Filmstadt HamburgPlatzhalterKinosPlatzhalterFernsehenPlatzhalterFilmtechnik PlatzhalterSammlungenPlatzhalterHistorischesPlatzhalterDie PamirPlatzhalterSetfotosPlatzhalterPlakatePlatzhalterZeitschriftenPlatzhalterHamburger FlimmernPlatzhalterDrehbücherPlatzhalterProgrammheftePlatzhalterReeducationPlatzhalterLinksPlatzhalterVeranstaltungen
###SPALTE_RECHTS###

Hans Borgstädt. Lizenz Nr. 7:

Der Mann hinter KOSMOS

 

Die KOSMOS war neben der VERA die älteste größere Filmproduktion in Hamburg. Ab 1927 wurde die Firma von JAM Borgstädt geleitet und nach 1945 von seinem Sohn Hans fortgeführt. Nachstehend geben wir in Auszügen ein Gespräch mit Borgstädt junior wieder, das Eggert Woost 1988 mit ihm führte.

Im „Verzeichnis deutscher Filme" habe ich in der ersten Ausgabe von 1927 als Eintragung FILMWERKSTATT JAM BORGSTÄDT" gefunden, im Nachtrag von 1928 als Kommanditgesellschaft „KOSMOS-FILM-VERTRIEB J.A.M. Borgstädt".

Borgstädt: Während es vorher ein einfacher Gewerbebetrieb war, ließ man die Firma später als „KOSMOS FILM JAM BORGSTÄDT" handelsgerichtlich eintragen. Mein Vater Johann Albert Meno (genannt JAM) Borgstädt wurde 1891 in Hamburg geboren. Nach der Schulzeit begann er eine Lehre als Schaufenstergestalter. Vom mühsam gesparten Geld hat er sich dann eine Holzkamera gekauft.

 

War das ein Fotoapparat oder eine Filmkamera?  

Ein Fotoapparat. In großen Hotels gab er sich als Fotograf aus. Er bot an, Aufnahmen von den Gästen zu machen, die er innerhalb von einer halben Stunde entwickeln würde. Am Hauptbahnhof, im Hotel „Berliner Hof", fing er an. In seinem Labor im Hotelkeller trocknete er mit Spiritus und warmem Wasser schnell die Abzüge und malte mit seiner schönsten Schreibschrift „Silvester 19.." oder „Grüße aus Hamburg" auf die Fotos. Die Hotelgäste im Restaurant haben für damalige Verhältnisse viel Geld dafür gezahlt.

1914, zu Beginn des ersten Weltkrieges, wurde er zum Militärdienst eingezogen, konnte aber seinen Fotoapparat mitnehmen und sich als „Kompaniefotograf" betätigen. 1918, nach dem Krieg, wollte er gern filmisch tätig sein. Zunächst mußte er sich aber mit einem „Produktenhandel" über Wasser halten, das bedeutete, Altwaren abzuholen, im Keller zu sortieren und wieder zu verkaufen. Im Jahre 1921 ging mein Vater zur Filmfirma Döring nach Hannover, um das angestrebte Handwerk zu erlernen. Diese Firma hatte ursprünglich in Hamburg ihren Sitz, bevor sie nach Hannover umzog. Als mein Vater 1922 wieder nach Hamburg zurückkam, brachte er eine gebrauchte Ernemann-Kamera und ein Stativ mit. Anfangs war es relativ schwierig, reale Filmaufnahmen kaufmännisch zu verwerten. Deshalb fing er an, Trickfilme herzustellen. Der erste dieser Filme hieß „Chaplin in der Wüste". Die dazu extra angefertigten Trickfiguren mußten immer für jedes Bild neu ausgerichtet werden. Oben auf einer Leiter saß meine Mutter und drehte die Kamerakurbel, dann ging der Kameraverschluß kurz mit einem „biiieh, klack" auf und wieder zu. Danach bereitete mein Vater die nächste Bewegung der Figuren vor. Und das 24 mal, für nur eine Sekunde Film! Vier Gaslampen beleuchteten unseren Tricktisch, die nach ungefähr zwei Jahren gegen damals moderne Quecksilberdampflichter ausgewechselt wurden.

Um 1926 zogen wir in eine Dreizimmerwohnung um. Mein Vater beschlagnahmte sofort das Badezimmer und machte eine Dunkelkammer daraus. Daß da keiner von uns mehr darin baden konnte, war ihm wurscht. 

Aus dieser Zeit stammen vermutlich die ersten Filme, die ich in den Verzeichnissen unter KOSMOS-Film entdecken konnte: „Büder vom vierten Arbeiterjugendtag in Hamburg 1925", vier Akte mit 1442 Metern Länge. „Bilder vom Verkehrsstreik in Hamburg 1925", ein Akt mit 140 Metern Länge. „Am Lebensborn. Bilder deutscher Körperkultur", fünf Akte mit 1935 Metern Länge. „Aus der Fabrikation sanitärer Anlagen", drei Akte, mit 741 Metern Länge. „Gesunde Milch. Bilder aus der Milchversorgung einer Großstadt", in vier Akten. Und ich fand den Film „Abessinien, das Landder Somalis". Dazu muß ihr Vater doch Reisen in damals ferne Länder unternommen haben?

Ja, er ist von 1927 bis 1928 in Afrika gewesen.

 

Das muß damals ja ein größeres und schwierigeres Unternehmen als heutzutage gewesen sein, wo man bequem mit dem Flugzeug reist...

Das war es sicherlich. Der Afrikafilm wurde in einem sehr langwierigen Verfahren - richtig nach einem Drehbuch - zusammengeschnitten, so daß er erst etwa um 1934 herauskam. Gleichzeitig startete auch der Regisseur Martin Rikli seinen Afrikafilm. Als 1935 die Italiener den Krieg mit Abessinien begannen, da waren die Filme von Rikli und meinem Vater auf einmal nicht mehr opportun. Die Italiener waren ja nun Verbündete Deutschlands geworden und so wurde ein Aufführverbot gegen die Filme ausgesprochen.

 

JAM Borgstädt gehörte politisch gesehen sicherlich nicht unbedingt zu den konserativen Leuten. Er drehte u.a. Dokumentarfilme über den „Arbeiterjugendtag in Hamburg", einen „Verkehrsstreik in Hamburg" und 1928 entstand „Beisetzungsfeierlichkeiten für Bürgermeister Otto Stolten", der Hamburgs erster SPD-Bürgermeister war. Nicht zu vergessen Filme wie „Stadtkolonie Moorwerder" oder die zusammen mit Heinrich Sahrhage gedrehten Schullandheim-Dokumentationen. Aber zu den wirtschaftlichen Hintergründen: Wie verdiente man damals sein Geld als Filmemacher?

Es gab manche Leute, die gleich versuchten, mit Spielfilmen Geld zu machen. Dafür war der alte Borgstädt nicht zu haben. Er experimentierte lieber mit dem Medium Film, drehte "Spuk im Spielklub" und „Schwabenstreiche", ganz im Sinne der Avantgardisten, darin hat er sich wirklich wiedergefunden.

 

Gingen diese Kurzfilme über eine richtige Verleihgesellschaft an die Kinos, gekoppelt mit einem Spielfilm?

Die Kinos mußten ja was auf die Leinwand bringen. Früher hatte man immer gleich zwei Hauptfilme im Programm, meist erst ein trauriges Werk und dann ein lustiger Streifen hinterher. Als die Filme immer länger wurden, zeigte man nur noch einen Hauptfilm und als Beiprogramm dafür gern noch einen Kulturfilm oder einen Kurzspielfilm.

 

Hat Ihr Vater auch Vortragsreisen gemacht, bei denen er seine Stummfilme selbst kommentierte?

Nur zu dem Afrika-Film „Im Schatten des goldenen Löwen" hat er auch Vorträge gehalten, der kam beim Publikum besonders gut an.

 

Gab es damals eigentlich schon ein richtiges Filmkopierwerk in Hamburg?

Ja, unsere KOSMOS FILM BORGSTÄDT hatte in der Ifflandstraße eine Kopieranstalt, einschließlich einer großen Trommel zum Trocknen der Filmpositive. Wir hatten einmal sogar einen großen Auftrag des damals bekannten Filmproduzenten Boehner aus Dresden für einen Film, den er für die Volksfürsorge herstellte. Da sollten dann die Filmaufnahmen von der Hochzeitszeremonie eines Vorstandsdirektors unbedingt noch am selben Abend vorgeführt werden. Das war nur möglich, weil wir in unserem eigenen Kopierwerk blitzschnell das Negativ entwickeln und ein Positiv ziehen konnten. Im Jahre 1928, nach der Rückkehr meines Vaters aus Afrika, bauten wir in der Wandsbeker Chaussee Räumlichkeiten zu einem richtigen Atelier aus. Dort lebten auch noch einige Zeit „Fritz", die aus Afrika mitgebrachte Meerkatze, und ein namenloser Kragenbär.

 

Wie sahen die Kontakte zu den Kollegen aus dem Filmgeschäft nach dem Zweiten Weltkrieg aus? Der Firmengründer, ihr Vater, JAM Borgstädt lebte ja schon nicht mehr...

Wir bemühten uns alle, einen Produzentenverband zu schaffen. Dazu trafen wir uns im Shell-Haus, dabei waren auch die renommierten Regisseure Harry Piel und Helmut Käutner. Ich gehörte damals auch zu einem Fachausschuß, der ebenfalls im Shell-Haus tagte: Das war der Entnazifizierungs ausschuß für Kunstschaffende mit den Abteilungen für Film, Theater und Bücher. Als altes SPD-Mitglied hatten mich die Engländer dafür ausgesucht; mit mir saßen u.a. Senator Kirch aus Altona und Heinz B. Heisig vom „Waterloo"-Theater in diesem Ausschuß.

 

Warum haben Sie sich entschlossen, im Metier ihres Vaters weiterzumachen?

Das ergab sich eigentlich von selbst. Nach meiner Ausbildung in Berlin bei Paul Tesch und dem Tode meines Vaters wollte ich die KOSMOS FILM übernehmen, wurde dann aber als Soldat eingezogen.

 

Sie waren im zweiten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter tätig?

Ja, das kam so: Ich wohnte zu Anfang des Krieges gerade in Berlin im Hotel „Dessauer Hof" in der Stresemannstraße. Abends fand ich eine Nachricht an der Rezeption vor, ich hätte mich bei der Wehrmacht zu melden. Und wie ich am Kaserneneingang diese bewußte Karte vorzeige, da sagt der Posten sofort zu mir in breitem Berlinerisch: „Mensch, auf dir warten se schon!" Und so war ich plötzlich eingezogen zur „Propagandakompanie" der Wehrmacht, als Kameramann Nr. 90.

 

Und wie ging es weiter? Gab es eine spezielle Ausbildung, Filmlehrgänge bei der Wehrmacht?

Nein, überhaupt nicht. Ich wurde zunächst beim Frankreichfeldzug eingesetzt, danach kommandierte man mich für Filmaufnahmen von Feldflughäfen zur Luftwaffe nach Norwegen ab. Später wurde ich verwundet und kam ins Lazarett nach Holland, von wo ich mich bei Kriegsende bis Hamburg durchschlug.

 

Wie kam es dazu, daß die KOSMOS FILM nach dem zweiten Weltkrieg 1947 in den Alster-Film-Studios in Ohlstedt einen eigenen Spielfilm drehte?

Ich hatte die Idee, einen Film zu machen, der sich mit der Situation der jungen Menschen unmittelbar nach dem verheerenden Krieg befassen sollte. Der Filmfinanz-Ring finanzierte das Drehbuch. Als Filmtitel wählten wir „Die Andere". 1947 hatte ich die Zulassung als Filmproduzent bekommen, die Lizenz Nr. 7 in der britischen Besatzungszone. Zunächst stellte ich mit der „Information Control" englische Auftragsfilme her, beispielsweise zur „reeducation" („politischen Umerziehung") der deutschen Polizei in Hamburg. Daraus entwickelten wir den Plan, doch mal einen Spielfilm zu machen. Leider war die Sache finanziell aber ein Reinfall. Wovon sollte ich nun leben?

Zum gerade im Entstehen begriffenen Fernsehen wollte ich nicht, ich hatte keine Lust, mich als Kameramann hinter diesen elektronischen Kameras zu verbergen. Das hatte für mich mit Film überhaupt nichts mehr zu tun. Ich bin dann aber schließlich doch beim Fernsehen in Bremen gelandet, allerdings als Ausbilder am Schneidetisch. Dort drehte ich noch eine Reihe von Werbespots und auch kleinere Filme, z.B. einen Dokumentarfilm über „Worpswede" und auch einen umfangreicheren Film über das Auto, zusammen mit dem Hamburger Journalisten Pohl von der „Welt". Schließlich arbeitete ich bei einer Wedeler Firma und konnte dort meine praktischen Kenntnisse über Kameras und ihre Technik für den Offsetdruck verwenden.

Vielen Dank für das Gespräch.


W3C validiert