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Alte Lichtspielhäuser (1):

Hamburgs schönstes Kino

Von Volker Reißmann

Die wenigsten von den jüngeren Kinobegeisterten, die zum „Cinemaxx" am Dammtor-Bahnhof strömen, werden wissen, daß sich auf der gegenüberliegenden Seite des Gustav-Mahler-Parks, im markanten Phrix-Gebäude an der Esplanade, bis vor knapp 15 Jahren ebenfalls ein Kino befand, welches von einstigen Besuchern noch heute als „Hamburgs schönstes Lichtspieltheater" bezeichnet wird.

 

Im Nachkriegsjahr 1948 wurde der ehemalige Tanzsaal des seit 1907 bestehenden „Esplanade"-Hotels zu einem Luxus-Kino umgebaut. Nicht weit davon entfernt, in der Dammtorstraße, gab es damals das „Waterloo"-Kino: Dessen Betreiber, Heinrich Bernhard Heisig, suchte schon seit einiger Zeit nach einer weiteren Abspielstätte, insbesondere für die von ihm bevorzugte anspruchsvolle Kinokost.

 

Heisig hatte damals große Ambitionen: Mit einigen anderen Filmschaffenden gründete er bereits 1947 in dem zum „Waterloo"-Kino gehörenden Bürotrakt das noch heute existierende Fachorgan „Film-Echo" (inzwischen mit der „Filmwoche" vereinigt und in Wiesbaden erscheinend), zudem war er Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes der Filmtheater in Hamburg und Schleswig-Holstein e.V. und spielte mehrfach mit dem Gedanken, wie auch in der Vorkriegszeit, wieder „Internationale Filmtage" in Hamburg zu veranstalten. Dafür brauchte er das neue „Esplanade"-Theater als zusätzliches Uraufführungskino.

 

Der renommierte Hamburger Architekt Professor Cäsar Pinnau setzte seine große Erfahrung und Liebe zur räumlichen Struktur und Ausgestaltung beim Ausbau der Innenräume ein. Der neoklassizistische Stil mit barocker Stuckarchitektur (aus Gips) des zunächst ohne Rang knapp 500 Plätze umfassenden Saales war einmalig für einen Lichtspieltheaterbau in der Hansestadt und verlieh dem ganzen den gewünschten festlichen Charakter. Das Kino besaß sogar eine Cafe-Bar mit eigenem Wintergarten. Bei der Vorstellung der Räumlichkeiten am 17. August 1948 für Presse und geladene Gäste betonte Heisig in der Eröffnungsanspräche seine angestrebten Ziele: „Das Programm des 'Esplanade-Theaters' wird also zu einem großen Teil Filmwerke aufweisen, die zu betrachten und besprechen sich lohnt, auch wenn ihnen vielleicht das Dekor großer Stars und des großen Aufwandes fehlen sollte. Darüber hinaus soll in diesem Theater die Anonymität des Betrachters gelegentlich fallen. Ich plane geschlossene Veranstaltungen, vornehmlich für den Sonntagvormittag, an denen wir die Diskussionen zwischen Herstellern, Schauspielern, Journalisten und Publikum haben werden. Es sollen in diesem Rahmen nicht nur die Produzenten ihren Film verteidigen oder erläutern, sondern auch Kritiker und Zuschauer ihre Ansicht und ihr Urteil."

 

Auch für französische Filmkunst gedacht

Nicht nur Filme aus dem Programm des damals führenden britischen Eagle-Lion-Verleihs sollten im „Esplanade"-Kino aufgeführt werden, sondern auch die nun wieder zugängliche französische Filmkunst. Und wenn es ihm auch nicht in vollem Umfang möglich war, den gewünschten Austausch zwischen Publikum und Filmschaffenden in Gang zu bringen, so gelang es Heisig zusammen mit seinem Geschäftsführer Alfred Goerlich doch in den folgenden Jahren, viele deutsche und ausländische Filmschaffende zu glanzvollen Premieren nach Hamburg zu holen: Regisseure und Schauspieler wie O.W. Fischer, Rene Clair, Julien Duviver, Jacques Becker und Jean Cocteau. Spektakulär war auch die umstrittene Premiere des Willi-Forst-Films „Die Sünderin" mit Hildegard Knef 1950, bei der nur die Polizei einen ordnungsgemäßen Ablauf der Veranstaltung durch Absperren der gesamten Esplanade und Zurückdrängen der wütenden, gegen den „sittlich wie moralisch bedenklichen" Film Demonstrierenden, garantieren konnte.

 

Das Kino wurde auch häufig für einzelne Vorstellungen vermietet, u.a. für Presse-Präsentationen von neuen Filmen, wie sie heute im „Streits" stattfinden. Heinz Lützow, seit 1943 Kinovorführer im „Waterloo" und später auch im „Esplanade", kann sich noch heute gut an die geschlossene Vorführung des NS-Propagandafilms „Jud Süß" für das Hamburger Landgericht anläßlich eines Prozesses gegen den Regisseur Veit Harlan 1948 erinnern: Nach der Filmvorführung kam es zum Eklat, da einige der Anwesenden der Meinung waren, die besonders anstößige Vergewaltigungsszene mit Kristina Söderbaum sei nicht in voller Länge gezeigt worden.

 

In der Tat befand sich die besagte Szene genau am Ende eines Aktes und der Vorführer mußte rechtzeitig auf die nächste Spule überblenden, um kein „Schwarzbild" zu erzeugen (ein Koppeln, sprich das Montieren der einzelnen Filmakte auf einen Teller, war damals technisch noch nicht möglich). So fand kurz darauf eine weitere Vorführung bei der „Film Section" der britischen Militärbehörde am Speersort statt, wobei dann die Filmakte noch einmal einzeln nacheinander - und ohne Überblendüng - vorgeführt wurden. Doch das Resultat blieb genau das Gleiche und der Filmvorführer war rehabilitiert!

 

Absolute filmische Höhepunkte waren im „Esplanade"-Theater Werke wie die „Kinder des Olymp", mit einer Spielzeit von über 3 Monaten, oder „Das Haus von Montevideo", welches nach mehr als 15 Wochen Rekordspielzeit und 396 Vorstellungen mit einer besonderen Plakette gewürdigt wurde. Auch die Zwangsversteigung des Phrix-Gebäudes 1951 und der plötzliche Tod des Geschäftsführers Goerlich 1956 konnte dem Erfolg des „Esplanade"-Theaters keinen Abbruch tun.

 

Mitte der fünfziger Jahre wurde das Kino für „CinemaScope"-Breitleinwandfilme umgerüstet, wodurch man hoffte, den Kampf gegen das aufkommende Fernsehen und die allgemeine Kinomüdigkeit der Bevölkerung aufnehmen zu können. Auch der neue Geschäftsführer Billerbeck setzte auf klassische Filmkunst: Charlie-Chaplin-Filmreihen, Stan Laurel- und Oliver-Hardy-Retrospektiven. 1968 wurde das Filmtheater renoviert. Auch weiterhin kamen Stars wie Yves Montand („Das Geständnis", 1970) oder Sergio Leone („Spiel mir das Lied vom Tod"", Wiederaufführung 1972).

 

Aus eins mach zwei

1973 wurde das Kino dann in zwei Säle geteilt: In das „Esplanade" (491 Plätze) und in das „Intime" (91 Plätze). Ein bei den Bauarbeiten im Dachstuhl am 20. April 1973 ausgebrochenes Feuer führte zum Einsturz der großen Glaskuppel im Foyer, so daß erst am 11. April 1974 der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden konnte.

 

Da die „Zentralkasse der Norddeutschen Volksbanken", der das Haus inzwischen gehörte, Anfang der achtziger Jahre Platz für weitere Büroflächen und den Ausbau des bankinternen Computer-Rechenzentrums benötigte, wurde der Vertag zum Betrieb des Kinos gekündigt - und das trotz 150.000 Zuschauer allein im Jahre 1981! Auch ein letzter Rettungsversuch des Nobelkinos von über 1100 Hamburgern, unter Führung des Sprechers der Ärztekammer, Dieter W. Schmidt („Das einzige Kino, wo man sich noch gut anzieht"), war zum Scheitern verurteilt: Die Drohung der Bank, Arbeitsplätze aus Hamburg zu verlagern, zeigte Wirkung und verhinderte eine Unter-Denkmalschutz-Stellung. Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung „Tod in Venedig" markierte dann schließlich auch den Tod des Kinos: Am 22. August 1982 öffnete sich mit der 23.15 Uhr-Vorstellung nach 34 Jahren endgültig zum letzten Mal der letzte Vorhang. Geschäftsführer Wilhelm Busse lud Heinz B. Heisig, dem zu dieser Zeit das Theater schon lange nicht mehr gehörte, als Gast zur vorletzten Vorstellung in das „Intime in der Esplanade" (Heisig selbst verstarb am 7. Dezember 1984 in Hamburg). Der neue Kinoboom, der Mitte der achtziger Jahre einsetzte, kam für „Hamburgs schönstes Kino" leider etwas zu spät!


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