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Lossau’s Cinematographisches Curiositäten-Cabinett:

Der drahtlose Widerstand und das Amateurkino - Die Dralowid-Story

Von Siegbert Fischer

Im Jahr 1904 wurde in Teltow bei Berlin eine Porzellanfabrik gegründet, deren Produkte nicht so sehr im typischen Porzellanbereich lagen, also keine Teller, Tassen und Kannen, es wurden Isolatoren hergestellt. Unter anderem wurden auch kleine Porzellanröllchen mit Kohlenstoff beschichtet, vorn und hinten mit Metallkappen versehen, die dann als drahtloser Widerstand (Dralowid) in die Geschichte der (Elektroindustrie eingingen. Aus dem Produktnamen wurde ein Firmenname. Weitere Produkte für die Elektroindustrie folgten: Potentiometer, Mikrofone, Tonsysteme für Plattenspieler, Radios etc. Aus der Porzellanfabrik wurde ein Betrieb für Elektroartikel auf der Basis von - wie wir es heute nennen - technischer Keramik. Auf dem gleichen Gebiet arbeitete auch „Steatit Magnesia AG". Der Grundrohstoff war hier ursprünglich Speckstein, Steatit, aus dem Acythelenbrenner für Karbidlampen hergestellt wurden. Die Abfälle aus dieser Produktion störten und mussten für viel Geld entsorgt werden. So kam man auf die Idee, den Abfall zu mahlen, zu verpressen und dann als Keramik zu brennen. Steatit Magnesia (Stemag) übernahm die Firma Dralowid und die Stemag wurde später von Hoechst CeramTec geschluckt. Dralowid in Teltow (Potsdamer Straße 57) behielt aber den Namen bis 1953 und wurde dann in „Carl von Ossietzky"* (kurz "CvO") umbenannt.

 

Doch zum Film.

Dralowid baute 1937 einen 8-mm-Projektor, der von allen gängigen Typen sowohl vom Preis (unter 100 Reichsmark) wie auch von der Form stark abwich. Ein Jahr später kam ein leicht verbesserter Typ mit der Bezeichnung H/8 heraus. Der Projektor besteht aus zwei Teilen, einem Kästchen aus Plastik für die Stromversorgung, auf den der eigentliche Projektor mittels dreier Stifte aufgesteckt wird. Der Arm für die Filmrolle ist nur ein stärkerer Draht, der für den Transport des Gerätes umgeklappt werden kann. Der Film wird frei geführt, das heißt, es sind keine Zahnrollen für die Filmführung vorhanden. Zum Ausgleich für die ruckweise Filmbewegung durch den Greifer wird eine Film-Luftschleife gebildet, die über einen am oberen Spulenarm befindlichen Querarm geführt wird. Diese Filmführung wurde patentiert und konnte daher von anderen Projektorenherstellern nicht imitiert werden.

 

Die Filmaufwickelspule sitzt direkt am Projektorteil und so ergibt sich durch die Bauhöhe eine maximale Spulengröße für 60 Meter Film. Dralowid lieferte auch die sogenannte Deckelspule aus Aluminium, die nicht nur als Ab- und Aufwickelspule dient, sondern zugleich als Aufbewahrungsdose verwendet werden kann.

 

In dem Alu-Lampengehäuse mit Kühlrippen sitzt eine Speziallampe (12 V/15 W). Das Objektiv, ebenfalls in einer Kunststoffassung, hat eine relative Öffnung von 2,0 und eine Brennweite von 25 mm. So kann aus ca. 5 m Entfernung ein 1 m breites Bild mit ausreichender Helligkeit (für die damalige Zeit) projiziert werden. Zusätzlich wurde für 15 RM ein Objektiv 2,8/32 mm geliefert.

 

Der Stromversorgungsteil des Projektors (Wechselstrom 110/220 V) besitzt einen 4-fach Drehschalter mit den Positionen: Aus, Lampe an ohne Motor bei herabgesetzter Spannung (Einzelbildbetrachtung), Motor und Lampe (Projektion), Motor ohne Lampe (Rückspulung). Für Haushalte mit Gleichstrom, damals noch üblich, wurde ein Wechselrichter-Vorsatzgerät geliefert. Man hatte auch eine Lösung für noch nicht elektrifizierte Gebäude, z.B. für Ferienhäuser, ein Projektoruntersatz für Batteriebetrieb (6 und 12 V) war im Angebot. Und damit alles ordentlich verstaut und transportiert werden kann, lieferte man einen Koffer mit einer Projektionssilberfläche. Weit über zehntausend Stück wurden vom Typ II/8 gebaut. Das Gerät ist heute nur noch sehr selten zu finden, sehr wenige überstanden den Krieg und die wurden in den fünfziger und sechziger Jahren als wertlos und überholt in den Müll, geworfen zumal die Beschaffung der Speziallampe schwierig wurde.

 

Die Zeitschrift „Film für Alle" schrieb 1939: „Der Dralowid-Projektor stellt eine der interessantesten und beachtenswertesten Neukonstruktionen auf dem Gebiet des Schmalfilm-Projektorenbaus dar." Der Krieg unterbrach die weitere Entwicklung und mehrere hundert Zwangsarbeiter aus Ost- und Westeuropa betrieben die Kriegsproduktion bei Dralowid in Teltow.

 

1950, nach 12 Jahren, tauchte der Name Dralowid wieder am Amateurfilmhimmel auf. Diesmal lautete aber die Anschrift Steatit Magnesia, Porz bei Köln, Kaiserstraße 23. Wieder war es ein Projektor, aber ein Koffergerät - das erste auf der Welt für 8-mm-Filme, wie es Dralowid bezeichnete, lieferbar in den Farben smaragdgrün, dunkelblau, schwarz, signalrot und schokoladenbraun. Folgerichtig hatte der Projektor auch die Bezeichnung III/8. Er kostete damals weniger als 200 DM. Mehr als 6 Patentanmeldungen von Dralowid erfolgten für dieses Gerät.

 

Die rechte und die linke Seitenwand sind als Türen ausgebildet. Sämtliche Bedienungsknöpfe sind außen angebracht, so daß der Projektor wie in einer Kabine fast lautlos arbeitet. Zwei Ausführungen sind bekannt: die frühere Ausführung ist innen noch mit kreuzweisen Metallstäben versteift, die in den späteren Geräten nicht mehr vorhanden sind. Das Projektionsobjektiv (1,4/22 mm) ist vergütet. Das Gerät ist bestückt mit einer Dralowid-Osram-Speziallampe 15 V/ 60 W, die reicht aus für eine Bildbreite von ca. 1 m bei 5 m Projektionsabstand. Die maximale Spulengröße ist wieder für 60 Meter Film. Der nur 5 kg schwere Projektor, die meisten Bauteile sind aus Kunststoff, das Koffergehäuse aus Holz, ist leicht zu transportieren.

 

Dralowid produzierte auch weiterhin die 60 m Deckelspulen aus Weißblech und die aus Kunststoff gefertigten wurden Kassettenspulen genannt. 1953 kam dann auch eine Dralowid-Kamera mit der Bezeichnung „Reporter" auf den Markt. Das grasgrüne Kästchen aus Metall arbeitet nur mit 16 Bildern pro Sekunde und hat ein Fixfocus-Objektiv von Minox (2,5/12,5 mm) mit dem Namen Dralnar. Das Besondere: das Federwerk wird nicht, wie üblich, mit einem Schlüssel aufgezogen, hier muß man ein Zugband an einem Ring unter der Kamera herausziehen, jeweils für eine halbe Minute Aufnahmedauer. „In 5 Sekunden ist die Kamera aufnahmebereit, 20 Sekunden benötigt man für das Aufziehen einer anderen Federwerkskamera" – so lautete damals der Werbespruch von Dralowid. Dieses Aufzugsystem hat nur die Reporter und die Minifilmkamera von Meopta, die Somet - jene Kamera, die schon für Doppelachtfilm die später von Kodak als Super-8-Kassette bezeichneten Form und Funktion besaß. Und noch eine Eigenart der Dralowid-Kamera: der Auslöser ist auf der Rückseite der Filmkamera, direkt unter dem Suchereinblick.

 

Es soll auch noch eine zweite Dralowid-Reporter-Kamera mit Elektromotor und Einzelbildschaltung gegeben haben (siehe Jürgen Lossau „Filmkameras"), von der aber bisher kein Bild bekannt ist.

 

Für Wolfgang Petersen, den deutschen Filmregisseur („Das Boot"), der jetzt in USA lebt und arbeitet, war die Dralowid-Reporter die erste Filmkamera, die er als 14-jähriger besaß, so berichtete der „Tagesspiegel" am 13. März 2001 und, Hellmuth Lange, der Herausgeber der Zeitschrift „Schmalfilm", brachte 1952 das Büchlein „Dralowid-Film-Fibel" in der Buchreihe „Schmalfilmtruhe" als Band 3 heraus. Lange bevor Super-8 auf den Markt kam (1964), verschwand der Name Dralowid sang- und klanglos vom Amateurfilmmarkt.

 

* Carl von Ossietzky - Herausgeber der „Weltbühne", Friedensnobelpreis 1936, gestorben 1938 an den Folgen der KZ-Haft.

 


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