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Archive und Museen:

Das PWE/Cinema-Kinoarchiv in Hamburg

Von Marcus Becker und Silvia Faber

Hier liegen alle Klassiker aus der Filmgeschichte einträchtig beieinander, hier treffen sich Julia Roberts und Franka Potente mit Clark Gable und Humphrey Bogart. Wer aufmerksam die Feuilletons der großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen studiert, wird mit Sicherheit schon einmal auf Fotos gestoßen sein, an deren Rand als Bildquelle „pwe", „defd" oder „Cinema" angegeben war. Die wenigsten Leser dürften jedoch wissen, dass diese Aufnahmen aus einem in Hamburg ansässigen Bildarchiv stammen, dass inzwischen wohl die umfangreichste Sammlung von Bildmaterial rund ums Kino außerhalb der USA darstellt. Die als Hausarchiv der Filmzeitschrift „Cinema" gegründete Einrichtung beliefert heute nicht nur die eigenen Objekte der Verlagsgruppe Milchstraße wie „MAX", „TV-Spielfilm" und „Tomorrow", sondern auch viele Schwesterzeitschriften in Süd- und Osteuropa und - via Vermarktungsabteilung - externe Kunden.

 

I983 beauftragte Herausgeber Dirk Manthey den leidenschaftlichen Kinogänger und Filmexperten Hans-Werner Asmus (bekannt geworden als Dauerkandidat in dem TV-Quiz „Kennen Sie Kino?", an dem er von 1979 bis 1982 elfmal teilnahm) mit der Einrichtung eines Archivs, weil die Redaktion eine große Zahl von Fotos und Presseheften, die laufend eintrafen, archivieren musste. Zum Bestand des ursprünglich noch in den Redaktionsräumen in der Milchstraße in Pöseldorf untergebrachten Archivs gehörten von nun an sämtliche Materialien, die zu Promotionszwecken von US-amerikanischen und deutschen Filmverleihern bereitgestellt wurden, wie Schwarzweiß- und Farbdia-Sätze, Aushangfotos, Plakate, Flyer und sogenannte „Werberatschläge" sowie ausgewählte Filmkritiken und Zeitungsausschnitte. Auch wichtige Standardwerke der Filmliteratur; Monographien über Schauspieler und Filmstars und allgemeine Nachschlagewerke gehörten zu der dem Archiv angeschlossenen kleinen Bibliothek.

 

Nach und nach konnten die Lücken durch Zukauf von kleineren und größeren Sammlungen geschlossen werden. So wurde 1991 das Archiv des Filmsammlers Jürgen Menningen hinzugekauft, das den großen Zeitraum von 1920 bis 1990 abdeckte, was zu einer Verdopplung des Archivgutes führte. Erst in den 1990er Jahren wurde das umfangreiche „pwe-Archiv" erworben, das den kompletten Fundus des Münchner Sammlers und Medienexperten Peter W. Engelmeier umfasst, der lange Zeit auch den „Deutschen Fernseh-Dienst" (DEFD) herausgab. Das traditionelle „Cinema"-Archiv und das neuerworbene „Menningen"-Archiv sind inzwischen zwar räumlich, bis heute aber bestandsmäßig - von einzelnen Ausnahmen abgesehen - nicht direkt zusammengeführt worden.

 

Im Archiv arbeiten heute unter anderem zwei Diplom-Bibliothekare und zwei Mediendokumentare; die übrigen Mitarbeiter kommen aus verschiedenen Arbeitsbereichen. Ein Mitarbeiter beispielsweise beschäftigt sich in einem Teil seiner Arbeitszeit mit der Zuordnung sogenannter „UFOs", also Bilder mit „unbekannten Film-Objekten": Dies sind Aufnahmen, die schon ohne richtige Beschriftung geliefert wurden und die häufig erst in einem mühevollen Rechercheprozess identifiziert und einem Film zugeordnet werden müssen. Hat sich beispielsweise in einer Ablieferung der „Cinema"-Redaktion ein unbeschriftetes Dia angefunden, das einen Schauspieler mit einem Totenschädel in der Hand zeigt, recherchiert der Mitarbeiter solange unter dem Namen des Schauspielers und dem englischen Begriff „Skull" in den einschlägigen Filmlexika und Datenbanken, bis er einen Treffer erzielt und eine Zuordnung möglich ist.

 

Die Leiterin des Archivs, Kerstin Melzig, ist studierte Politologin und sammelte Erfahrungen bei „Radio ffn". Zu den Aufgaben der Archivmitarbeiter gehören von Material zu aktuellen Filmen sowie die Verwaltung des Personenarchivs und der Textdokumentation. Außerdem sind sie mit der Aufgabe beauftragt, die hauseigene Bilddatenbank zu vergalten und zu erweitern. Für den Ausbau des Archivs werden regelmäßig u.a. die US-Branchenorgane „Hollywood Reporter" und ,,Variety" sowie die deutschen Fachzeitschriften „Blickpunkt: Kino", „Filmecho/Filmwoche" und die kirchlichen Filmpublikationen (,,epd-film" und „filmdienst") ausgewertet.

 

Nach einigen Jahren „Zwischenstation" in einem dreistöckigen Gebäude an der Bogenallee 10 (direkt hinter dem „Grindel-Kino") hat das Archiv heute seinen Sitz direkt neben dem Fernsehsender „ H H I " im neuen Medienzentrum an der Rothenbaumchaussee 78 am U-Bahnhof Hallerstraße. Neben der Publikation diverser Zeitschriften und dem Handel mit internationalen Zeitschnftenlizenzen ist das Archiv ein wichtiges Standbein des „pwe-Verlages" innerhalb der Verlagsgruppe Milchstraße. Heute erscheinen hier u.a. die Zeitschriften „Amica", „Bellevue", „Fit for Fun", „TV-Spielfilm", „MAX", und „Tomorrow". Das älteste Magazin ist jedoch nach wie vor die Zeitschrift „Cinema"; von dieser Zeitschrift existieren inzwischen auch in Ungarn, Tschechien und Polen Lizenzausgaben. Daher rühmt man sich gerne, die „größte Filmzeitschrift Europas" zu sein.

 

Da sich einerseits viele große Verlage heute den „Luxus" eines allumfassenden Bildarchivs nicht mehr in vollem Umfange leisten können und andererseits Unternehmen wie „CINETEXT" und „XXP" bereits seit Jahren erfolgreich deutsche Publikationen mit Bildmaterial aus dem Film- und Kinobereich versorgen, ist seit den 1990er Jahren auch die Verlagsgruppe Milchstraße mit dem „Cinema"-Archiv verstärkt in das Geschäft mit der Fotoverwertung eingestiegen. Unter dem Titel „Kinoarchiv Hamburg - Kompetenz und Qualität" wurde eine 12-seitige bunte Werbebroschüre aufgelegt, die sich vor allem an kommerzielle Unternehmen wendet, die auf der Suche nach geeignetem Bildmaterial für ihre vielfältigen Bedürfnisse sind. Auch im Internet wurde unter www.defd.de eine Homepage mit entsprechendem Angebot aufgebaut.

 

Im Jahre 1998 wurden die bisher getrennt operierenden Unternehmensbereiche Milchstraße Syndication und die Vermarktung des Film- und Fernsehbildarchivs der Verlagsgruppe Milchstrasse zusammengefasst. Die Belieferung externer Kunden wie Presse (darunter „Hamburger Abendblatt", „Welt", „Spiegel", „Focus"), Buchverlage, Fernsehsenden Werbeagenturen ist heute zu einem wichtigen kommerziellen Faktor des Archivs geworden. Im Fotostock befinden sich neben Filmbildern auch zahlreiche Motive aus den Bereichen Stars, Lifestyle, Beauty und Wellness. Viele namhafte Fotografen vertreiben ihre Bilder über die Syndication (Michael Bernhard, Christian Schoppe, Thomas Leidig), ebenso übernahm der pwe Verlag die Vermarktung von Bildmaterial verlagsfremder Zeitschriften wie „Maxim" oder „FHM".

 

Das Archiv verwaltet heute mehr als vier Millionen Bilder aus dem Bereich Kino und Fernsehen. Darüber hinaus ist umfangreiches Textmaterial zu Filmen und Schauspielern vorhanden. Insgesamt verfügt das Archiv über Material zu über 50.000 Filmen, 18.000 Personen und rund I00 Sachthemen. Hinzu kommen rund 12.000 Videos, meist sogenannte ,,Presse-Sichtungskassetten" oder Fernsehmitschnitte, sowie 5.000 Bücher. Bis Mitte des Jahres 2000 wurden bei Anfragen aus Redaktionen oder von Dritten überwiegend auf konventionellem Weg Duplikate angefertigt.

 

Zwar wird auch heute noch immer ein Großteil des Materials in konventionellen Registraturschränken und Hängemappen nach Filmtiteln bzw. Schauspielern verwahrt; doch bereits I998 hat man mit der Digitalisierung des kompletten Fotoarchivs begonnen, die inzwischen auch weitgehend abgeschlossen werden konnte (interessierte Laien können sich im Internet im Archivbereich der „Cinema"-Homepage die jeweils wichtigsten Fotos zu den einzelnen Filmtiteln kostenlos in grober Auflösung anschauen; nicht enthalten sind selbstverständlich urheberrechtsbelastete Agenturfotos). Die Bilden an denen die Verlagsgruppe Milchstraße die Rechte hat, sind in der Bilddatenbank „JADIS" erfasst. Die Software der. Bilddatenbank wurde 1998 extra zu diesem Zweck entwickelt und löste das alte System mit dem Namen „MAIS" (= Milchstraßen Archivierungs- und Informationssystem) ab. Dieses alte System ist heute unter dem Namen „MARIS" Teil von „JADIS".

 

Alle inzwischen digitalisierten Fotos werden über das Bildvermarktungssystem „APIS-Online" über Nacht in die Datenbanken des Deutschen Filmdienstes (defd) eingespielt. Diese Datenbank ist kostenlos und öffentlich zugänglich. Die ,JADIS"-Bilddatenbank hingegen ist ausschließlich für den internen Gebrauch gedacht; auf sie können u.a. die Redaktionen der Zeitschriften „Cinema", „TV-Spielfilm", „Fit for Fun" direkt zugreifen. Wird beispielsweise für einen Artikel in „Fit for Fun" als Motiv eine Salatbar gesucht, nimmt man gerne ein passendes Filmbild aus produzierten Seiten der 1991 gegründeten Programmzeitschrift „TV Spielfilm" benötigten Filmbilder werden seit einiger Zeit direkt aus der Datenbank übernommen. Innerhalb eines halben Jahres konnte durch das vergrößerte Angebot der Download von High-Resolution gespeicherten Bildern mehr als verfünffacht werden - und dies ohne dass das traditionelle Bestellgeschäft Rückläufe zu verzeichnen hatte. Das vormals aufwändige Handling - für jeden Programmtag wurden ca. 70 Filme zu bebildernde Filmtitel abgefragt – konnte zudem deutlich gesenkt werden. Außerdem hoffen die Mitarbeiter des Archiv so auch, den Zugriff von Seiten der Redaktionen zu vereinfachen, denn noch immer kommt es gelegentlich von dass in verlagseigenen Objekten Fotos erscheinen, die für viel Geld von anderen Bildagenturen angekauft wurden, obwohl sie eigentlich längst im hauseigenen Archiv vorhanden sind.

 

Da die großen Filmverleiher bereits seit einiger Zeit keine Pressefotos oder Dias mehr liefern, sondern inzwischen nur noch Foto-CDs zur Verfügung stellen oder kurzzeitig über sogenannte „Presseserver" hochauflösende Bildvorlagen, werden heute alle neuhinzukommenden Bilder sofort digitalisiert. Somit können sie sofort für die aktuellen Hefte von „Cinema" oder „TV-Spielfilm" verwendet werden; außerdem wird alles digitalisiert, was von Mitarbeitern der Redaktionen der verlagseigenen Objekte oder von externen Kunden angefordert wird. Das digitalisierte Material wird von den Archivmitarbeitern generell sehr sorgfältig verschlagwortet, wodurch möglichst gute Suchergebnisse erreicht werden sollen. Für die Zeitschriftenredaktion bedeutet dies eine höhere Heftqualität, für das Archiv eine Entlastung. Geplant und in Ansätzen schon verwirklicht ist auch die Digitalisierung des Personenarchivs.

 

Aus Platzgründen hat man inzwischen aber auch damit begonnen, die Hängeregistraturmappen teilweise auszudünnen und überzählige Pressehefte und Schwarzweiß-Fotosätze abzustoßen. So wandelt sich das „Cinema-Kinoarchiv" ganz allmählich von einem ursprünglich klassischen Print- und Fotoarchiv hin zu einem rein digitalen Archiv, wobei der Druck, wirtschaftlich - d.h. mit möglichst geringem Personalaufwand - zu arbeiten und gleichzeitig mit den revolutionären technischen Neuerungen Schritt zu halten, natürlich eine wichtige Rolle spielt.

 


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