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Der Mann, der Bolex und Bolsey entwickelte:

Jacques Bogopolsky

Von Siegbert Fischer

Auf dem Foto: strenger Blick, unnahbar, keine Lachfalten - war er wirklich so? Eine andere Aufnahme zeigt Bogopolsky mit seinen Mitarbeitern - ein natürliches Bild, das dennoch auf einen strengen Menschen deutet. Das Wissen über die Person Bogopolski oder Bogopolsky, der sich auch Jacques Boolsky nannte und in Amerika als Dr.Bolsey bezeichnet wurde, ist gering und nur bruchstückhaft zu rekonstruieren. Ohne Zweifel zählt er aber zu den bedeutendsten Konstrukteuren in der Foto- und Filmbranche.

Jacques Bogopolsky aus der Ukraine, geboren 1896, studiert nach 1914 in Genf Medizin und Schöne Künste (in manchen Veröffentlichungen wird er als gebürtiger Pole, Russe oder auch Schweizer bezeichnet). Der erste Weltkrieg und die Oktoberrevolution 1917 in Rußland macht wahrscheinlich auch für Bogopolsky die Rückkehr unmöglich.

1924 gründet er mit Hilfe von zwei Bankiers die Firma Bol S.A. (S.A. = Société Anonyme - der deutschen AG gleichzusetzen). Diese Firma beschäftigt damals 45 Mitarbeiter, die aus der Uhrenbranche stammten. Seine Filmkamera, die er schon auf der Schweizer Landesausstellung 1923 in Genf vorstellt, arbeitet mit 35 mm Film (der 9,5 mm Film von Pathé kommt 1921 heraus, der 16 mm Film von Kodak erst 1924). Der „Cinegraph Bol“, so wird die Gerätekombination genannt, ist eine Aufnahmekamera für Einzelbilder und Film, die sich zum Projektor umrüsten läßt. Darüberhinaus kann man damit Negative zum Positiv kopieren und auch Vergrößerungen anfertigen. Eine Gebrauchsanweisung dieses vielseitigen Gerätes ist als Nachdruck im Filmkameraregister von Pete Ariel (ACR Nr.563) zu finden. Die später entwickelten Projektoren für die Bol S.A.baut aber die Firma Stoppani in Bern.

Das neue 16 mm Filmformat setzt sich durch und so beginnt Bogopolski 1925 die erste 16 mm Kamera zu konstruieren. In dieser Zeit läßt er sich auch den Namen Bolec schützen, aus dem dann Bolex wird. Diese Bezeichnung wird am 27. Oktober 1927 in Bern eingetragen und damit international geschützt. Die 16 mm Kamera „Bolec“ mit 15 m Filmspulen wird ab 1927 verkauft, gebaut von der Uhrenfabrik Longines. Die erste Bolex mit 30 m Spulen erscheint 1928 als Model B. Bogopolski nennt sich jetzt Jacques Boolsky. Aus welchen Gründen er seinen Namen öfters ändert, ist nicht bekannt.

Der erste Filmclub der Welt - der Bolex-Club - wird von Boolsky am 3.Juli 1929 in Genf gegründet und er ist auch der erste Zentralpräsident des „Bundes schweizerischer Film-Amateurclubs“ (BSFA). Die Weltwirtschaftskrise geht an der Firma Bol S.A. nicht spurlos vorbei und führt 1930 zur Übernahme durch Paillard, die Musikboxen, Grammophone und Schreibmaschinen (Hermes) herstellen. Die neue Firma tritt unter der Bezeichnung Bolex Paillard auf. Boolsky bekommt einen Fünfjahresvertrag und leitet die Entwicklung in Lausanne. Dort ist er an der Entstehung der legendären Bolex H 16 beteiligt.

1933 stellt er mehrere Prototypen einer Spiegelreflexkamera für das 35 mm Filmformat her und nimmt mit der Firma Pignons (Hersteller von Uhrenteilen) Verbindung auf, der er später auch die Rechte an seiner neuen Entwicklung verkauft. Aus dieser Kamera geht die berühmte Alpa hervor. Über die Geschichte der Alpa hat L.Thewes in seinem Buch „Alpa - 50 Jahre anders als andere“ ausführlich berichtet. Die Boolsky-Spiegelreflexkameras unterscheiden sich von der fast gleichzeitig erscheinenden Exakta in Dresden durch einen zusätzlichen Durchsichtsucher mit Entfernungsmesser und einem versenkbaren Objektiv.

Ob Boolsky als Entwicklungsleiter bei Bolex Paillard die Kamera dort zuerst angeboten hat, ist nicht bekannt. Hatte Bolex gar abgelehnt? Oder hat Pignons Boolsky mit dem Entwurf einer Kamera beauftragt? Leider ist in der Literatur nichts über seine Tätigkeit bis zu seiner Ausreise 1939 in die USA zu finden. Ist er bei Bolex in der Entwicklungsabteilung tatsächlich fünf Jahre oder arbeitet er als freier Berater? Viele Patentanmeldungen aus dieser Zeit deuten auf eine freie beratende Tätigkeit. Eine weitere Erfindung, die heute fast vergessen ist, war der Bool Cine-Fader, ein mechanisches Kleinkompendium für Auf-, Ab- und Überblendungen. Dieses Gerät wird in den Fotogeschäften bis ca. 1965 verkauft und ist sehr beliebt (die spätere US-Ausführung nannte sich Bolsey-Cinefader).

Anfänglich ist Boolsky als beratender Ingenieur in den USA tätig und wird auch Mitarbeiter im wissenschaftlichen Forschungsdienst der Armee und der Marine. 1941 gründet er die „Bolsey Laboratories Incorp.“ und bald danach in New York die Firma „Bolsey Corporation of America“. Diese Firma ist für den Bau und Vertrieb der Kameras zuständig. Er nennt sich jetzt Jacques Bolsey. Die Fotokameras der neuen Firma Bolsey in New York werden anfänglich von Pignons S.A. in der Schweiz und später von der Obex Corp. of Long Island produziert. Eine weitere Firma, die „Bolsey Research and Development Corp.“ beschäftigt sich mit Forschungsprogrammen für die amerikanische Armee. Die Firmenbezeichnung „Bolsey-Delmonico Corp. of America“ taucht ebenfalls in der Literatur auf, deren Bedeutung ist bisher nicht zu klären gewesen. Es ist sicher, daß Bolsey nicht nur im Konstruktionsbereich fotografischer Geräte tätig war. Um seine Arbeitsgebiete zu erfassen, wären Patentrecherchen sowohl in der Schweiz wie auch in USA notwendig.

Bolsey geht davon aus, daß die Spiegelreflexkameras zu teuer sind (400 bis 600 US-Dollar) und glaubt, der Markt verlangt hochwertige, preiswerte Geräte. Seine Kameras mit gekuppeltem Entfernungsmesser verkauft er unter 100 Dollar. Mit Sicherheit waren diese Kameras von hoher Qualität, auch die Armee setzt sie ein. 1953 entwickelt er für die Air Force eine 16mm Aufklärungskamera mit der Bezeichnung N-9, die in einem weiten Temperaturbereich arbeiten kann und hohe Beschleuniung aushält. Schon 1949 erscheint in Amerika eine Bolsey-Mikrofilmeinrichtung als komplettes Set mit einer Bolsey B special als Aufnahmekamera und einem Projektionsgerät. 1951 baut der Mediziner (?) Bolsey die „TECHNO-MEDICAL“, eine Spezialkamera für Nahaufnahmen - besonders im medizinischen Bereich. Sie erinnert stark an das spätere Ihagee Kolopofot, welches ab 1960 am Markt ist.

Die Bolsey-Kameras lassen sich in sieben Gruppen einteilen. Die erste Gruppe stellt die Bolsey-Bund -B2-Reihe dar, eine Sucherkamera mit gekuppelten Entfernungsmesser in verschiedenen Variationen. Gebaut wurden diese Kameras von 1947 bis ca. 1953. Die zweite Gruppe ist die Bolsey C, eine zweiäugige Spiegelreflexkamera, ebenfalls mit gekuppelter Entfernungseinstellung. Von dieser Art sind nur zwei Typen bekannt, die C und die C22, gebaut von 1950 bis 1953. Die dritte Gruppe besteht aus einer einzigen Kamera, der Bolsey A, die als LaBelle von PAL verkauft wurde. Es ist eine einfache Sucherkamera von 1953.

In die vierte Gruppe gehört die Aufklärungskamera N9 von 1953 und eventuell weitere, bisher nicht bekannte, militärische Entwicklungen. Zur fünften Gruppe gehören die aus Deutschland 1954/55 bezogenen Kameras von Eugen Ising in Bergneustadt, die Pucki, eine zweiäugige Box-Spiegelreflexkamera in mehreren Design-Arten, die als Bolseyflex verkauft wird. Von Braun in Nürnberg stammt die Bolsey-Explorer. In Deutschland hat sie den Namen „Gloriette“. Der sechsten Gruppe zuordnen muß man die Bolsey Jubilee, die auch als Bolsey B3 mit set-o-matic angeboten wird. Wittnauer (USA) produziert die Kamera dann ab 1957 mit dem Namen „Festival“. In die siebte Gruppe sind die Bolsey 8 Kameras in allen Variationen und auch die Uniset 8 einzuordnen. Diese Kameras werden von 1956 bis 1961 gebaut.

1954 taucht Bolsey wieder in Deutschland auf. Er verhandelt mit Herrn Saraber, dem Besitzer der Firma Finetta in Goslar über den Bau einer ultrakompakten Steh- und Laufbildkamera in der Größe einer Zigarettenschachtel. Als Aufnahmematerial dient ein 25 feet (7,5 m) langer 8 mm Film in einer Spezialkassette. Diese - bis heute kleinste Filmkamera der Welt - erreicht auch die Marktreife und wird für 200 DM verkauft (s.“Der Filmkreis“ 1955, Heft 4, Seite 62). Die Kamera heißt Bolsey 8 und soll in verschiedenen Ausführungen geliefert werden. Doch Finetta ist überschuldet und die Bank in Hannover sperrt die Kredite. Letzte Versuche werden gemacht, die Kamera gewinnbringend zu verkaufen. So plant man eine Serie für England mit der Bezeichung „Princess“, die dann aber als „La- dy“ zur Auslieferung kommt. Auch von einer Bilora- Bolsey wird gesprochen. 1956 geht Finetta in Konkurs, aber aus den vorhandenen Teilen wird auch 1957 noch mit einer kleinen Mannschaft produziert. Über die Niederlande gehen dann die Werkzeugmaschinen nach Amerika und ab 1958 wird die Bolsey 8 in USA hergestellt. Ein Jahr später erscheint eine Variante mit der Bezeichnung Bolsey Uniset 8. Doch auch diese Kamera hat keinen Erfolg. Nach Aussagen des Fotomuseums in CH-Vevey wird die Uniset 8 in der Schweiz bei Le Coultre in Le Sentier produziert, einer Uhrenfabrik, die auch die Fotokamera Compass herstellt. Die Bolsey 8 und die Uniset finden kein Publikum und werden zum Teil für 10 bis 20 Dollar verramscht. Das war zu einer Zeit, als von Super-8 noch nicht gesprochen wurde. Dieses neue Filmformat kann damals folglich nicht der Grund für das Scheitern der Kamera sein. Der Drang und die Mode zur Miniaturisierung besteht damals einfach nicht.

Später versucht Peter Saraber in Deutschland und in der Schweiz nach dem Muster der Bolsey 8 eine Super-8-Kamera zu bauen. Das erste Model, die Tinyca S 8, kommt nicht auf den Markt und das Nachfolgemodel, die Tellcin S 8, erreicht 1970 wahrscheinlich eine Stückzahl von 50 bis 60 Exemplaren (Tellag AG). Das kleine Wunderwerk kostet mehr als 1000 Sfr., hat aber keinen Belichtungsmesser, keinen Zoom, einen Federwerksmotor und eine Spezialkassette für Super-8-Film.

In den Katalogen ist die letzte Bolsey-Kamera mit 1961 datiert. Japanische Kameras eroberten die Märkte. Die Einrichtungen und Werkzeuge der Firma Bolsey, zu der später auch Obex gehört, werden an Wittnauer Watch Co. verkauft. Es wird berichtet, Dr. Bolsey stirbt unerwartet am 20. Januar 1962 in den USA (an anderer Stelle wird der 24.2.62 genannt). Seine Witwe und sein Sohn sollen jedoch das GeschÑft noch einige Zeit weitergeführt haben. Ein weiterer Sohn Bolseys lebt in der Schweiz und stirbt wenige Jahre nach dem Tod seines Vaters.

Und das Schicksal der anderen Firmen? Bolex wird 1970 von Eumig übernommen, die Kameras werden z.T. aus Japan (Chinon) und den USA (Bell + Howell) bezogen und mit den Traditionsnamen Bolex und Eumig beklebt. Zur Abwicklung der Übergabe von Bolex an Eumig wird die Firma Bolex International S.A. ins Leben gerufen. Aus der 1814 gegründeten Firma Paillard wird Hermes- Precisa, dann Hermes-Precisa International und letztendlich übernimmt Olivetti die Firma. Der italienische Konzert „restrukturiert“ Hermes und innerhalb kürzester Zeit ist 0-Produktion und 0-Entwicklung erreicht. Heute ist man dort in den Sektoren Lizenzvergaben und Beteiligungen tätig.

Eumig geht 1980 in Konkurs, Pignons - 1918 gegründet - kann sich noch 10 Jahre weiter halten und ist 1990 bankrott. Nur Bolex International S.A. überlebt, fertigt 16 mm Studiokameras mit Zubehîr und hat den Service für Bolex- und Eumig-Amateurkameras übernommen. Und eine neue ALPA, die Alpa 12 wird von Capaul und Weber geliefert. Mit der ursprünglichen Alpa hat sie nichts mehr zu tun. Gekauft wurde, wie auch bei Exakta, nur der Name.

 


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