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Das Bahnhofskino

Programm und Publikum an einem Durchgangsort

Von Christian Tünnemann

Das Bahnhofskino und auch der erweiterte Begriff des Aktualitäten-Kinos finden in der filmhistorischen Forschung bisher kaum Beachtung und waren bisher nicht Gegenstand einer film- und kinogeschichtlichen Debatte. Als Grundlage für die Darstellung diente zum einen Archivmaterial, anhand dessen die Hintergründe zur lokalen Kinogeschichte aufgearbeitet wurden. Ein weiterer Teil des Materials entstammt den Ortsbegehungen und Kontakten mit Zeitzeugen; dadurch konnte vielfältiges Material auch in Form von Fotografien und Interviews benutzt werden. Die Daten zum Filmprogramm entstammen der Tagespresse.

 

Bahnhofskinos erscheinen uns heute wie Relikte aus der Vorzeit des Kinos und verschwinden langsam aus dem kollektiven Gedächtnis. Ganz verschwunden sind sie jedoch noch nicht: In vielen Köpfen steckt sie noch, die Erinnerung an das Bahnhofskino, das aki. Aber diese Erinnerungen sind nicht nur positive: Die letzten Jahre der akis als heruntergekommene Spielstätten von Sexstreifen lassen ihre frühere Bedeutung in Vergessenheit geraten.

 

Vorläufer 

Als das Kino zu Anfang des 20. Jahrhunderts seinen weltweiten Siegeszug antrat, kaufte Pathé 1908 das ehemalige Wachsmuseum Musée St. Denis, um dort sein Pathé-Journal zu präsentieren. Die Zeit der Wachsmuseen war vorüber, und filmische Aktualitäten waren gefragt wie nie zuvor. Auch Gaumont zog wenige Jahre später nach und eröffnete 1910 in Paris unter dem Namen Gaumont Actualitiés ein Aktualitäten-Kino. In den 30er Jahren gab es mehrere Lichtspielhäuser dieser besonderen Art, die sich ausschließlich auf Aktualitäten und Wochenschauen spezialisiert hatten. Diese Cinéacs (auch: Cinéac - Le Journal) wurden oftmals von den großen Zeitungen in Paris betrieben; im Jahre 1934 waren es bereits fast zwanzig Stück, verteilt über das Pariser Stadtgebiet.

 

In Großbritannien entwickelten sich in den 30er Jahren Kinos, die ausschließlich newsreels in ihrem Programm zeigten. Zu diesen news-theaters findet sich ein aufschlussreicher Hinweis bei David Attwell: Cathedrals of the movies (London 1980): Er führt die USA als Ursprungsland der Aktualitäten-Kinos an, im Jahre 1929 seien hier die ersten Kinos entstanden, die ausschließlich auf Aktualitäten, Cartoons und Reiseberichte fokussiert waren. Diese Idee wurde von den britischen Kinobetreibern des Shaftesbury Avenue Pavillon 1930 übernommen, und so entstand eines der ersten Aktualitäten-Kinos in Großbritannien. Wenige Jahre später eröffnete man Aktualitäten-Kinos an den beiden großen Bahnhöfen Londons, an der Victoria Station im Jahre 1933 und an der Waterloo Station im Jahre 1934.

 

Die Wochenschau-Kinos

Auch in Deutschland waren Aktualitäten-Kinos später ein verbreitetes Phänomen. Hier gab es Lichtspieltheater, die reine Wochenschau-Kinos waren. Insbesondere in den Jahren des Zweiten Weltkrieges, in denen die Wochenschauen zu Propagandazwecken instrumentalisiert wurden und auch Bestandteil des Vorprogramms jeder regulären Kinovorstellung waren, gab es diese speziellen Kinos. Das erste reine Wochenschau-Kino eröffnete am 20. Juni 1940 in Berlin. Für 40 Pfennige (60 Pfennige in den Abendstunden) gab es die aktuellen Wochenschauen zu sehen, der Einlass war stündlich. In den letzten Jahren des Krieges wurden zum Zweck der ‚Information‘ auch zahlreiche Behelfskinos eingerichtet, welche die aktuellen Filmberichte von der Front zeigten, die dort von speziell ausgebildeten Soldaten der Propaganda-Kompanien gefilmt worden waren. In Bielefeld bot auch nach Kriegsende ein Wochenschau-Kino, Woki genannt, aktuelle Filme an.

 

Bali – Bahnhoflichtspiele

Der Aufbau moderner Bahnhöfe aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs sollte eine neue Ära des Eisenbahnverkehrs einläuten. Der Bahnhof sollte mehr sein als nur Eisenbahnstation und dem Reisenden mehr Komfort bieten. Es entstanden neue Projekte wie die großzügigen Bahn-Hotels. Neu war auch die Idee, den Reisenden die Wartezeiten mit Information und Unterhaltung zu versüßen: Ein Kino schien ideal dafür. So entstanden im Jahr 1949 im Stuttgarter Hauptbahnhof die Bahnhofs-Lichtspiele, kurz bali genannt. Rund ein Jahr später wurde das bali am Hamburger Hauptbahnhof eröffnet. Wenig später nahm auch in Dortmund ein solches Kino den Betrieb auf. Wieder waren es Wochenschauen, die diesen Kinos das Gepräge gaben.

 

Aki - Aktualitäten-Kinos

Am 10. Juni 1950 wurde in Hamburg die aki – Aktualitäten-Kino Betreiber Gesellschaft gegründet. Die Abkürzung akistand für ‚Aktualitäten-Kino‘, dessen Logo einen Globus mit den drei Buchstaben aki abbildete. Diese Gesellschaft hatte die Idee, bundesweit in den Bahnhöfen der Großstädte Kinos zu eröffnen. Die Verhandlungen mit der bizonalen Eisenbahnverwaltung Anfang 1949 in Bielefeld entwickelten sich gut, und der Vorschlag, in den vom Krieg schwer getroffenen Bahnhöfen Lichtspieltheater zu errichten, stieß auf Begeisterung, sicher auch, weil die aki Gesellschaft den Ausbau der Kinoräume auf eigene Kosten anbot. So wurde man sich sehr schnell einig, und diese Gesellschaft erhielt den Zuschlag. Sie hatte nun das Monopol für derartige Bauten in Bahnhöfen in West-Deutschland.

 

Das Programm in den akis hatte bis Ende der 1950er Jahre eine klare Struktur: Man zeigte zunächst einen halbstündigen Zusammenschnitt aus den vier deutschen Wochenschauen, gefolgt von einem Kulturfilm und zum Abschluss einen Zeichentrick-oder Slapstickfilm. Insgesamt dauerte das Programm rund 50 Minuten und wurde permanent wiederholt. Im Wochenturnus gab es ein neues Programm, welches dann per Aushang direkt am Kino oder als Anzeige in der Tageszeitung veröffentlicht wurde. Dass hier kein allzu großer Werbeaufwand betrieben wurde, nur in Einzelfällen wenn auf besondere Highlights im Programm hingewiesen werden sollte, verstand sich von selbst, denn die Besucher gingen nur selten ins aki um bestimmte Filme zu sehen. Diese Strategie hatte natürlich einen deutlichen wirtschaftlichen Vorteil: Die akis befanden sich so nicht im Konkurrenzkampf mit den Erstaufführungskinos, sparten viel Geld für aktuelle Kopien und auch die Kosten wie für Werbung usw. Es war ja hier immer ‚für jeden etwas dabei‘.

 

Die Programme waren immer nach dem selben Muster gestrickt: Es war „ein Programm für die ganze Familie“. Nachdem das Eintrittsgeld entrichtet war, konnte man so viel Zeit im Kino verbringen wie man mochte. Dadurch entstand natürlich ein völlig anderes Kinoerlebnis als bei den inzwischen üblichen Langspielfilm-Kinos. Die Idee war, dass Menschen am Bahnhof meist Wartezeiten von unbestimmter Länge zur Verfügung hatten. So war es auch möglich, durch den relativ geringen Eintrittspreis nur kurz ins Kino zu gehen, sich Teile des Programms anzusehen und danach, ohne das Gefühl zu haben, man habe etwas verpasst, zum Anschlusszug zu gehen. Man konnte ja den Rest des Programms auch an einem anderen Tag ansehen. Ebenso war es natürlich möglich, mehrere Stunden dort zu verbringen, was sich deutlich auf die herrschende Atmosphäre auswirkte.

 

Ball und Akt in Hamburg

Auch in Hamburg versuchte man in der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, den Reisenden am Bahnhof neue Möglichkeiten zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib zu bieten. Von Bombenangriffen schwer beschädigt bot sich das HAPAG-Gebäude am Glockengießerwall direkt neben dem Hauptbahnhof als neuer Kinostandort an. In Abbildung 4 wird die zentrale Lage direkt neben dem Bahnhof deutlich. Auf Initiative der Reichsbahn, die sich sehr ambitioniert zeigte, sollte hier den Reisenden kurzweilige Information und Unterhaltung geboten werden. Geplant waren Wochenschauen, kurze Kulturfilme und Lustspiele. Langfilme waren nicht vorgesehen, da das Projekt von vornherein als eine Art Wartesaal konzipiert war, um so den spezifischen Publikumsbedürfnissen gerecht zu werden.

 

Der Umbau des Gebäudes gestaltete sich jedoch schwieriger als erwartet, und so eröffneten erst am 29. November 1950 die bali Bahnhofs-Lichtspiele als eine der ersten Kino-Neubauten in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Der enorme Kinosaal mit anfangs 620 Sitzplätzen war als Durchgangskino konzipiert, und Ein- und Ausgang waren dementsprechend getrennt angelegt. Das verglaste Foyer schuf eine moderne, urbane Atmosphäre. Mit allen technischen Raffinessen der Zeit ausgestattet präsentierte sich das bali als modernes Lichtspielhaus mit einigen Besonderheiten: Eine Programmuhr, eine kleinere Reklameleinwand und eine versenkbare Bühnenwand - dem Namen des Kinos nach mit balinesischen Schattenspielen bemalt - anstelle der sonst üblichen Bühnenumrandung mit Vorhang. Auch die ersten „Liebes-Doppelsitze“ in der letzten Reihe wurden von der Presse begeistert beschrieben. die herrschende Atmosphäre auswirkte.

 

Doch erst die Umgestaltung des bali Kinos im Juni 1952 zum aki-Kino verwirklichte die anfangs beabsichtigte Nutzung als Bahnhofskino: Im Rahmen eines weiteren Umbaus wurde das Kino an die bereits in Frankfurt, Stuttgart, Köln und München erprobten baulichen Vorbilder angepasst. Auch hier wurden nun ein Mittelgang eingerichtet und der Sitzreihenabstand erweitert. Die vergleichsweise helle Beleuchtung war auf die hohe Fluktuation der Gäste ausgerichtet. Die Anzahl der Sitzplätze wurde auf rund 500 reduziert. Entsprechend der Strategie der aki-Kette wurden auch im ehemaligen Bali nun Aktualitäten aller vier deutschen Wochenschauen in Kombination mit Kultur- und Trickfilmen als 50-minütiges Nonstop-Programm rund um die Uhr von 9 bis 24 Uhr präsentiert. Bereits vorhandene Pläne, auch im Bahnhof Altona ein aki zu errichten, wurden nicht in die Tat umgesetzt.

 

Das Hamburger aki musste jedoch schon bald wieder seine Pforten schließen: Das Gebäude sollte im Zuge einer Straßenerweiterung abgerissen werden, und so fand am Donnerstag, den 16. Januar 1964, die letzte Vorstellung mit Wochenschau-Höhepunkten, dem Reisefilm „Bern - Stadt im Herzen Europas“, dem Kulturfilm „Vom Hamburger Müll - die Kehrseite“ und einem „Tom und Jerry“ Zeichentrickfilm statt.

 

Eine Bemerkung am Rande: Einige Jahre später, 1973, wurde gegenüber des Hauptbahnhofs das bali wiedereröffnet und brachte die zeitgemäße Kost aus Action, Karate und Sex.

 

Die Akis im Wandel

Das Fernsehen wurde zunehmend zu einer ernsten Konkurrenz für die akis. So verlagerte man den Schwerpunkt in den 1960er Jahren von den Aktualitäten, die durch das Fernsehen schneller vermittelt wurden, zunehmend auf Kulturfilme und neue Elemente wie Kurzkrimis ins Programm. Gegen Ende der 1960er und Anfang der 1970er wurden nach und nach alle akis auf die Vorführung regulärer Spielfilme umgestellt. Diese Neuorientierung deutet auf erheblichen Zuschauerrückgang und Umsatzeinbußen hin. Zwar waren von dem Problem des seit Mitte der 1950er Jahre einsetzenden Kinosterbens alle Kinos gleichermaßen betroffen; allerdings konnten die akis sich auch in dieser Krisenzeit noch recht gut behaupten. Während bundesweit zahlreiche andere Kinos schließen mussten, standen die Zeichen bei den sehr populären akis noch auf Expansion. Bis in die 1960er Jahre hinein wurden noch neue Kinos errichtet. Auch die anlässlich des Festakts zum 20-jährigen Bestehen gezogene Bilanz fiel noch deutlich positiv aus: In den 20 Geschäftsjahren wurden rund 185 Millionen Eintrittskarten in den akis verkauft.

 

Schließlich aber bekamen auch die Aktualitäten-Kinos die Kinokrise zu spüren Insbesondere schien das ‚Aktualitäten‘-Konzept nicht mehr zeitgemäß und konnte sich gegen das aufkommende Fernsehen nicht behaupten. Mit dem Fernsehen setzte auch eine gesellschaftliche Veränderung ein: Ein radikaler Umbruch, der den Massenmedien-Konsum nahezu komplett in die bürgerliche Privatsphäre der Wohnzimmer verlagerte. Sicherlich hatte die Bedeutung des Privaten auch erhebliche Auswirkungen auf die Räume unmittelbarer Öffentlichkeit wie den Bahnhof.

 

Das neue Konzept war es, Filme zu bieten, die es im Fernsehen und auch in den meisten übrigen Kinos nicht zu sehen gab. Im Programm ging es nun nicht mehr um Fußballspiele, Weltpolitik, Königshochzeiten und die Tiere des Waldes. Als Action-Theater setzte man nun auf Western und schlagkräftige Unterhaltungsfilme und ‚Sex‘, wohlgemerkt alles lange Spielfilme, die nun im zweitägigen Wechsel präsentiert wurden. Diese Umstellung auf den Spielfilm fand Ende der 1960er Jahre zwar in allen akis, jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Die örtlichen Betreiber orientierten sich hier offensichtlich an der regionalen Nachfrage. Im Nürnberger aki wurde beispielsweise bereits 1965 die neue Programmstruktur eingeführt, in Köln im Jahre 1967 und nach diesen erfolgreichen Testläufen wurden nach und nach die anderen akis umgestellt. Frankfurt und München folgten dann im Jahre 1970. Nun versuchte man in den akis neue Sensationen anzubieten und wurde zunehmend vom Aktualitäten-Kino zum ‚Absurditäten-Kino‘.

 

Wie die Betreiber verkündeten, gab man den Leuten nun was sie wollten und ihnen vom Fernsehen noch nicht geboten wurde: „Wenn auch mit Bedauern (...) habe sich die Geschäftsführung dann bereit finden müssen, vorrangig in der Programmgestaltung sogenannte ‚Sexfilm-Programme‘ einzusetzen." (Frankfurter Nachrichten 31.5.1979) Zum einen ging man wohl davon aus, dass sich die klassische Programmstruktur der akis überlebt hatte und mit neuen Inhalten in eine Marktlücke vorzustoßen war. Das episodenartige ‚klassische‘ aki-Programm war zwar bei Reisenden gut angekommen, doch diese machten nun nur noch einen Bruchteil der Besucher aus. Durch die Modernisierung und den Ausbau des Bahnverkehrs hatte das Angebot an Reise- und Anschlussmöglichkeiten stark zugenommen und auch die eventuellen Wartezeiten waren dadurch immer kürzer geworden. Doch letztendlich war die Umstellung auf Spielfilme weniger ein Einlenken auf die übliche Programmstruktur und das den Sehgewohnheiten entsprechende Format, sondern vielmehr eine inhaltliche Neuorientierung.

 

Das Ende der Akis

Bis Mitte der 1980er Jahre hatten alle akis komplett auf Hardcore-Pornofilme umgestellt; das passte jedoch nun so gar nicht mehr in das Konzept des sauberen Bahnhofs. In der Zwischenzeit hatte sich ein weiteres konkurrierendes Medium hinzugesellt: Video machte nun das Geschäft mit Filmen, die das Fernsehen nicht bieten konnte. In den 1990er Jahren waren die Zuschauerzahlen permanent rückläufig, und die großen akis wirkten recht verloren und zweckentfremdet. Nur noch wenige Zuschauer verirrten sich hierher, und auch der Verfall der Einrichtung schritt stark voran. Aus den einstmals so populären Familien-Kinos waren vereinsamte und heruntergekommene ‚Pornokinos‘ geworden, die der Bahn ein Dorn im Auge waren.

 

Die Kinos in den deutschen Bahnhöfen hatten natürlich auch zunehmend schwer mit den zahlreichen anderen Dienstleistungs-und Freizeitangeboten zu konkurrieren. Für die Besucher aus der Stadt wurde der Bahnhof aufgrund seines schlechten Images auch als Freizeitziel immer unattraktiver. Das ‚Geschäft mit dem Sex‘ im Kino war unrentabel geworden. Nachdem auch von Seiten der aki-Betreiber wenig Initiative für einen Neuanfang gezeigt wurde, nahm die Sache ihren Lauf: Pachtverträge wurden nicht verlängert und ein Kino ums andere musste schließen. Das letzte aki stand vermutlich im Nürnberger Hauptbahnhof, doch 1999 war auch hier ‚Ende der Vorstellung‘. Die aki-Aktualitäten-Kino Betreiber Gesellschaft wurde in der Folge aufgelöst. Die Bahnhöfe waren um eine Attraktion ärmer, dafür wieder ein Stück sauberer.

 

Was unterscheidet die akis nun von anderen Kinos? In den akis war Freiraum für Bewegung. Freiraum ist immer auch gleichzusetzen mit Freiheit und dem Raum, sich zu artikulieren, zu Kommentaren, spontanen Gefühlsäußerungen; kurz: zur Selbstentfaltung und Interaktion. Eine kollektive Bewertung, eine Deutung der Geschehnisse auf der Leinwand, passierte ‚ad hoc‘ als gruppendynamisches Ereignis. Ein Kinobesuch im aki der 1950er Jahre lässt sich nicht vergleichen mit dem verordnet starren und passiven Filmkonsum heutiger Tage. Die akis waren ein Kino für jedermann, denn sie waren so öffentlich wie der Bahnhof selbst. Das aki war Bewegung, war Leben und was eine weitere, deutliche Parallele zum frühen Kino aufzeigt, die Menschen erlebten hier eine Panoptikum informativer und unterhaltsamer Themen, eine ‚lebende Illustrierte‘, fernab vom grauen Alltag, der ihnen im Bahnhof so gnadenlos begegnete. Es war ein Zufluchtsort, eine Scheinwelt, die Realität und Fiktion mischte und vom Publikum dankend angenommen wurde. Im Laufe der Entwicklung des akis gab es Brüche und Veränderungen formeller und struktureller Art. Doch es ist das Kino der Attraktionen, die Scheinwelt geblieben, und die Menschen haben ihr Bedürfnis, die Realität als Spektakelzu erleben, nicht verloren, auch wenn nun andere Medien sich dessen angenommen haben.

 

Die Rolle der akis als ein Nachrichtenmedium darf dabei nicht unterschätzt werden. Sie waren durchaus auch an der Meinungsbildung der Besucher beteiligt. So gewinnt die Themenauswahl im aki noch in einem weiteren Gesichtspunkt entscheidende Bedeutung, nämlich hinsichtlich ihrer Rolle im Prozess des Agenda-Setting. Durchaus lassen sich dem aki diese ‚basis-demokratischen‘ Züge nicht absprechen, doch ob diese Kinos letztlich als einfache ‚Vergnügungsstätten‘ oder aber als Zentren kollektiver politischer Meinungsbildung gesehen werden, sei dem Leser selbst überlassen.

 

Am aki lässt sich sehr gut zeigen, wie sich die Veränderungen einer Komponente auf die anderen Elemente und auf ‚das Ganze‘ auswirken. So haben beispielsweise die Veränderungen im Zeitmanagement der Reise letztlich Auswirkungen auf das Publikum im aki gehabt – welches sich nun überwiegend aus männlichen Nicht-Reisenden zusammensetzte – und dadurch wiederum Einfluss auf das Filmprogramm genommen. Der Bahnhof als Rahmen fungiert hier in gewisser Weise als ‚Biotop‘. Er ist Indikator gesellschaftlicher Veränderungen in verschiedensten Bereichen, wie in der Arbeitswelt oder der Familie, die sich hier mit ungebremster Dynamik entfalten.

 

Wir danken dem Autor, dass wir einen Auszug aus seiner Magisterarbeit zum Bahnhofskino abdrucken konnten. Die Arbeit wurde 2003 dem Institut für Empirische Kulturwissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen vorgelegt. Neben Hamburg behandelt die Arbeit vor allem die Geschichte des Münchener Aki.


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