Filmstadt HamburgPlatzhalterKinosPlatzhalterFernsehenPlatzhalterPersonenPlatzhalterFilmtechnik PlatzhalterSammlungenPlatzhalterHistorischesPlatzhalterDie PamirPlatzhalterSetfotosPlatzhalterPlakatePlatzhalterZeitschriftenPlatzhalterHamburger FlimmernPlatzhalterDrehbücherPlatzhalterProgrammheftePlatzhalterReeducationPlatzhalterLinksPlatzhalterVeranstaltungen
###SPALTE_RECHTS###

Entstehung des Kinowesens in Hamburg

Variete und Wanderkino: Wegbereiter des Filmtheaters

Von Ariane Scharfenberg

Seine erste Heimat fand der Kinematograph nicht, wie man denken könnte, im Kino, sondern in den oftmals als Wegbereiter des Kinowesens geltenden Varietes und Wanderkinos. Sie präsentierten Filme während des „romantischsten Zeitalters in der Geschichte des Films", als das Medium angeblich noch nicht kommerzialisiert war. Wenn man allerdings die Werbeanzeigen verschiedener Varietes in der damals führenden Zeitung „Hamburger Fremdenblatt" betracht, müssen diese Vorführungen von Beginn an doch ein sehr lukratives Geschäft gewesen sein. Ansonsten hätte das „Hansa-Theater" kaum durch besonders große Buchstaben auf die „Galerie lebender Bilder" hingewiesen oder das „Tivoli" auf seine täglichen Lichtbilder-Schauen.

 

Die regelmäßigen Filmvorführungen in Varietes waren zwar nicht das erste Mal, dass Hamburger Bürger mit dem Kinematographien in Berührung kamen, jedoch garantierten sie eine gewisse Kontinuität der Entwicklung des frühen Kinowesens in Hamburg, weil sie das Interesse an diesem neuen Medium beim Publikum wach hielten.

 

Die große Bedeutung der Filmvorführungen in den Varietes für die kulturelle Prägung des frühen Hamburger Kinowesens wird dadurch deutlich, dass sogar ein mutmaßliches Volksvariete wie „Schwaff's Gesellschaftshaus" spätestens ab Januar 1897 neben einer oberbayerischen Concert- und Schuhplattler-Gruppe „Vorführungen lebender sich bewegender Photographien" in sein Programm aufnahm.

 

Allerdings schien sich der Attraktionswert der Lichtbilder beim Publikum in relativ kurzer Zeit zu verändern. Während es bei den Variete-Werbeanzeigen von 1896 noch ausreichte, nur mit der Ankündigung „Kinematograph" zu werben, findet man ab April 1997 vermehrt Anzeigen, die mit einzelnen Filmtiteln werben, wie z.B. das „Hansa-Theater". Inwieweit diese Veränderung der Werbestrategie mit dem Schwinden des Neuigkeitswertes von Filmvorführungen beim Publikum zusammenhängt oder vielleicht doch eher mit der Tatsache, dass man sich von der Konkurrenz der anderen Varietes auf dem Sektor der Filmvorführungen abheben wollte, nicht mit Sicherheit beantwortet werden.

 

Auffällig dabei ist, dass 1896 drei Wanderschausteller mit Filmvorführungen in Hamburg gastierten, dann jedoch erst wieder nach der Jahrhundertwende die Jahrmärkte bereisten. Von 1901 bis mindestens 1911 wurden die Hamburger Jahrmärkte regelmäßig von Schaustellern, insbesondere von den Wanderkinobesitzern Sander und Volkhard bereist. Die These, dass die dominierende Stellung des Wanderkinos ab 1906 zu Gunsten ortsfester Kinos verloren ging, lässt sich in Bezug auf den Zeitpunkt für Hamburg nicht bestätigen. Schausteller bereisten offenbar häufig bis 1911 mit ihren Wanderkinos die Hamburger Jahrmärkte, wobei im Dezember 1909 sogar insgesamt drei Wanderkinos auf dem Hamburger Dom gastierten. Außerdem überlegten die Hamburger Kinobesitzer laut einem Artikel der „Kinematographischen Zeitung" im September 1907, ob sie ihre Theater  während der Domzeit erst später oder überhaupt öffnen sollten. Dies ist ein weiterer Hinweis dafür, dass die Wanderkinematographie in Hamburg über das Jahr 1906 hinaus ein ernstzunehmender Konkurrent für die ortsfesten Hamburger Kinos war.

 

Allerdings bestätigen die Gewerbepolizei-Akten das relativ späte Einsetzen dieser Entwicklung, da die in ihnen befindlichen teuer- und baupolizeilichen Vorschriften für kinematographische Vorführungen, die den Budeninhabern ausgehändigt wurden, auf den 4. November 1905 datiert sind. So lässt sich aus den bisherigen Untersuchungsergebnissen zumindest die Tendenz ablesen, dass das hiesige Publikum bis 1901 vornehmlich Filmvorführungen in Varietes beiwohnte.

 

Mit Beginn des neuen Jahrhunderts kehrte sich dieses Verhältnis jedoch langsam um, da die ersten Ladenkinos „in eine Konkurrenz zum Variete" traten und „ein funktionales Äquivalent zum gesamten Varieteprogramm zu geringeren Preisen anboten. War die Kinematographie in den Anfangsjahren durch die geringe Zahl der Filme und ihren gleichbleibenden Inhalt, die zum Betrieb eines ortsfesten Kinos mit einem täglichen Programm wahrscheinlich nicht ausgereicht hätten, auf die ,Hilfe' der Varietes und Wanderkinos angewiesen, wurde das Kino langsam selbständig.

 

Von der ersten Filmvorführung bis 1920

Am 20. Februar 1900 soll in St. Pauli vom Schankwirt Eberhard Knopf am Spielbudenplatz 21 das älteste Kino der Welt (oder zumindest von Deutschland) eröffnet worden sein. Ob diese frühe Kinogründung nicht nur ein von unzähligen Quellen aufrechterhaltener Mythos ist, kann nicht geklärt werden. Fest steht nur, dass Knopf seine Gäste ab Februar 1901 mit Lichtbildvorführungen unterhielt, da das Bierlokal am 22. Februar 1901 auf Grund einer anonymen Anzeige von einem Polizeibeamten inspiziert wurde, der die Vorführung .lebender Photographien' in seinem Bericht vermerkte. Erst im Oktober 1906 errichtete Knopf im Nachbarhaus seiner Wirtschaft am Spielbudenplatz 19 ein Kino, in dem 667 Zuschauer Platz fanden; zu dieser Zeit gab es jedoch schon 5 Kinos in Hamburg. Inwieweit Knopf wirklich der erste Kinogründer mit regelmäßigen Vorführungen von Filmen in Hamburg ist oder ob seine Filmvorführungen nur zum Amüsement des Publikums seiner Wirtschaft unregelmäßig eingestreut wurden, lässt sich leider nicht mehr klären. Sicher ist jedoch, dass in seiner Wirtschaft Filmvorführungen stattfanden.

 

Allerdings scheint es mit dem „Tivoli-Theater" am Billhomer Röhrendamm 121 noch ein weiteres früheres Kino gegeben zu haben: Dieses soll schon ab 1899 in Betrieb gewesen sein, so behauptet es zumindest ein Nachfahre von Paul Besse, der Anfang der 20er Jahre das Kino übernahm - und die Aktenlage widerspricht dem nicht. Ein möglicher Grund für das relativ späte Entstehen ortsfester Kinos - nach der Erfindung der Filmprojektion vergingen fast fünf Jahre - könnte die mangelnde Rentabilität von Kinos für ihre Betreiber gewesen sein. So war das Angebot neuer Filme zu gering, um ein abwechslungsreiches Programm für ein tägliches Publikum gestalten zu können. Generell wird der Wechsel des Mediums Film vom Variete zum ortsfesten Kino sowieso erst auf die Zeit ab 1905 datiert, da das Angebot der Filme ab diesem Zeitpunkt offenbar ausreichte, um für ein breites Publikum ein funktionales Äquivalent zum populären Variete-Programm zu deutlich geringeren Preisen bieten zu können.

 

Von 1906 bis 1907 setzte in ganz Deutschland eine Flut von Kinogründungen ein. Für insgesamt 10 Kinos in Hamburg kann man das Jahr 1906 als gesichertes Gründungsdatum annehmen. Allerdings müssen noch weitere Kinos ab diesem frühen Zeitpunkt bestanden haben, da ein Bericht der Gewerbepolizei vom 18. Dezember 1906 zur Überwachung der Kinotheater 35 Lokale nennt, in denen lebende Photographien vorgeführt wurden. Im Zeitraum zwischen 1905 und 1910 kam es zu einer boomartigen Verbreitung der Kinos; allein in diesen fünf Jahren entstanden 51 Kinos in Hamburg. Damit war die Hansestadt nach Berlin mit 139 Kinos die zweitgrößte Kinostadt Deutschlands.

 

Eine Mitgliederauflistung des 1909 gegründeten ,Lokalverbandes der Hamburger Kinematographeninteressenten' nennt Ende 1910 sogar schon eine Zahl von 65 Kinobesitzern. Allerdings ist es nicht gesichert, dass alle Mitglieder des Vereins ein eigenes Kino betrieben bzw. nicht wieder relativ schnell die Pforten ihres Hauses schließen mussten, da 1911 nur 46 Kinos in Hamburg Steuern zahlten. Die genaue Zahl der Kinos im Zeitraum zwischen 1911 und 1915 schwankt, da einige Theater lebender Photographien schnell wieder schließen mussten. So sollen 1912 bereits 61 Kinos in Hamburg mit insgesamt 30.000 Sitzplätzen bestanden haben, wobei sich die Zahl bis 1914 um nur zwei auf 63 Kinos erhöhte - und das, obwohl es in diesem Zeitraum 27 Neugründungen gab! Interessant ist die Berechnung, dass bereits 1912 auf je 40 Einwohner von Hamburg ein Sitzplatz in einem Kino entfiel.

 

Wer waren die Kinobesitzer?

Diese Frage wurde bisher von den meisten Studien nur ungenau beantwortet. So scheinen sich die meisten kinogeschichtlichen Abhandlungen nicht dafür zu interessieren, wer die Kinogründer waren, was sie beispielsweise vor dem Kinogeschäft für Berufe hatten, welcher Gesellschaftsschicht sie angehörten und welche Motivation sie gehabt haben könnten, sich in der neu entstehenden Kinobranche selbständig zu machen. Falls die Kinogründer trotzdem einer bestimmten Branche zugeordnet werden, dann wird meistens die These aufgestellt, dass die Wanderkinobesitzer sesshaft wurden und Kinos gründeten. In einigen Fällen mag das auch so gewesen sein, aber für Hamburg ließ sich nicht ein Beispiel eines Kinobesitzers, der vorher Schausteller war, finden.

 

Tatsache ist, dass der Betrieb von Kinos in ihrer Anfangsphase die Domäne von Kleinunternehmern war. Bis 1937 wurden in Hamburg nur 21 Kinos von Lichtspielgesellschaften und 58 Lichtspieltheater von Einzelpersonen gegründet. Wer aber waren diese Menschen? Sollte man wirklich den Gegnern des frühen Kinos Glauben schenken, welche die Existenz von Schundfilmen dem „Mangel an Bildung" der Kinobesitzer zuschreiben und sie somit der unteren Bevölkerungsschicht zuordnen?

 

Eine für Hamburg sehr wichtige Gruppe von Kinogründern sind Gastwirte. Die Zuweisung der Kinobetreiber zur Gastwirt-Branche wird durch eine Liste der Gewerbepolizei belegt, die im Februar 1906 7 Wirtschaften, in denen Filmvorführungen veranstaltet wurden, aufzählt. Dass diese Kneipenkinos in der Hamburger Innenstadt zumindest teilweise der Definition des ortsfesten Kinos entsprechen, wird deutlich, wenn man die angegebenen Namen mit Eintragungen in den Adressbüchern und in den Akten vergleicht. So ging der in einer Akte genannte Wirt Wieck, der in seinem Lokal im Alten Steinweg 40-42 für bis zu 350 Zuschauer Kinovorstellungen veranstaltete, diesem Gewerbe auch im Februar 1909 noch nach. Der ebenfalls genannte Wilhelm Peters nahm ab ca. 1907 einen Teilhaber, Heinrich Muus, in sein Geschäft auf. Im weiteren Verlauf der Hamburger Kinogeschichte betrieben diese beiden Unternehmer zusammen insgesamt 5 Kinos in Hamburg. Die Wirtschaft von Witt wurde später unter August Heinsen ein ausschließliches Kino. Ein weiterer Wirt ist Christian Pulch, ab 1908 Besitzer des „Central Theaters", der im „Hamburger Adressbuch" von 1907 auch noch mit einem weiteren Vergnügungslokal, in dem wahrscheinlich ebenfalls Kinovorstellungen den Schankbetrieb ergänzten, eingetragen war.

 

Insgesamt weist das „Hamburger Adressbuch" von 1906 12 Wirte als spätere Kinogründer aus. Die einen gliederten das Kino anscheinend durch Umbauten in die Räumlichkeiten ihrer Wirtschaften ein - und die anderen suchten sich offenbar völlig neuen Lokalitäten für das Unternehmen ,Kino'. Warum ausgerechnet Wirte zu Kinobesitzem wurden, liegt auf der Hand: Sie waren als Unternehmer schon durch ihre Wirtschaften im Vergnügungssektor tätig und kannten sich mit den Ansprüchen ihres jeweiligen Publikums aus.

 

Aber nicht nur die Wirte versuchten sich eine berufliche Existenz aufzubauen. Auch die Gewerbeanmeldung eines Maurers zum Betrieb der Vorführung kinematographischer Bilder findet sich in den Akten und das „Hamburger Adressbuch" weist eine Vielzahl von Kinogründern aus den unterschiedlichsten Gewerberichtungen auf. Wenn man diese Gruppe grob unterteilt, kann man sie in sieben Kinogründer, die aus dem handwerklichen Gewerbe stammen, und in sieben Betreiber von Lichtspieltheatern, die ursprünglich dem Handelsgewerbe angehörten, unterteilen.

 

Höchstwahrscheinlich wurde diese Entwicklung durch die Arbeitsmarktlage in der Großstadt Hamburg bedingt. So sagt z.B. Ewald Besse, der Enkel des Kinogründers Paul Besse (Lichtspiele „Kampel" & „Tivoli-Theater", später übernahm er auch die „Harmonie-Lichtspiele"), dass sein Großvater sich ursprünglich mit einer Apotheke selbständig machen wollte, jedoch nicht ohne weiteres einen Gewerbeschein erhielt, da in Hamburg zu dieser Zeit dafür kein wirtschaftliches Bedürfnis bestand. Aus diesem Grund versuchte er sein Glück im Kinogewerbe, für das man in der Frühzeit keine Genehmigung benötigte.

 

Eine weitere Berufsgruppe der Kinogründer sind Kaufleute. Leider erlaubt die Quellenlage keine eindeutige Zuordnung dieser Kaufleute zum Handelsgewerbe. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sie wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage der Jahre 1906/07 zu Kinobetreibern wurden.

 

Grundsätzlich lässt sich die These, dass Kinogründer sich durch ihre geringe Bildung auszeichnen, also nicht aufrechterhalten, denn die Untersuchung der Quellen hat ergeben, dass die meisten Kinogründer nicht der Unterschicht, sondern eher der bürgerlichen Mittelschicht, die sich durch einen gelernten Beruf und ein festes Einkommen auszeichnet, angehören. Wenn man den Menschenschlag der frühen Kinogründer genauer beschreiben möchte, kann man ihn sicherlich als gegenüber neuen Erfindungen aufgeschlossene Menschen darstellen.

 

Es lassen sich schon sehr früh zwei Arten von Kinobesitzern unterscheiden: Den kleinen privaten Geschäftsmann, der sein einzelnes Kino - oft noch als Familienbetrieb - führte, und den risikofreudigen Einzelkino-Großunternehmer, der mit einem Kino startet, jedoch schnell das Risiko eingeht und weitere Kinos gründet.

 

Zwei der wohl berühmtesten Hamburger Kinogründer, die diesem Prinzip entsprechen, sind Eberhard Knopf und James Henschel. Wie schon erwähnt, eröffnete Knopf (ein gelernter Schmied) erstmals ein kleines Kino ab 1900 bzw. 1901 in seiner Wirtschaft am Spielbudenplatz 21. Als der Kinounternehmer dann bemerkte, dass sich das Geschäft mit den lebenden Bildern rentiert, baute er das Nachbarhaus, Spielbudenplatz 19, um und eröffnete dort im April 1906 ein Kino mit 667 Zuschauerplätzen. Dieses Lichtspielhaus bestand bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein.

 

Eine andere Strategie verfolgte Henschel. Der aus der Textilbranche stammende Konfektionist informierte sich auf einer Pariser Automatenausstellung, da er sich ursprünglich mit einem Grammophon-Automatensalon selbständig machen wollte. Jedoch hörte er angeblich auf den Rat seiner Gattin und wurde somit zu Hamburgs „Kinopionier" Nr. 1. Er erkannte sehr früh, dass es rentabler war, eine Kinokette zu bilden und gründete seine ersten Kinos in rascher Folge, so dass das Pendel-Prinzip angewendet werden konnte. Die wahrscheinlich großen Gewinne investierte Henschel in ein drittes Kino. Folglich konnte der „Hamburger Kinokönig" seine Programme .flächendeckend' und somit auch kostendeckend betreiben. Er war noch an drei weiteren Kinos (zumindest als kurzzeitiger Teilhaber) beteiligt.

 

Vom Ladenkino zum Lichtspielpalast

Schon die Umschreibungen, die für die frühen Kinos existieren, sagen sehr viel über ihre räumliche Beschaffenheit aus. So wurden die Kinos im Volksmund „Schlauch-Kino", „Schmales-Handtuch", „Flohkiste" oder „Ladenkino" genannt. Diese umgangssprachlichen Bezeichnungen deuten daraufhin, dass sie oftmals in leerstehenden Läden und nicht in speziellen, für den Zweck der Kinovorführung gebauten Räumlichkeiten eingerichtet wurden. So war das Ladenkino in der Frühzeit des Kinowesens eine der häufigsten Formen des Kinematographentheaters. Die Einrichtung solcher Kinos kann man durchaus als .spärlich' beschreiben: „Die stehenden Theater wurden in Ladenräumlichkeiten eingerichtet, das waren meist langgestreckte schmale Räume, an deren einem Ende ein kleiner Bildwerferraum auf erhöhtem Boden abgetrennt, am anderen Ende die Bildwand aufgestellt wurde. Dazwischen wurden Bank- und Stuhlreihen oft nur auf waagerechtem Boden - aufgebaut."

 

Auch in Hamburg gab es mehrere dieser Ladenkinos wie z.B. die „Blumenburg" mit anfangs 165 Plätzen oder das „Elysium" mit 200 Plätzen. Sehr schnell wurden jedoch in Hamburg Umbauten an bestehenden Kinos vorgenommen, meistens um die Platzzahl und damit den Umsatz der Kinos zu erhöhen, wobei jedoch der typische Charakter des Ladenkinos nicht verloren ging.

 

Informationen über den Innenausbau der Kinos jener Zeit liegen zumeist nicht vor, jedoch legte man anscheinend auf eine besondere Gestaltung in der Frühphase des Kinogewerbes keinen gesonderten Wert. Das sollte sich jedoch schnell ändern, da man, nachdem sich auch das gutsituierte Bürgertum für das Kino zu interessieren begann, zum Bau von luxuriösen Großkinos überging. Diese Entwicklung setzte um 1910 ein, wobei die meisten Ladenkinos versuchten, sich äußerlich den Theatern der Sprechbühne anzugleichen. In Hamburg begann die Entwicklung schon etwas früher, etwa ab 1906, als vornehme Lichtspielhäuser das Bürgertum anlockten.

 

Ein Beispiel für diese Entwicklung in Hamburg ist das seit 1906 von Henschel betriebene „Belle-Alliance-Theater", das nicht nur durch seine 1.000 Zuschauerplätze dem üblichen Schema des Ladenkinos nicht mehr entsprach. Die Leinwand war 35qm groß und die Filme wurden von einem 20 Mann starken Orchester begleitet. Der Service der Kinos und die Gestaltung des Innenraumes spielten eine immer größere Rolle, so dass beispielsweise die Innenausstattung des 1913 gebauten „Harvestehuder Lichtspielhauses" 550.000 Mark kostete. Die vornehmen Lichtspielhäuser zeichneten sich schon sehr früh durch die Trennung von Kinosaal und Restaurationsbetrieb, die Einteilung bequemer Polstersessel in verschiedene Parkettklassen, den Einbau eines Ranges, durch ihre repräsentativen Fassaden und luxuriös ausgestattete Foyers aus.

 

Rund ums Hamburger Kinowesen

Die meisten Kinos in Hamburg waren wie das „Elite-Theater" von 11 Uhr morgens bis 23 Uhr Abends zwölf Stunden täglich geöffnet. Auch wenn ein Programm rund zwei bis drei Stunden dauerte, erlaubte die damalige Programmstruktur zu jeder Zeit den Zutritt ins Kino, da erst mit dem Aufkommen des ,Großfilms' feste Anfangs- und Endzeiten der Kinovorführung eingeführt wurden. Die Eintrittskarten galten nur für kurze Zeit und wurden z.B. dadurch kontrolliert, dass sie alle zwei Stunden mit einem neuen Buchstaben des Alphabets gekennzeichnet wurden.

 

Die Eintrittspreise lagen zwischen 20 und 30 Pfennig; für Kinder wurden sie zumeist auf 10 Pfennig ermäßigt. Nach Einführung der Lustbarkeitssteuer sahen sich die Kinobesitzer gezwungen, 1912 die Eintrittspreise geringfügig zu erhöhen, so dass 1914 zwischen 40 Pfennig und für die großen Kinos bis zu 1,60 Mark - je nach Sitzplatzkategorie - zu zahlen waren. 1917 wurden die Eintrittspreise wegen steigender Filmleihmieten und der allgemeinen Teuerung ein weiteres Mal erhöht. Man war zu diesem Zeitpunkt schon dazu übergegangen, wochentags geringere Eintrittspreise als an den besucherstarken Wochenenden zu verlangen. Im Mai 1920 wurden die Eintrittspreise wegen der andauernden Preissteigerung auf 2,50 Mark erhöht.

 

Von Beginn des Kinowesens an wurde die Musik als Mittel erkannt, um Publikum anzuziehen. Dabei wurde der Film in der Regel durch eine Drehorgel oder ein Klavier begleitet; und in den besseren Etablissements spielten ganze Orchester. Beispielsweise warb das „Elite-Theater" in seinem Programm ausdrücklich mit seiner 5-köpfigen „Künstler-Kapelle" unter der Leitung eines Kapellmeisters.

 

Allerdings waren nicht nur Musiker im Kino beschäftigt; es gehörten auch Kassierer, Platzanweiser, Pendler, der Operateur, der Erklärer und in vornehmen Kinos Portiers zum festen Personalbestand eines Kinotheaters. In Hamburg waren ab 1912 die Kinoangestellten im Transportarbeiterverband organisiert und nach langen Verhandlungen mit den Kinobesitzern wurde 1913 einen Tarifvertrag abgeschlossen. Neben den Filmen und der begleitenden Musik war insbesondere der sogenannte Erklärer derjenige, der das Publikum zusätzlich anzog. So soll es Besucher gegeben haben, die nur wegen der Erzähler ins Kino gingen. Der Erklärer war für viele Zuschauer der „Übersetzer der Filmsprache", zumindest bis 1907, als die Zwischentitel aufkamen. Dementsprechend teilte sich z.B. der Besitzer des Reformkinos gemeinsam mit seiner Frau die Rollen der auftretenden Personen auf und sprach sie dann abwechselnd.

 

Wichtig waren auch die Operateure, die für den Mindestlohn von 30 Mark pro Tag den Projektionsapparat bedienten. Dieses technische Personal bestand oftmals aus Angestellten der Elektrobranche oder aus ehemaligen Kinobesitzem. Da sich viele Kinobesitzer in Hamburg wie in ganz Deutschland über die „mangelhaften Kenntnisse" der Operateure beschwerten und ein hohes Feuerrisiko bestand, wurde ab Juni 1909 von der Polizei von den Operateuren das Ablegen einer Prüfung verlangt.

 

In den meisten Kinos wurde jeden Samstag – meistens war der Tag identisch mit dem Tag der Lohnauszahlung - das Programm gewechselt, in größeren Theatern wechselten die Programme sogar zweimal wöchentlich. Das bedeutet, dass die Kinobesitzer bei einem Programm, das zwischen 5 und 10 Filmen enthält, ungefähr „400 Filme pro Jahr" benötigten. Anfangs deckten die Kinobesitzer ihren Bedarf an Filmen, in dem sie die Filme kauften oder mit ihren abgespielten Filmen untereinander handelten, da speziell die kleineren Ladenkinos nicht in der Lage waren die hohen Kaufpreise der Filmhersteller zu bezahlen. Als jedoch dadurch der Absatz der Filmproduzenten immer weiter „schrumpfte" und der Markt für sie unübersichtlich wurde, beschloss als erste die französische Firma Pathe Freres, ihre Filme nur noch über ausgewählte Gesellschaften zu verleihen. Auf diese Weise entwickelte sich langsam das Verleihwesen, das sowohl für die Kinobesitzer als auch für die Filmproduzenten Vorteile hatte. In der Hansestadt übernahm u.a. die .Hamburger Film-Industrie- und Kinematographen-Theater-GmbH' den Verleih und warb mit einem von Fachleuten zusammengestellten Programm.

 

Ökonomie der Kinos

Entscheidend war der Besuchsrhythmus der Kinos. Ein weiteres Risikomoment für die Kinobesitzer war der Einfluss des Wetters. Die 1925 vom statistischen Landesamt durchgeführte Aufstellung der Besucherzahlen der Hamburger Kinos übers ganze Jahr verteilt zeigt eindeutig, dass die besucherschwächsten Monate in den Sommer fielen. Diese Problematik wirkte sich auch auf die Großstadtkinos in Hamburg aus, so dass z.B. einige Kinobesitzer dazu übergingen, in den Sommermonaten erst ab 17 oder 19 Uhr zu öffnen.

 

1910 rechnete man mit einem minimalen Aufwand von 4.000 Mark, um ein Kino einzurichten. Mit dem Wachstum der Branche wurde es auch immer schwieriger, Gewinne zu erwirtschaften. Henschel erwähnte zwar die „früheren guten Geschäfte", aber bereits 1914 meinte er, dass es mit dem Kinogeschäft „kolossal bergab gegangen" sei. Einerseits lässt sich diese Entwicklung damit erklären, dass die Mieten für die Theater sowie die Kosten für die Leihfilme mit dem Wachstum des Kinogewerbes anstiegen, andererseits wurden im Zuge der Entstehung der Lichtspielpaläste jedoch auch an vielen Kinos Umbauten vorgenommen. Folglich kam es in Hamburg anscheinend zu einer Konkurrenzsituation unter den Kinobesitzern, was von Henschel als regelrechtes „Wetteifern" der Kinobetreiber untereinander beschrieben wurde.

 

Diese Konkurrenzsituation könnte den häufigen Besitzerwechsel der Hamburger Kinos im Zeitraum von 1909 bis 1915 erklären. Zwar ist das Hamburger Kinowesen von Anfang an dadurch gekennzeichnet, dass die Besitzer schon nach kurzer Zeit wechseln, jedoch könnte man dies in der Anfangsphase der Kinematographie damit erklären, dass viele Kinogründer „in derartigen geschäftlichen Dingen unerfahren" waren. Ab 1910 scheint es jedoch so zu sein, dass der in anderen Branchen übliche Kreislauf zwischen Investition und Amortisation einsetzte: Die mittlerweile gebildete Konkurrenz führte dazu, dass die Gewinne der ersten zehn Jahre nur durch neue Investitionen, die das jeweilige Kino konkurrenzfähig bleiben ließen, aufrecht zu erhalten war. Diese Investitionen mussten später jedoch wiederum durch erhöhte Einnahmen gedeckt werden.

 

Die Autorin studiert Film-, Fernseh- und Theaterwissenschaft an der Universität Köln und arbeitet als Redakteurin bei RTL


W3C validiert