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Egon Monk: Stationen der Kreativität

Über den Meister der anspruchsvollen Fernsehunterhaltung

Von Dr. Gerhard Vogel

Wer sich der Person des Regisseurs Egon Monk und seinem Werk nähert, ist zunächst einmal überwältigt von seiner Schaffenskraft und Energie, von der vielfältigen Umsetzungsarbeit und unerschöpflichen Kreativität. Wie kaum einer der zeitgenössischen Autoren verbindet er in seinen Arbeiten Praxis und Theorie, und im Dialog mit der Tradition vermag er Neues zu gestalten. Durch diese einmalige Verknüpfung von praxisorientierter Theorie und theorie-gesteuerter Umsetzung wird Egon Monk selbst auch zum besten Interpreten seiner Werke.

 

In der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der vergangenen Zeiten und im Umgang mit dramatischen Dichtungen (u.a. Aristoteles, Shakespeare, Lessing, Brecht) wurde er zum Begründer einer „Neuen Hamburgischen Dramaturgie". Nicht nur Aristoteles und Shakespeare, sondern vor allem auch Lessing mit seiner „Hamburgischen Dramaturgie" (1767-81 ) sowie Bertold Brechts „Kleines Organon für das Theater" (1949-1954) sind die immanenten Gestaltungsstrukturen von Monks Werken, wobei „Unterhaltung und Vergnügen" die „nobelsten Funktionen" des Spiels darstellen. Kein Wunder, dass die heutigen Könner und Vertreter des Qualitätsfernsehens auf höchstem Niveau - Heinrich Breloer, Horst Königstein u.a. mit der Serie „Die Manns" - in dieser Tradition stehen.

 

Der Wunsch, „zum Film zu gehen", begleitete den am 18.Mai 1927 als Arbeiterkind in Berlin geborenen Egon Monk bereits während der Schule, während des Krieges als Flakhelfer und während der Zeit als Schauspielschüler. Er wurde Gründungsmitglied vom „Theater am Schiffbauerdamm" in Berlin und bereits als junger Schauspieler im April 1949 für das Berliner Ensemble von Helene Weigel engagiert. Er arbeitete als Regieassistent bei Bertolt Brecht, Erich Engel und Berthold Viertel. Diese Zeit und erste eigene Regiearbeiten mit Therese Giese prägten die frühen Jahre. Am Berliner Ensemble wirkte er in den Jahren 1949 bis 1953 u.a. an der Inszenierung von Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti" und „Die Gewehre der Frau Carrar" (das auch vom DDR-Fernsehfunk aufgezeichnet wurde), Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa", Lenz' „Hofmeister" und an der Bühnenfassung von Gerhart Hauptmanns „Biberpelz" und „Der rote Hahn" mit.

 

Nachdem er die DDR 1953 verlassen hatte, wurde Monk 1956 Autor und Hörspielregisseur beim „Rundfunk im amerikanischen Sektor" (RIAS) in West-Berlin. Die dort von ihm konzipierten Sendungen sind gleichzeitig hervorragende Beispiele für die Hörfunkfassungen von Werken der wichtigsten Schriftsteller jener Zeit. Die Produktionen sind zum Teil noch erhalten, wie zum Beispiel „Simplicissimus" nach Grimmeishausen oder „Ein Löwe hat den Mond verschluckt" von Ben-Gavriel und Mosheh Yaakov. Auch 1957 entstanden unter seiner Leitung noch einige weitere Hörspiele, bevor 1958 „Menschen im Regal" nach Johannes Hendrich die Erfolgsserie abschloss.

 

In der Zeit von 1957 bis 1959 war Monk Regisseur, Dramaturg und Autor beim NDR in Hamburg. Auch aus dieser Zeit sind noch etliche Werke erhalten, wie etwa „Die Festung" von Claus Hubalek, Kolloquien über die Dramaturgie der Gegenwart mit Texten von Dürrenmatt und Brecht. Er selbst verfasste 1959/1960 auch die Manuskripte zur Sendung „Schiller auf der Schaubühne des 20. Jahrhunderts" und zur 10-teiligen Reihe „Tönende Theatergeschichte". Heute erscheinen diese Hörfunksendungen wie Darstellungsetüden zu seinen späteren Meisterwerken im Fernsehen.

 

1960, aufgefordert durch den Intendanten Walter Hilpert und den Programmdirektor Arnold, wurde Monk die Leitung der aufzubauenden Fernsehspielabteilung übertragen. Er fühlte sich „jung genug, und auch kühn genug", diese Aufgabe zu übernehmen. Ein besonderes Werk aus dieser Zeit ist zweifellos der Bericht „Ein Tag": Beeindruckt durch die Lektüre von Günther Weisenborns „Der lautlose Aufstand" und dem dort geschilderten persönlichen Widerstand der kleinen Leute gegen Hitler sowie gestützt auf die Analysen von Eugen Kogon in seinem Buch „Der SS-Staat", reifte in ihm der Plan für das Fernsehspiel „Ein Tag", in dem das Alltagsleben in einem KZ abgebildet werden sollte. Zwar gab es Dokumentationen von Bossak über die Zeit nach der Befreiung 1945, z.B. über Majdanek, Treblinka, Bergen-Belsen und Buchenwald, aber es gab noch keine Film- bzw. Fernsehaufarbeitung dieses Geschehens in der Hitler-Zeit.

 

Berater für die Details war Günther Lys, Mitarbeiter und Dramaturg beim Norddeutschen Rundfunk und selbst ehemaliger Häftling in Sachsenhausen. Die Fernsehsendung „Ein Tag" schildert in Massenszenen das Schicksal nicht von Einzelnen, sondern ist ein Gleichnis für die etwa eine Million Inhaftierten in den Lagern. Das Leitmotiv Monks: „Worum man sich nicht kümmert, kann gefährlich werden" wird in diesem Fernsehspiel exemplarisch deutlich. Monks Interesse an den Fragen der sozialen Umstände und Verhältnisse prägte auch die Form seiner Arbeit und die Wahl der Stoffe. „Preis der Freiheit" und „Schlachtvieh" waren weitere Fernsehspiele, die die Jahre der Nachkriegszeit und die Adenauer- und Ludwig-Ehrhard-Ära reflektierten.

In der Hauptabteilung Fernsehspiel wurden aber auch die traditionellen Formen der Unterhaltungsserie gepflegt, wie z.B. „Die Unverbesserlichen" (mit Inge Meysel und Josef Offenbach) und „Die Gentlemen bitten zur Kasse" (mit Horst Tappert). Die Liste der von Egon Monk in dieser Zeit für den NDR betreuten Fernsehwerke ist lang. Dazu gehörten u.a. „Das Geld, das auf der Straße liegt" von Werner-Jörg Lüddecke (1958), „Das Leben des Galilei" von Bert Brecht (1962), „Wilhelmsburger Freitag" nach Christian Geissler (1964), der autobiographisch geprägte Film „Berlin N65" nach eigenem Skript (1965) und „Preis der Freiheit" nach Dieter Meichsner (1966).

 

Wenn Monk in seiner von großen Erfolgen geprägten Zeit als NDR-Fernsehspielchef attestiert wurde, er erhebe nicht selten ein „radikaldemokratisches Kunstverständnis zum öffentlichen Programm", klang das für den kritischen Zeitgenossen vermutlich wie ein Lob.

 

Von August bis Oktober 1968 amtierte Monk dann als Intendant des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. Unter seiner Ägide entstanden vielbeachtete Inszenierungen „Über den Gehorsam" und Schillers „Die Räuber". Egon Monks kurze Zeit am Schauspielhaus bedeutete die Chance, ein neues zeitgenössisches Theater zu begründen. Dies wurde jedoch durch Kulturpolitiker und Kritiker verhindert, die in der Darstellung des damaligen Bundeskanzlers Kiesinger in der Aufführung „Über den Gehorsam" einen Affront sahen. Für Monk begann eine neue kreative Ära als freier Autor und Fernsehregisseur. Ab 1969 schuf er u.a. das Fernsehspiel „Industrielandschaft mit Einzelhändlern" (NDR 1970), die fünfteilige Serie „Bauern, Bonzen, Bomben" nach Hans Fallada (NDR 1973) und natürlich den unvergessenen Zweiteiler „Die Geschwister Oppermann" nach Lion Feuchtwanger (ZDF 1983) sowie für die Hamburger Trebitsch-Holding die fünfteilige Erfolgsserie „Die Bertinis" nach Ralph Giordanos Romanvorlage (ZDF 1992).

 

Egon Monk, der in diesem Jahr 77 Jahre alt wurde, erhielt im Laufe seiner Tätigkeit viele Ehrungen und Auszeichnungen, darunter den Fernsehpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (1966 und 1973), mehrere Preise (1966, 1967, und 1984), die Goldene Kamera (1966) und den Fernseh-Preis der DAG (1966). Heute lebt er in Hamburg und hat - wie sollte es anders sein - natürlich schon weitere auf Realisierung wartende Projekte in der Schublade. So arbeitet er gerade an dem Sendebeitrag „Auf dem Platz neben Brecht - Erinnerungen an die ersten Jahre des Berliner Ensembles" und „Die Ernennung - die dramatischen Wochen vor Hitlers Machtergreifung 1933" sowie einen Beitrag über das Cafe Leon, den legendären Treffpunkt der Berliner Künstler bis 1944. Keine Frage, dass er - frei nach Brechts Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Wege des Laotse in die Emigration" - „noch Kostbarkeiten zu verzollen" hat, denn es gibt sie noch, „die nach etwas fragen und eine Antwort verdienen ..."

 

Der Autor, Dr. Gerhard Vogel, selbst Grimme-Preisträger, war im NDR seit 1970 in verschiedenen Funktionen tätig, so u.a. in der Sendeleitung NDR/RB/SFB, Redakteur in der Arbeitsgruppe Sesamstraße, Redaktionsgruppe ARTE. Der Beitrag beruht u.a. auf Mitschnitten des Seminars der Arbeitsgemeinschaft zur Nachwuchsförderung für Film und Fernsehen am 10. Januar (Leitung: Gerd Thieme) und 26. November 2002 (Dozent: Rainer Aust), die beide im Studio Hamburg stattfanden.


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