheitlichen Gründen auf, wohl aber auch aufgrund den unbefriedigenden finanziellen Rahmenbedingungen und des Zuschauerschwunds. Und wieder wurden Vermutungen darüber angestellt, dass an der Stelle, an der soeben noch große Leinwanddramen die Zuschauer erschütterten, sich „in Zukunft wohl Kleiderständer oder ähnliches“ ausbreiten würden. Und in der Tat zeigt ein nur wenige Monate später aufgenommenes Foto nach der Renovierung der ehemaligen Kinofassade in der Fußgängerpassage Spitalerstraße die üblichen Leuchtreklame-Schilder für „Ansons Herrenbekleidung“, „Pickenpack“ und die „Parfümerie Douglas“. Der Eingang zur Spitalerstraße 7 wird inzwischen von der „Vereins- und Westbank“ genutzt. Von den knapp 35 Jahren Kinogeschichte ist an der Spitalerstraße jedenfalls heute selbst für Eingeweihte nichts mehr zu erkennen.

 


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