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50 Jahre Fernsehen aus Hamburg:

Das Programm vor dem „offiziellen" Beginn

Von Dr. Gerhard Vogel

Auf dem Jubiläumskalender im Jahre 2002 steht der Beginn des täglichen und regelmäßigen Programmbetriebs im Nachkriegsdeutschland. Die Möglichkeiten, fernsehbezogene Jubiläen zu feiern, sind äußerst vielfältig.

 

Man kann sich berufen auf

  • technische Erfindungen (Bildtelegraphie, Photophon, Television usw.) oder
  • Erfinder, wie z.B. Graham Bell, Paul Nipkow, Ferdinand Braun und andere,
  • Grundlagenforscher, wie z.B. den Hamburger Heinrich Hertz, oder
  • auf eine unbestimmte märchenhaft-mythische Zeit (das Fernrohr in Grimms „Die vier kunstreichen Brüder").

Und so begann es: Offizielles Eröffnungsprogramm des NWDR-Fernsehens am Donnerstag, den 25. Dezember 1952 ab 20.00 Uhr:

 

  1. Dia: NWDR
  2. Titel „Zur Eröffnung"
  3. Film: Prof. Nestel (Technischer Direktor des NWDR)
  4. Ansprache Dr. Pleister (Fernsehintendant)
  5. Ansage: Farenburg (Regisseur/Autor)
  6. Film „Stille Nacht"
  7. Sendespiel „Stille Nacht" mit Filmeinblendungen - Fernsehspiel von Johannes Kai, Regie: Hanns Farenburg
  8. Dia: Pause
  9. FS-Sender aus aller Welt (Grüße zum deutschen Fernseh-Start)
  10. Film: „Grüße aus aller Welt"
  11. Telegrammverlesung v. Plato (Chefredakteur)
  12. Dia: Pause
  13. Max und Moritz - (ein Tanzspiel in 7 Streichen von Norbert Schultze nach dem Bilderbuch von Wilhelm Busch, Regie: Hanns Farenburg)
  14. Absage Koss mit Kalender und Spieluhr [Anm.: Irene Koss war die erste Ansagerin]
  15. Dia: NWDR

 

(Quelle: Sendeprotokoll NWDR: Verlauf der Sendung: „programmgemäß: 118 Min.")

 

Doch bevor es vor 50 Jahren dazu kommen konnte, gab es bereits seit dem 27. November 1950 eine vom NWDR veranstaltete, über zwei Jahre dauernde Versuchsphase, die insofern interessant ist, weil sie Strukturen und Zusammenhänge hinterließ, die noch heute organisatorisch, technisch und programmlich wirksam sind. In dieser Zeit war der NWDR eine Arena der Experimente für alle Bereiche.

 

Die britische Militärregierung hatte nach dem Kriegsende grundsätzlich alle Fernsehversuche verboten. Ihr Einverständnis für den Beschluss des NWDR-Verwaltungsrates erfolgte erst am 13. August 1948, die Entwicklung des Fernsehens erneut aufzunehmen. Dadurch wurde der Grundstein für eine interessante neue Phase der technischen und programmlichen Innovation gelegt.

 

Während das Fernsehen der NS-Zeit seinen Schwerpunkt in Berlin (und mit Einschränkungen im besetzten Paris) hatte, war in der Nachkriegszeit nunmehr Hamburg das Zentrum für das Fernsehens im Nachkriegsdeutschland. Die Mitarbeiter von Technik und Programm waren zunächst in alle Winde zerstreut, die Berliner Anlagen des Femsehsenders „Paul Nipkow" im Krieg zerstört und nur wenige Geräte gerettet.

 

Der NWDR in Hamburg wurde das Sammelbecken Femseh-Mitarbeiter aus der Berliner Zeit, nicht nur im Bereich der Organisation (Hans-Joachim Hessling u.a.), der Produktion (Hans Sester, Hans Grack, Alfred Reimes) und des Programms (u.a. Hanns Farenburg).

 

Ganz besonders kontrovers wurde die Personalie Werner Pleister und seine Mitgliedschaft in der NSDAP diskutiert. Alle hier genannten Mitarbeiter waren an der Produktion der Start - Sendung am 25. Dezember 52 beteiligt, wie das Sendeprotokoll des NWDR ausweist.

 

Auch in der Publizistik und fernsehbegleitenden Pressearbeit trafen sich die Pioniere in Hamburg wieder: Kurt Wagenführ in der Pressestelle des NWDR, Eduard Rhein im Axel-Springer-Verlag.

 

In den Hochbunkern auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg wurden Studios und Büros etabliert, Koordinationsstellen des Mediums Fernsehen, bis die Gebäude in Hamburg-Lokstedt (1952) bezugsbereit wurden.

 

In dieser Zeit waren zahllose Fragen zu klären, insbesondere die der

  • technischen Normierung,
  • programmlichen Zulieferungen, zunächst NWDR-intern mit Berlin, später mit den anderen ARD-Anstalten,
  • finanziellen Beteiligung der ARD-Anstalten im Hinblick auf ihre Gebühreneinnahmen (ARDSchlüssel),
  • programmlichen Zuordnungen (Entwicklung der Femseh-Formate) sowie
  • föderalistischen Fernseh-Verfassung.

 

Interessant ist die frühe Festlegung von Sendezeiten und von Fernsehformaten, die z.T. bis heute noch beibehalten werden und zum täglichen Ritual des Fernsehverhaltens gehören.

 

Schon früh etablierte sich beim Nipkow-Fernsehsender als Beginn der Fernsehzeit die 20.00-Uhr-Leiste, die das Fernsehverhalten sowohl in der Produktion als auch in der Rezeptionssituation maßgeblich strukturierte. Diese Zeitschiene wurde auch in der NWDR-Versuchsphase übernommen.

 

Abgesehen von Kindersendungen am Nachmittag und der Übertragung von Großveranstaltungen wurde der Fernsehabend an drei Tagen in der Woche von 20.00-22.00 Uhr durch diese Zeitachse bestimmt. Insgesamt wurden in dieser Testzeit ca. 5.200 Stunden Programm hergestellt. Zu dieser Zeit gab es kaum Fernsehempfänger: auf ca. 1.000 wird die Zahl in privaten Haushalten am Ende der Testphase 1952 geschätzt, hinzu kamen noch öffentliche Empfangsräume (bei den Zeitungen) sowie Fernsehgeräte in Gasthäusern. Die ersten TV-Bilder sah man in der Regel in den Schaufenstern der Gerätehändler, der Ton wurde durch Lautsprecher nach außen gelegt. Das Testbild war der am häufigsten gezeigte Programminhalt während des Tages. Nachrichten mit Wetterkarte ("Bild des Tages", ab 20. Dezember 52 „Tagesschau" genannt), Live-Sendungen, Fernsehspiel-Inszenierungen sowie Kultur- und Dokumentarfilme im Wechsel mit Ansagen und Zwischenansagen bestimmten in der Regel das Programm des Abends. Von den Theater-, Sport- und Gottesdienstübertragungen, überhaupt von den vielfältigen Sendungen sind leider nur sehr wenige im heutigen NDR-Fernseharchiv erhalten geblieben, da es keine magnetischen Aufzeichnungsmöglichkeiten für die Ereignisse gab, es sei denn, sie wurden kostenaufwendig und nur mit großem Aufwand auf 35mm-Filmmaterial aufgezeichnet.

 

P.S. Noch vor dem Beginn des kontinuierlichen Fernsehprogramms aus Hamburg am 25. Dezember 52 hatte die DDR durch einen Beschluss des Ministerrates den Sendebeginn in Berlin-Adlershorst 4 Tage vorher auf den 21. Dezember 1952 (73. Geburtstag Stalins) festgelegt, um die Prioritätenfrage für sich zu entscheiden. Doch das ist eine andere Geschichte...

 


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