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„Ich hätte gern den Faust verfilmt“

Hamburgs Erfolgsproduzent Gyula Trebitsch wird 90

Von Siglinde Fenske

Einer der bedeutendsten Produzenten des deutschen Nachkriegsfilms begeht in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag. Er wurde am 3. November 1914 in Budapest geboren. Und wir möchten unser Vereinsmitglied mit einer Würdigung seines Lebenswerkes ehren.

 

In Budapest legte Gyula Trebitsch den Grundstein seines erfolgreichen Weges vom „Königlich-Ungarischen Kinovorführer" zum weltbekannten Film- und Fernsehproduzenten in Hamburg. Schon als Junge hatte er klare Vorstellungen von seinem Beruf: Er erklärte seinem Vater, einem Gemeindebeamten, er wolle „Filmfabrikant" werden. Nun wünschen sich viele Kinder einen bestimmten Beruf, doch nur wenige setzen ihre Wünsche später so konsequent in die Tat um wie Gyula Trebitsch.

 

Bereits mit 22 Jahren gründete der Filmbesessene 1936 in seiner Heimatstadt die erste Produktionsfirma, die Objectiv Film, und mit geliehenem Geld stellte er jedes Jahr einen Film für die UFA in Ungarn her. Sein erster Streifen wurde später für Deutschland unter dem Titel „Ich vertraue Dir meine Frau an" mit Heinz Rühmann - ohne Trebitsch - neu verfilmt. Seine vielversprechende Laufbahn wurde jäh gestoppt, als 1939 auch in Ungarn die nationalsozialistischen Rassengesetze eingeführt wurden. Der Jude Trebitsch verlor seinen Job. Es folgten schlimme Jahre als Zwangsarbeiter und KZ-Häftling in Deutschland. Anfang Mai 1945 befreiten ihn die Amerikaner in Wöbbelin, einem Außenlager des KZ Neuengamme bei Ludwigslust.

 

Es war in der kleinen schleswig-holsteinischen Stadt Itzehoe, wo er nach dem Krieg wieder ins Filmgeschäft einstieg: Bereits 1946 erteilte ihm Major George Desmond von der Filmsektion der britischen Militärregierung die Lizenz, in Itzehoe zwei kleine Kinos zu leiten. Bis heute verbindet Trebitsch und Desmond eine tiefe Freundschaft. Hin und wieder kommt Desmond, der seit fünfzig Jahren in Kanada lebt, nach Deutschland und besucht seinen Freund. Wir hatten das Glück, ausgerechnet an dem Tag, als wir für ein Interview mit dem großen Mann der deutschen Filmwirtschaft verabredet waren, beide zusammen anzutreffen. „Du hast damals eine für mich glückliche Entscheidung getroffen", meinte Trebitsch.

 

Nur ein Jahr später, 1947, gründete der umtriebige Ungar mit dem ebenfalls von den Nazis verfolgten Walter Koppel die REAL-FILM GmbH, mit der die großartige Geschichte des deutschen Nachkriegsfilms in Hamburg ihren Anfang nahm. Mehr als hundert Filme entstanden in den nächsten Jahren, die auf den damaligen Publikumsgeschmack zielten. Bereits als junger Platzanweiser hatte Gyula Trebitsch klar erkannt: Allein der Geschmack des Publikums entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Films. Sein ausgeprägtes Gespür für den richtigen Stoff zur richtigen Zeit hat den Produzenten nie verlassen.

 

Dass der Ungar Trebitsch nach dem Krieg in Deutschland blieb, ist kein Zufall: Bei den Dreharbeiten zu seinem ersten Nachkriegsfilm „Arche Nora", der auf einem Trümmergrundstück in Hamburg gedreht wurde, lernte Gyula Trebitsch die Kostümbildnerin Erna Sander kennen - und heiratete die gebürtige Hamburgerin am 1. April 1947. In der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre entstanden bei der Real-Film Kinostücke wie „Schicksal aus zweiter Hand", „Die letzte Nacht", „Schatten der Nacht" und 1950 der gefühlvolle Film „Gabriela" mit Zarah Leander, bei dem Geza von Cziffra Regie führte. Dieser Film untermauerte das Comeback des UFA-Stars Zarah Leander nach dem Krieg. Auch für Heinz Rühmann gab es bei Trebitsch einen folgenreichen Wiedereinstieg nach dem Krieg: Unter der Regie von Ulrich Erfurth glänzte er in „Keine Angst vor großen Tieren" (1953), und damit wurde eine lange, tiefe Freundschaft zwischen Gyula Trebitsch und dem Schauspieler eingeleitet, der in seinen letzten Lebensjahren nur noch für Trebitsch arbeitete.

 

Hatten die Innenaufnahmen für „Arche Nora" noch in einem provisorischen Studio in Hamburg-Ohlstedt stattgefunden, so begannen Trebitsch und sein gleichberechtigter Partner Walter Koppel 1948 mit dem Aufbau eines Studios in Wandsbek. Zunächst nur ein Hilfsatelier, avancierte es im Laufe der Jahre zum Studio Hamburg, einer der größten privaten Produktionsstätten Deutschlands.

 

Das gut eingespielte Duo Trebitsch/Koppel bescherte Harnburg den Aufstieg zur Film- und Medienmetropole. Für Kenner der Branche kam das überraschend, denn die Hafen- und Handelsstadt war vor dem Krieg ein weißer Fleck in der Filmlandschaft. Bedeutende Ateliers gab es in der Vorkriegszeit nur am Rande der Hauptstadt Berlin - die Babelsberger Studios -, und in Bayern, die Bavaria Filmstudios bei München. Hier spielte die Filmmusik und tanzten die Stars. Doch „der Vater der Traumfabrik", das „Urgestein" der Medienszene, hat dazu beigetragen, dass Hamburg am Medienhimmel kein Starlet ist, sondern ein veritabler Star, wie Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Ortwin Runde einmal hervorhob.

 

Die fünfziger Jahre hält Gyula Trebitsch selbst für den künstlerischen Höhepunkt in der Studio-Geschichte. Der Produzent holte nicht nur berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen sowie großartige Regisseure nach Hamburg, sondern stellte auch für unbekannte Darsteller ein Sprungbrett für deren spätere Karrieren zur Verfügung. Es entstanden berühmte Klassiker wie „Des Teufels General" mit Curd Jürgens in der Hauptrolle, „Der Hauptmann von Köpenick" mit Heinz Rühmann, „Das Herz von St. Pauli" mit Hans Albers, „Die Zürcher Verlobung" mit Liselotte Pulver und viele andere, die hier aus Platzgründen nicht aufgezählt werden können. Ein besonderes Highlight in seiner Produzentenkarriere stellt die Nominierung des „Hauptmann von Köpenick" für den Oscar als bester ausländischer Film dar. Zwar gab es die Auszeichnung dann nicht (sie ging an den italienischen Klassiker „La Strada"), doch eine großartige Bestätigung seiner hervorragenden Arbeit war die Nominierung allemal.

 

Bei unserem Besuch in seinem Büro, in dem noch immer der Schreibtisch und die Sessel aus dem Anfangsjahr 1946 stehen - „die habe ich auf Bezugsschein bekommen" – fragte ich ihn, welches sein „liebstes Kind" unter all seinen Filmen sei. Seine Antwort kam ebenso prompt wie diplomatisch: „Alle. Für mich war es immer wichtig, Filme zu machen, für die ich mich nicht vor meinen Kindern schämen muss."

 

Neben guten Unterhaltungsfilmen lagen Trebitsch auch Kulturfilme am Herzen. Er baute deshalb eine besondere Abteilung auf, in der interessante Hamburger Kulturfilme entstanden, meistens unter der Regie von Bodo Menck. Sie gehören zu den eindrucksvollsten Zeitdokumenten des Wiederaufbaus der Hafenstadt Hamburg nach dem 2. Weltkrieg.

 

Mit dem Einzug des Fernsehens in die deutschen Wohnzimmer begann für die Filmwirtschaft eine äußerst schwierige Phase. Nicht so für den Produzenten Gyula Trebitsch. Er erkannte schnell die Zeichen der Zeit - und wusste, dass seine Zukunft als Filmschaffender eng mit dem neuen Medium verbunden sein würde. Im Gegensatz zu seinem Partner Walter Koppel, der es kategorisch ablehnte, für das Fernsehen zu produzieren, empfand Trebitsch es als spannende Herausforderung - und hielt überhaupt nichts von einer Feindschaft zwischen Film und Fernsehen.

 

Sehr früh, im Jahre 1960, fand daher die „Scheidung" zwischen Filmproduktion und Ateliergesellschaft statt. Aus der REAL-FILM ging die Real-Film Walter Koppel hervor, und gleichzeitig wurde die Atelier-Betriebsgesellschaft Real-Film gegründet, die zu 80 Prozent der Norddeutschen Werbefernsehen GmbH und zu 20 Prozent Trebitsch gehörte. Noch im selben Jahr bekam sie ihren neuen, heute für gute Qualität bürgenden Namen: Studio Hamburg. Der NDR beauftragte Trebitsch mit der Herstellung seines ersten Fernsehspiels: Regisseur Fritz Kortner drehte mit Romy Schneider „Die Sendung der Lysistrata" - und die Ausstrahlung löste gleich eine der ersten TV-Skandale aus: In einem Fernsehinterview erzählte Gyula Trebitsch mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht eine kleine Episode zu „Lysistrata": Kortner wollte absolut nicht mit Romy Schneider drehen. Trebitsch jedoch bestand hartnäckig auf der jungen Schauspielerin. Bei einem Restaurant-Essen mit den beiden kam schließlich ein Vertrag zustande. Auf der Rückseite einer Rechnung verpflichtete sich Kortner handschriftlich, Romy Schneider die Rolle zu geben. Schauspielerin und Regisseur setzten ihre Unterschriften zum Einverständnis unter das Papier.

 

Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Fernsehen und Studio Hamburg brachte zahlreiche Fernsehfilme und TV-Serien hervor, darunter „Das Leben des Galilei" (Regie: Egon Monk), „Annoncentheater" von Helmut Käutner oder „Gestatten, mein Name ist Cox", die Serie mit Günther Ritzmann. Während Studio Hamburg im Zuge des Fernsehauftriebs profitierte, geriet die Real-Film Walter Koppel auf Grund des Kinosterbens in immer größere Schwierigkeiten und meldete zwei Jahre nach der Gründung Konkurs an. Trebitsch indessen baute Studio Harnburg zu einem effektiven Medienzentrum aus, das in Europa seinesgleichen sucht. Er vermietete nicht nur die Ateliers an Fremdproduzenten, sondern er produzierte weiterhin selbst, betrieb Synchronisationen und intensivierte den Auslandsvertrieb. In unerwartetem Tempo veränderte sich die Produktionslandschaft: Wurden im Jahre 1960 im Atelier noch elf Spielfilme und 29 Fernsehproduktionen gedreht, so sah es fünf Jahre später schon ganz anders aus: Es gab nur noch drei Spielfilme, aber 157 Fernsehproduktionen.

 

Der Produzent Trebitsch sah sich als Dienstleister und keiner Senderpolitik verpflichtet. Im Laufe der Jahre erwuchs ein verschachteltes Firmenimperium. Eine Neugründung folgte der anderen: Fernseh-Allianz GmbH und Gyula Trebitsch Produkion GmbH (beide 1961), Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft mbH (1965), Hamburger Kasinogesellschaft für Film, Funk und Fernsehen (1967), Polytel International Film und Fernsehen GmbH sowie Studio Hamburg Filmproduktion GbmH (beide 1968), Allcom als Herstellungsgruppe Industriefilm (1970), Videoteam TV Produktions GmbH (1971 ), Alltransfer Überspielungs Gesellschaft mbH (1973) und Allmedia Fernseh-Allianz Produktions GmbH (beide 1973), Studio Hamburg Media Consult International (1977).

 

Im Jahre 1980 schied der Macher und Motor Gyula Trebitsch aus der Studio Hamburg Firmengruppe aus. Er arbeitete wieder als selbständiger Produzent. Gemeinsam mit seiner Tochter Katharina, die 1980 die Objectiv Film gründete, rief er voller Elan und Enthusiasmus eine neue Firmengruppe ins Leben. In Teamwork erlebten zahlreiche preisgekrönte Fernsehfilme und -reihen ihre Ausstrahlung, z.B. „Die Geschwister Oppermann" (1982) sowie der Zweiteiler „Die Bertinis" (1988), Regie führte bei beiden Fernsehfilmen Egon Monk, der auch für die Drehbücher verantwortlich zeichnete. Ferner sollen die beliebten Serien „Girlfriends" und „Diese Drombuschs" sowie die Krimi-Reihe „Bella Block" stellvertretend für alle erwähnt werden. Wenn andere längst in aller Ruhe ihren Lebensabend genießen, interessierte das den umtriebigen Trebitsch herzlich wenig. Optimistisch, immer vorausschauend und mit Unternehmungslust gründete der mittlerweile 70-jährige 1984 die Trebitsch Produktion Holding GmbH. Die Geschäftsführende Gesellschafterin war seit 1985 Katharina Trebitsch (ausgeschieden zum 31.3. 2004). Um die Muttergesellschaft scharten sich bald viele „Töchter": Objectiv-Film und andere Gesellschaften der Trebitsch-Holding gehören zu den Marktführern im Segment Qualitätsfernsehen

 

Ab Juni 1994 war Gyula Trebitsch „nur" noch Ehrenvorsitzender und Exklusivberater der Holding. Seine eigene GmbH wandelte er in die Gyula Trebitsch Produktion und Consulting KG um, deren persönlich haftender Gesellschafter er bis heute ist. Seine Tochter Katharina fungiert seit April 2004 als Geschäftsführende Gesellschafterin der Trebitsch Film + TV GmbH. Neugier und unbändige Leselust, kaufmännischer Instinkt, Disziplin, Gespür für gute Drehbücher, hervorragende Regisseure und Akteure zeichnen den Medienmacher Trebitsch aus. Glück ist gut, aber Erfolg hat auf Dauer nur der Tüchtige. Ihm liegen jedoch nicht nur erfolgreiche Produktionen mit stets neuester Technik am Herzen, sondern auch der Nachwuchs, sowohl als Filmschaffende als auch als Konsumenten von Film und Fernsehen.

 

Im Frühjahr 1960 gründete der vielfach ausgezeichnete und geehrte Trebitsch die „Arbeitsgemeinschaft zur Nachwuchsförderung für Film und Fernsehen in Hamburg", an der sich unter der Federführung des NDR mehrere Sender beteiligten. Unzählige diplomierte Kameraleute, Maskenbildner, Aufnahmeleiter und Cutter gingen daraus hervor. Fast zwanzig Jahre später, 1978, initiierte Trebitsch „Das Hamburger Autorenseminar über die Erstellung von Drehbüchern". Im selben Jahr erteilte ihm die Hochschule für Musik in Hamburg einen Lehrauftrag für „Darstellende Kunst im audiovisuellen Medienbereich / Organisation von Kommunikativen Medien", den er 18 Jahre innehatte, und im Oktober 1980 verlieh ihm die Freie und Hansestadt Hamburg den Titel Professor.

 

Trebitsch ist überzeugt davon, dass Jugendliche und Kinder zum richtigen Gebrauch des überreichen TV-Angebots erzogen werden sollten. Er trat, wann immer sich die Gelegenheit bot, vehement für eine TV-Früherziehung in den Schulen ein, damit die Kinder nicht nur erfahren, wie man den Knopf am TV-Gerät ein-, sondern auch wieder ausschalten kann. Schließlich sollen aus den Kindern einmal Erwachsene werden, die nicht nur blind alles konsumieren, was das Fernsehen zeigt, sondern zukritischen Zuschauern herangezogen werden, damit die Qualität nicht total verschwindet.

 

Trebitsch, ein Mann der sich seinen Jugendtraum erfüllte und Kino- und Fernsehfilme produzierte. Ein Traum erfüllte sich jedoch nicht: „Ich hätte gern den Faust an Originalschauplätzen verfilmt. Das wäre aber sehr teuer geworden, und deshalb wurde nichts daraus. Damals gab es noch keine Werbung im Fernsehen." Neben dem Film und allem, was damit zu tun hat, gab es ein anderes großes Hobby: „Ich habe begeistert Golf gespielt. Jetzt macht meine rechte Hand nicht mehr mit", sagt er bedauernd. Und was ist dem Privatmann Trebitsch wichtig? „Meine Familie und Freundschaften", betont er mit einem Blick auf seinen Freund Desmond. Dazu passt, was Studien in Amerika herausgefunden haben: Freundschaften haben mehr Einfluss auf die Gesundheit, als man glaubt, und soziale Bindungen sind die günstigsten Medikamente für ein langes Leben.

 

In diesem Sinne wünschen wir, der Verein:

Ad multus annos!


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