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Erinnerungen an einen Hamburger Filmbetrieb:

Atlantik Film Kopierwerk


Von Till Heidenheim

Im nordöstlichen Teil Hamburgs, direkt am Wohldorfer Wald und dem heutigen Naturschutzgebiet Duvenstedter Brook im idyllischen Ohistedt gelegen, befand sich von 1946 bis 1989 das ursprüngliche ATLANTIK FILM KOPIERWERK. Heute weist nichts mehr darauf hin, daß hier einst die Wiege der Hamburger Filmindustrie stand. Nichts blieb vom alten Glanz im dörflichen Ortsteil, dicht an der Landesgrenze zu Schleswig-Holstein. Im Mai 1996 wurde das heute in Hamburg-Rahlstedt ansässige Kopierwerk 50 Jahre alt; ohne jede Würdigung, was unser Verein hiermit nachholt.

„Military Government Germany Information Control" nannte sich die Stelle der englischen Militärregierung, die im Januar 1946 Wilhelm Breckwoldt und Bruno Jensen lizensierte, drei filmtechnische Betriebe zu gründen. Der ursprüngliche Name „Atlantik Film Studio und Kopierbetrieb Breckwoldt & Jensen" verweist auf die damalige Firmierung, die den älteren Filmschaffenden noch vertraut ist.

 

Bruno Jensen saß mit seiner Frau Lieselotte – in der Branche liebevoll Lilo genannt -1945 mit Filmgeräten aller Art in Clausthal-Zellerfeld. Dorthin war gegen Ende des Krieges die Hauptfilmstelle des Luftfahrtministeriums umgelagert worden, deren technischer Leiter Jensen als einziger Zivilist dort seit 1938 tätig war. Zuvor, bei Aufkommen des Tonfilmes Ende der zwanziger Jahre, rüstete Jensen, vorrangig im Rheinland, die Kinos auf dieses für die damalige Zeit sensationelle neue Medium um. Im Juni 1945 kamen zunächst die Amerikaner in den Harz und requirierten den größeren Teil der filmtechnischen Geräte, der Rest wurde von Jensens in einer Turnhalle zwischengelagert. Die USArmee zog bald darauf ab, die Engländer übernahmen das Gebiet und gaben sich sofort sehr aufgeschlossen. Bereits im Juli 1945 zog Bruno Jensen mit seiner Frau nach Hamburg in den Nordosten der Stadt, nach Ohistedt. Die Verbindung zu den Engländern blieb. Auf deren Anregung hin begann bereits 1945 die technische Einrichtung des Synchronbetriebes, den späteren ALSTER-STUDIOS (über diesen Hamburger Traditionsbetrieb berichten wir separat in einer späteren Ausgabe). Die Briten halfen, die Geräte vom Harz nach Ohistedt zu verlagern, denn die Hamburger FILM SECTION der Engländer, Leitung Major Chapman, erwarteten die baldige Synchronisation von Filmen. So fanden sich in der Gründungszeit zusammen die ALSTER-FILM-ATELIER Breckwoldt & Co. Inh.: Wilhelm Breckwoldt und Franz Wigankow, die RHYTHMOTON WIGANKOW & Co. Inh.: Horst Wigankow, Charlotte Decker, Johannes Pfeiffer sowie der Sohn Franz Wigankow als Kommanditist und eben die ATLANTIK-FILM, Inhaber Bruno Jensen und Wilhelm Breckwoldt. Der eine Film- und Tontechniker, der andere hanseatischer Kaufmann und Geldgeber. Die Eröffnung der drei filmtechnischen Betriebe konnte am 6. Mai 1946 gefeiert werden. Jensen hatte dafür den Tanzsaal und die Kegelbahn eines der Gasthöfe am nahen Hamburger Ausflugsgebiet hergerichtet, der sich wegen der Kriegszeit in einem schlimmen Zustand befand. Bald stellte sich heraus, daß zur Synchronisation ein nahegelegener Kopierbetrieb geschaffen werden mußte. Der alte Tanzboden im Gasthaus Weber sollte dafür genutzt werden, hielt aber nicht lange dem Gewicht der ersten 35mm S/W-Kopiermaschine stand. So begann Jensen mit dem weiteren Um- und Aufbau, unterstützt von seiner Frau, die mit ihm zusammen schon während des Krieges in der Berliner Hauptfilmstelle der Luftwaffe arbeitete.

 

Tanzsaal als Studio

Helmut Käutner drehte den legendären ersten deutschen Nachkriegsfilm "IN JENEN TAGEN" als Produzent mit seiner CAMERA-FILM. Die komplette Bearbeitung in Bild und Ton übernahmen die benachbarten Ohlstedter Betriebe. Die Hamburger Uraufführung fand im Hamburger „Waterloo" statt, danach erfolgreich im Berliner „MARMOR-PALAST" und in zahlreichen anderen Städten. Im Sommer 1947 taten sich Walter Koppel und Gyula Trebitsch zusammen, gründeten die REALFilm und drehten ihren ersten Spielfilm "ARCHE NORA". Für die Innenaufnahmen dieses ersten deutschen Atelierfilmes in der britischen Zone hatten sich Koppel und Trebitsch für einen benachbarten Tanzsaal am Ohlstedter Melhopweg entschieden, das ATLANTIK Kopierwerk befand sich schräg gegenüber. Das war der Beginn einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit zwischen REALFilm und Atlantik. (Ausführlicheres siehe Interview mit dem Zeitzeugen Bodo Menck in Heft 1/96).

 

Aufbau des Trickstudios

Rudolf Lehmann (86), Trickfilmspezialist, ein Weggefährte von Bruno Jensen seit 1938, war als Leiter des aufwendig eingerichteten Trickfilmateliers der Hauptfilmstelle in Berlin tätig. Gleich nach seiner Gefangenschaft fand er sich mit Jensen in Ohlstedt wieder und baute 1948 das Atlantik-Trickstudio als Leiter auf. Er und Heinz Bendixen schufen unter anderem zahlreiche Verleihschutzmarken, das berühmte REAL-Film-Zeichen wurde von beiden später in Farbe neu gestaltet.

 

Wichtige Kunden

Viele Spielfilmaufträge folgten. Die JUNGE FILMUNION Rolf Meyer, Bendestorf, wurde ab 1947 ein wichtiger Kunde als Produzent mit eigenem Studio. EAGLE-LION-Film, die spätere RANK-Film, ließ ihre aus England herübergeholten Filme am Melhopweg bei ALSTER synchronisieren und nebenan bei ATLANTIK in größeren Auflagen kopieren. Außer Spielfilmproduktionen blühte in diesen Aufbaujahren der Kultur- und Dokumentarfilmbereich auf, Hersteller wie Klemme, Knoop oder Kipp ließen bei ATLANTIK ihre Filme bearbeiten.

 

In frühen Jahren trat Dr. Wiers von der Deutschen Wochenschau an ATLANTIK heran, um seine kompletten Filmbearbeitungen und die zahlreichen Wochenschaukopien, die zu der Zeit als einzige aktuelle Filminformation in hohen Auflagen benötigt wurden, ebenfalls dort bearbeiten zu lassen. Jensen lehnte ab; das war Auslöser für die Gründung der GEYER-WERKE Hamburg-Rahlstedt seitens der Familie Geyer in Berlin.

 

1951 wurde das Kopierwerk durch einen Neubau erweitert. Das Gebäude Melhopweg 2 erwarb man 1955 dazu. ATLANTIK-Film befand sich am äußersten Stadtrand, so verfügte das Kopierwerk jahrzehntelang über alle Handwerkerbereiche: Mechaniker, Schlosser, Elektriker, Monteure, eine Tischlerei, die dem Trickatelier angeschlossene hauseigene Druckerei sowie eine Modellwerkstatt Anfang der fünfziger Jahre wurde die 16mm SA/Vschmalfilmbearbeitung aufgenommen. Vielen ist heute unbekannt, daß der damalige NWDR, der spätere NDR, bei ATLANTIK für die in Hamburg ansässige Tagesschau ihre aktuellen 16mm SA/Vumkehrfilme laufend entwickeln ließ. Der Hubschrauber wartete auf dem nahegelegenen Sportplatz solange, bis die Originale entwickelt waren und zurückgeflogen wurden, um am gleichen Abend aktuell ausgestrahlt zu werden. Später erst baute der Norddeutsche Rundfunk sein eigenes Kopierwerk. In der folgenden Zeit bis heute blieb aber das Fernsehen ein wichtiger Auftraggeber, auch indirekt über die Auftragsproduzenten.

 

Hohe Kopierauflagen

1956 entstand zunächst in Hamburg das „Institut für den wissenschaftlichen Film" (IWF), damals wie heute mit weltweiter Bedeutung. Das IWF ließ seine Filme zur damaligen Zeit ausschließlich durch ATLANTIK bearbeiten, anfangs im hochwertigen 35mm Format. Das FWU, Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht München, schon vor dem Krieg von Berlin aus für den schulischen Informations- und Ausbildungsbereich von großer Bedeutung, war bis zuletzt wie das IWF einer der größten Kunden mit speziellen Qualitätsansprüchen und besonders hohen Kopierauflagen. So verließen Tausende von Kilometern Film in all den Jahren das beschauliche Ohlstedt, als Vorführkopien hergestellt.

 

1957/58 begann der zweite Bauabschnitt, es folgte die wichtige Aufbaustufe zur 35mm Farbfilmbearbeitung. Ab 1960 konnte Atlantik auch 16mm Farbfilme entwickeln, kopieren, vervielfältigen. Peter von Zahn drehte in aller Welt mit seiner Produktionsfirma WINDROSE - ein treuer und sehr langjähriger Kunde, dessen Teams in Ohlstedt ein und ausgingen. 1964 setzte die Trickabteilung die erste Oxberry-Trickkopiermaschine ein, im gleichen Jahr kam der erste Bell & Howell-Printer mit additiver Kopierlicht-Steuerung zum Einsatz. 1968 hielt der Super 8 Film seinen Einzug: ATLANTIK stellte sich auf diesen neuen Markt sofort ein. Handel und Industrie, Wissenschaft, Schulung, Unterhaltung - es gab bis hin zu den Großhändlern der Privatkundschaft alle denkbaren Bereiche, dieser Markt brachte Atlantik über viele Jahre enorme Umsätze.

 

1970 ein großer Eingriff, sorgfältig vorbereitet: der Abriß der alten Kopierwerksgebäude; das neue Hauptgebäude erwuchs an der alten Stelle, gedacht für die Fabrikation, die Verwaltung und viele Nebenbereiche, jetzt alles unter einem Dach. Im Mai 1971 konnte dann der 25. Jahrestag der Firmengründung mit der Einweihung dieses neuen Kopierwerkes gemeinsam mit den ALSTER STUDIOS am Melhopweg feierlich in Anwesenheit von Wirtschaftssenator Kern und vielen Kunden und Freunden beider Häuser begangen werden.

 

Im gleichen Jahr 1970 erwarb der Mitgesellschafter Wilhelm Breckwoldt von seinem langjährigen Partner Bruno Jensen, der 1974 zurückgezogen verstarb, dessen Firmenanteile. In allen drei Formaten konnten jetzt im neuen großen Haus die Kunden bedient werden. Studio Hamburg blieb in sämtlichen Bereichen einer der wichtigsten Auftraggeber: Spiel-, Dokumentär-, Fernsehfilme, Tricks dazu. Die Kinowerbefilmproduktion boomte, in den siebziger Jahren bis zum Ende in Ohlstedt wurden ständig Tausende von Spots fertiggestellt, wobei die meisten Filmtricks vom inzwischen personell aufgestockten und ausrüstungsmäßig ab 1979 mit Computeranlage versehenen Trickstudio geschaffen wurden. Titel, Grafiken, insbesondere Spezialtricks wurden in kürzester Zeit in separaten Gebäuden künstlerisch gestaltet.

 

Kripo ging vor

Vielen ist nicht bekannt, daß die Kriminalpolizei z.B. bei Banküberfällen für ihre Ermittlungen auf Film zurückgriff. Auch die Hamburger Krankenhäuser konnten Voruntersuchungen am Herzen nur auf 35mm-Film vornehmen. Solche Fälle mussten von der Terminstelle sofort vorgezogen werden, denn oft wartete das Operationsteam mit dem Patienten auf die raschen Entwicklungsergebnisse, Kuriere sausten los - heute angesichts der bekannten Techniken kaum noch vorstellbar. Die Kripo konnte auch erst nach der Filmentwicklung und Kopierung mit Ihren Ermittlungen beginnen. Die Peterwagen rasten deswegen häufig mit Blaulicht in Hamburgs nordöstlichsten Zipfel.

 

Zu Beginn der achtziger Jahre wurde es bei Aufkommen der damals noch verschiedenen Videosysteme in allen Absatzmärkten erforderlich, für den neuen Markt technisch umzurüsten. Man baute die S-8-mm Abteilung um, es entstand in den frei gewordenen Räumen die Videoabteilung. Video-Massenkopierung im sich durchsetzenden VHS-Markt erfolgte aber bald bei ALLTRANSFER, einer gemeinsamen Tochterfirma von Studio Hamburg, Geyer-Werken und ATLANTIK, auf dem Studio Hamburg-Gelände. Die hauseigene Video-Abteilung mit Schnittplätzen wurde den Anforderungen entsprechend in den achtziger Jahren laufend um hochwertige Anlagen wie Abtaster mit Nasseinrichtung und szenenweiser Farbkorrektur erweitert.

 

Aus ATLANTIK wurde GEYER

1986 erwarb der Hamburger Mitbewerber, die GEYER WERKE GMBH, aus dem Nachlaß des inzwischen verstorbenen Wilhelm Breckwoldt dessen Anteile am ATLANTIK FILM KOPIERWERK. Erforderlich wurde nunmehr die personelle, maschinelle und räumliche Zusammen-führung. Einige Bereiche verblieben bis 1989 in Ohlstedt, die Hauptfabrikation erfolgte aber zentral in Rahlstedt, wo noch heute der miterworbene Name ATLANTIK FILM KOPIERWERK an die bewegten Jahrzehnte in Ohlstedt erinnert.

 

Im gleichen Jahr 1989 wurden die Gebäude des früheren Atlantikkomplexes am alten Standort abgerissen, lediglich ein Altgebäude, als Wohnhaus verkauft, verblieb. Bis auf die - unter dem neuem Inhaber Gürtler - am Melhopweg weiterbetriebenen ehemaligen ALSTER-STUDIOS erinnert in der ländlichen Idylle nichts mehr daran, daß dort früher mehr als 280 Menschen in unzähligen Bereichen der weitverzweigten Bearbeitungen tätig waren. An der Stelle der früheren Gebäude der Atlantik befinden sich heute Miet- und Eigentumswohnhäuser. Die „Veteranen" des Kopierwerks treffen sich regelmäßig auf Initiative von der Ex-Mitarbeiterin Helga Lübker, scharen sich wie eh und je um Lilo Jensen und halten die Erinnerung an vergangene Zeiten wach.

 

Besonderer Dank für das Zustandekommen dieses Berichtes gebührt vor allem Lilo Jensen und Karl Heinz Bendixen, Trickfilmspezialist und Atlantik-Chronist.



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