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Alte Hamburger Lichtspielhäuser (4):

Der „Europa-Palast“ 1951-1969

Von Ulrike Sparr

Die Zeiten, in denen jeder Stadtteil eines oder gar mehrere Kinos sein eigen nannte, sind unwiderruflich vorbei. Kaum vorstellbar scheint es heute, daß sich in den 50er und 60er Jahren in der Jarrestadt der „Europa-Palast“ mit 750 Plätzen behaupten konnte, obwohl es am nahegelegenen Mühlenkamp und auch an der Barmbeker Straße ein Kino gab. Besitzer des „Europa-Palasts“ war übrigens die Familie Meininger, der auch das „Thalia“-Kino an der Grindelallee gehörte [s. „Hamburger Flimmern“ Nr. 5].

In einem der Anfang der 50er wiederaufgebauten Backstein-Wohnblöcke an der Jarrestraße 45/47 nahe dem U-Bahnhof Stadtpark (heute: Saarlandstraße) wurde der „Europa-Palast“ mit seinem großzügigen Eingangsbereich integriert. Es waren die großen Erfolgsjahre des Kinos nach dem zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, als das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte und neue Lichtspielhäuser überall wie Pilze aus dem Boden schossen: Fast jede Woche eröffneten auch in Hamburg neue Kinos. Die feierliche Eröffnung des neuen „Europa-Palasts“ fand am 11. Mai 1951, dem Freitag vor Pfingsten, statt. Am gleichen Tag nahm auch „Die Rampe” in Billstedt an der Billstedter Reichstraße ihren Spielbetrieb auf und ein paar Tage zuvor hatten bereits die „Ultra-Lichtspiele” in Fuhlsbüttel an der Hummelsbüttler Landstraße ihre Tore geöffnet. Und in den erst seit eineinhalb Jahren bestehenden „Bahnhofs-Lichtspielen” (bali) am Hauptbahnhof war gerade ein Tag zuvor der 1.000.000. Besucher begrüßt worden. Im „Europa-Palast” wurde an besagtem 11. Mai – nach einem kabarettistischen Vorprogramm der „Pinguine” Franz Felix und Harald Nielsen - als Eröffnungsfilm das bewegende Melodram „Dr. Holl – die Geschichte einer großen Liebe” mit Dieter Borsche und Maria Schell gezeigt, welches bereits seit einigen Wochen überall in Deutschland mit Rekord- Besucherzahlen aufgeführt wurde. Und auch im „Europa-Palast“ lief der Film fortan mit großem Erfolg.

Als der „Europa-Palast” 1951 eröffnet wurde, muß er ein schmuckes Kino gewesen sein. Auf dem run- den Vordach prangte der neonbeleuchtete Schriftzug mit dem Namen des Kinos. Und auch im Innern erwartete die Besucher Eleganz im Stil der 50er Jahre: im Foyer gab es Blumennischen mit Bambusrohr und ein messingverkleidetes Kassenhäuschen. An dieses Kassenhäuschen erinnerte sich die ehemalige Kassiererin, Frau Leye, noch mit gemischten Gefühlen. Sie mußte nämlich dafür Sorge tragen, daß der Messingglanz erhalten blieb. Und das nur, weil ihre Vorgängerin aus Unwissenheit die Schicht matten Zapon-Lacks abgeputzt hatte, die das Metall schützen sollte.

 

Ein schmuckes Kino

Der riesige Kinosaal hatte die zeittypischen, kunststoffbespannten Wände und war mit zweiarmigen Leuchtern bestückt. Das zur Eröffnung verteilte Faltblatt schwärmte: „Auf allen 800 Plätzen [Anm.: in Wahrheit dürften es nur ca. 760 gewesen sein] hochgepolstertes Gestühl ... Neuzeitliche Klimaanlage mit ständiger Be- und Entlüftung ... Leistungsstarke, modernste Ton-Anlage ... Indirekte, behagliche Beleuchtung ... Volkstümliche Preise: DM — .90, 1.10, 1.25, 1.40 ... Neueste deutsche und ausländische Filme, darunter zahlreiche in Hamburger Erstaufführung ...“ Kein Wunder, daß auch die Presse überschwenglich von der Eröffnung des neuen Kinos berichtete. Das „Hamburger Abendblatt” schrieb beispielsweise: „Beschwingte Festlichkeit lag gestern über der Eröffnung des neuen ‘Europa-Palastes’ in der Jarrestraße. Der formschöne Kino-Bau verdankt seine Entstehung der Theaterbesitzerin Helene Meiniger und wurde von der Architektengemeinschaft O. Barthel und E. Brandau ausgeführt. 760 Plätze mit Polstergestühl sind vorhanden. Für Schwerhörige gibt es zwölf Verstärker.” Die „Hamburger Freie Presse” wußte zu berichten: „Eine endlose Wagenauffahrt begleitete die Premiere des Europa-Palastes an der Jarrestraße. Frau Helene Meininger, eine der erfahrendsten Persönlichkeiten der Hamburger Filmtheaterwirtschaft, empfing als Bauherrin die Glückwünsche zahlreicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Berufskollegen und der Vertreter des Filmverleihgewerbes. Von der blumenumsäumten Bühne des repräsentativen, 800 Plätze fassenden Theaters begrüßte Franz Felix das festliche Haus ...”. „Die Welt” meinte: „Hamburg ist damit um ein sehr schönes, repräsentatives Filmtheater reicher geworden. Nach guter hamburgischer Sitte überreichten zahllose Freunde der Inhaberin, Frau Meininger, wunderbare farbenprächtige Blumenarrangements, die, in der Vorhalle aufgestellt, dem Abend einen festlichen Rahmen gaben”. Und die „Morgenpost” sprach von einem „reizenden Festprogramm”, wies darauf hin, daß man u.a. alle Arbeiter eingeladen hatte, die am Bau beteiligt gewesen waren, daß die rund 800 Plätze mit Schlarrafia-Polster ausgestattet wurden und daß die Klimaanlage und eine indirekte Beleuchtung höchsten Komfort boten.

 

Es gab schon einen „Europa-Palast“

Der „Europa-Palast“ war übrigens nicht das erste Kino dieses Namens in Hamburg. Schon seit 1926 existierte ein „Europa-Palast“ am Barmbeker Markt (siehe Titelbild). Er gehörte August Pick und ab 1940 Helene Meininger, die mit ihrer Familie von 1912 bis 1952 eine Kette von 12 Kinos aufgebaut hatte. Die Werbe-Leuchtschrift bestand aus einem geschwungenen Namenszug, zudem gab es eine große Plakatwand und ein aufwendiges Vordach. Die signifikante Kinofassade erstreckte sich über mehrere Geschosse. Trotzdem ist auf historischen Fotos deutlich zu erkennen, daß sich über dem Kinoeingang im Erdgeschoß nur schlichte Wohnoder Bürogeschosse befanden. Das Gebäude mit dem Kino am Barmbeker Markt fiel 1943 den Bomben zum Opfer. Als Ersatz wurde, nicht allzu weit vom alten Standort, dann nach dem Krieg ein neues Kino unter gleichem Namen in der Jarrestraße erbaut.

 

Gezeigt wird, was gefällt

Es gab täglich vier Vorstellungen und zusätzlich am Sonntagvormittag eine Jugendvorstellung. Gezeigt wurde alles, was damals aktuell war. Der Eröffnungsfilm „Dr. Holl” lief über mehrere Wochen – wie bereits erwähnt - sehr erfolgreich. Später standen Werke wie „Ein Amerikaner in Paris“ (mit Gene Kelly), „Zu spät, Dr. Marchi“, „Der letzte Sommer“ (mit Hardy Krüger und Liselotte Pulver), Disneys „Eine Prinzessin verliebt sich“, „Grüne Witwen“ und zahllose Märchen- und Zeichentrickfilme für Kinder auf dem Spielplan.
Das Progamm wurde aber nicht allein von Filmvorführungen bestritten. Hinter Vorhang und Leinwand befand sich eine richtige Bühne, die gelegentlich für Auftritte von Conferenciers und anderen Unterhaltungskünstlern genutzt wurde. Auch ein Klavier war vorhanden. Die Programmzettel und Plakate wurden vom Vater Helge Meiningers selbst gestaltet.

 

Kindheit in einer „Kinofamilie“

Helge Meininger, Enkel der alten Dame und Mitbesitzer des Ende 1994 geschlossenen „Thalia“-Kinos, erinnerte sich in unserem Gespräch noch an die Autofahrten, auf denen Tag für Tag die Familie auf die einzelnen Kinos verteilt wurde: Erst wurde die Oma Helene Meininger am „Reichstheater“ an der Fruchtallee abgesetzt, dann die Mutter am „Thalia“ in der Grindelallee und zuletzt saß der Vater allein im Auto und fuhr in die Jarrestraße. Das heißt - meistens saß er nicht ganz allein da, denn sein Sohn, der sich aussuchen durfte, wen er begleiten wollte, fuhr am liebsten mit in die Jarrestraße. „So habe ich manchmal 4 oder 5 Filme die Woche gesehen“, erinnerte er sich. Geschadet hat ihm das weiter nicht. Nur einmal konnte er nachts nicht schlafen: das war, als er im Alter von 11 Jahren in der Spätvorstellung den „Frankenstein“-Film mit Boris Karloff gesehen hatte.

Eine Klimaanlage und indirekte Beleuchtung boten im Kinosaal für damalige Verhältnisse höchsten Komfort
Das Publikum des Kinos bestand im Wesentlichen aus Leuten, die in der näheren Umgebung wohnten, kam aber auch aus anderen Stadtteilen. Nicht immer ging alles friedlich ab: Wenn der Rocker „Horst von der Raupe“ (er hatte eine riesige Haarlocke, wie Little Richard) mit seiner Freundin in der ersten Reihe saß, konnte es Ärger mit ande- ren Besuchern geben. „Da flog dann schon mal eine Stuhllehne durch den Saal“, erzählte Helge Meininger.
Die Geschichte des „Europa-Palast“ endete im Juli 1969. Der Pachtvertrag lief aus und das Kino machte einem Supermarkt Platz. Es war ohnehin die Zeit, in der das Fernsehen die Kinos völlig überflüssig zu machen schien.

 

Das „Kino vor dem Kino“ in der Jarrestadt

Nicht alles, was sich zum Thema „Kino in der Jarrestadt“ sagen läßt, hängt allein mit dem „Europa- Palast“ zusammen. So dürfte wohl kaum jemand wissen, daß es bereits in den 30er Jahren den, nicht verwirklichten, Plan gab, ein monumentales Kino an der Großheidestraße, Ecke Semperstraße/ Wiesendamm zu bauen, also dort, wo heute die Epiphanien-Kirche steht. Der Entwurf des Architekten Langloh zeigt einen gewaltigen Bau mit zahlreichen Nebenräumen, der das Grundstück ganz ausfüllen sollte.
An den Ecken waren mehrgeschossige Wohnbauten vorgesehen, die den flacheren Kuppelbau des Kinos (mit 6 riesigen Säulen vor der Eingangshalle) einrahmten. Daß das Kino gleichzeitig auch als „Parteisaal” für die Zwecke der NSDAP dienen sollte, ist vermutlich aus dem Bestreben zu erklären, das massenwirksame Kino, und sei es als bloßen Veranstaltungsort, für eigene Propagandazwecke einzusetzen.

 

Fast spurlos versunken: Die „Lichtspiele Jarrestadt“

Es gab aber in diesem Stadtteil auch „wirkliches“ Kino bevor der „Europa-Palast“ eröffnet wurde. So erinnern sich ältere Jarrestädter noch daran, daß während des Zweiten Weltkriegs gelegenlich in der Pausenhalle der Schule Meerweinstraße Filme gezeigt wurden. Und dem JARRESTADT-ARCHIV liegt ein Zeitungsausschnitt mit Kino-Spielplan für die Woche vom 1. bis 7. März 1946 vor. Da kann man lesen, daß in den „Lichtspielen Jarrestadt“ ein Film namens „Seine beste Rolle“ lief. Die Autorin hat noch nicht herausgefunden, wo diese „Lichtspiele Jarrestadt“ lagen, und von wann bis wann dort Filme gezeigt wurden. Aber vielleicht gibt es ja jemanden im Leserkreis dieser Zeitschrift, der darüber Bescheid weiß, oder Zeit und Lust hat, die Spurensuche wieder aufzunehmen ...

 

Das Gespräch mit Helge Meininger fand 1992 im „Thalia“-Kino statt. Frau Leye war zu diesem Zeitpunkt dort Kassiererin, und der ehemalige Vorführer des „Europa-Palasts“, Herr Domnik, versah ebenfalls dort seinen Dienst.

 


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